Heilung von beiderlei Glück - Francesco Petrarca

Die Heilung von beiderlei Glück

Ein kurzes Vorwort

Die Frage nach dem Glück im Leben ist vermutlich so alt, wie die Menschheit selbst. Zu dieser Frage wurde schon vor fast 700 Jahren ein Buch geschrieben, das sich viele Jahrhunderte in ganz Europa verbreitete. Wir würden heute von einem Bestseller sprechen. Doch irgendwann ist es wieder in Vergessenheit geraten, und heute kennt es kaum noch jemand, was vermutlich kein Zufall ist. Das Buch stammt von Francesco Petrarca, der 1304 in Italien geboren wurde, also gerade 44 Jahre nach Meister Eckhart. Es wurde ursprünglich in lateinischer Sprache mit dem Titel „De remediis utriusque fortunae“ (Die Heilmittel für beiderlei Glück) geschrieben und entstand als sein letztes großes Werk im Alter zwischen 1354 und 1366 vor allem in Mailand, wo er am Rande der Stadt die nötige Ruhe dazu fand (siehe nachfolgendes Bild).

Zu diesem Buch erschien 1532, also über 160 Jahre später, in Augsburg eine deutsche Übersetzung mit dem Namen: „Von der Artzney bayder Glück, des guten und widerwärtigen. Und weß sich ein jeder in Gelück und Unglück halten soll.“ Dazu entstanden von einem unbekannten Meister, den man später Petrarca-Meister nannte, über 250 vorzügliche Holzschnitte zur Illustra­tion. Auch dieses Buch mit fast 700 gedruckten Seiten fand große Verbreitung und wurde noch bis in das 17. Jahrhundert aufgelegt. Buch und Illustrationen gewähren einen wunderbaren Einblick in das damalige Leben und Denken. Und man wird dabei das Gefühl nicht los, daß sich die inneren menschlichen Probleme seit dieser Zeit kaum geändert haben. Auch damals gab es schon seltsame Vorstellungen vom „Glück im Leben“. Entsprechend versucht das Buch mit Hilfe der Vernunft in einer Art Zwiegespräch, diese inneren Knoten zu lösen und den Geist etwas beweglicher zu machen. Wir denken, dieses Thema ist auch heute wieder sehr aktuell, und vielleicht wäre es gut, mal wieder auf die Vernunft zu hören.

Leider konnten wir von diesem Buch nur teilweise Übertragungen in unser heutiges Deutsch finden. So möchten wir hier versuchen, die bestehenden Teile zu sammeln, anzupassen und mit eigenen zu ergänzen. Dann wird vielleicht irgendwann noch ein Ganzes daraus.

Petrarcameister - Francesco Petrarca

In diesem ersten Holzschnitt wird vermutlich Petrarca selbst dargestellt, in sein Inneres zurückgezogen, das einem grünen Garten gleicht, wo ihm ein Diener (vielleicht das Denken oder die Weisheit) aus einer Quelle, die aus der Tiefe bzw. Höhe zufließt, das Wasser der Intuition schöpft, womit er sein Werk verfaßt. Dazu sieht man noch viele andere Symbole, die den Dichter bezeichnen, bis zu den seltsamen Stöcken, die vor der Tür liegen und an weggeworfene Wanderstöcke erinnern, oder die wunderliche rauchende Esse auf dem Dach.

Über diese Holzschnitte, die sich durch das ganze deutschsprachige Buch ziehen, wurde schon viel spekuliert und geforscht. Sie gelten als Meisterwerke der damaligen Holschnitt-Kunst und sind voller Symbolik, die sich unseren heutigen Augen nur noch teilweise offenbart. Die Bilder wurden eingefügt, weil damals viele Menschen nicht lesen konnten, weder das Latein der Gelehrten noch ihre deutsche Muttersprache, und man muß annehmen, daß die Botschaften in den Bildern damals sogar im Volk „selbstverständlich“ waren. Kenner meinen, sie wurden nach den Angaben und Wünschen von Sebastian Brant zur deutschen Ausgabe um 1520 vermutlich sogar im Dunstkreis von Albrecht Dürer gemalt und gefertigt, obwohl es kaum vorstellbar ist, daß man einem Maler so eine genial-komplexe Symbolik erklären kann, ohne daß er selbst die kreative Hauptarbeit dazu leistet. Denn die Symbolik der Bilder reicht oft über den Text hinaus oder hat zumindest die gleiche geistige Tiefe, wie der Text selbst.

So möchten wir versuchen, zu den Bildern einige kurze Kommentare zu schreiben. Aus kunsthistorischer Sicht stützen wir uns dabei auf die unten aufgelisteten Quellen, vor allem auf die Forschungsergebnisse von Walther Scheidig, und aus geistiger Sicht auf den Text selbst sowie die weltanschaulichen Überlieferungen des spätmittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckhart. Dabei geht es natürlich darum, zum weiteren Nachdenken anzuregen, oder wie es bei Goethe im Faust I heißt:

Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.


Inhaltsverzeichnis

An Azzo - Vorrede in Briefform
Das erste Buch - Von der Heilung des Glücks

1.1. Vom blühenden Alter und der Hoffnung auf langes Leben
1.2. Von schöner Gestalt des Leibes
1.3. Von glückseliger Gesundheit
1.4. Von wiedergegebener Gesundheit
1.5. Von den Kräften des Leibes
1.6. Von der Behendigkeit des Leibes
1.7. Vom Verstand
1.8. Vom Gedächtnis
1.9. Vom Wohlreden und Rezitieren
1.10. Von der Tugend
1.11. Von der Meinung der Tugend
1.12. Von der Weisheit
1.13. Von der Geistlichkeit (bzw. Religion)
1.14. Von Freiheit und Leibeigentum
1.15. Von hochrühmlichem Vaterland
1.16. Von adeligem Ursprung
1.17. Von glückseliger Geburt
1.18. Von reicher Speise
1.19. Von Gastwirtschaften
1.20. Von Kleidung und Schmuck des Leibes
1.21. Von Ruhe und Müßigkeit
1.22. Von lieblichem und süßem Duft
1.23. Von Gesang und süßer Melodie
1.24. Vom Tanzen
1.25. Von der Kurzweil des Ballwerfens
1.26. Vom Brett- und Schachspiel
1.27. Vom Glück des Würfelspiels
1.28. Von Kurzweil der Schalksnarren
1.29. Von Kurzweil des Ringens und Wettkämpfens
1.30. Von mancherlei Spektakel der Römer
1.31. Von einem schnellen Pferd
1.32. Von der Jagd mit Hunden und Greifvögeln
1.33. Von vielen Dienern
1.34. Von herrlichen Häusern
1.35. Von starken und festen Burgen
1.36. Von kostbarem Hausrat
1.37. Von Perlen und Edelsteinen
1.38. Von Edelsteinbechern und Trunkenheit
1.39. Von edlen Schmuck- und Siegelsteinen
1.40. Von bemalten Tafeln
1.41. Von kunstfertigen Statuen
1.42. Von korinthischen Gefäßen
1.43. Von der Menge und Fülle der Bücher
1.44. Vom Ruhm der Schriftsteller
1.45. Von magisterlicher Würde
1.46. Von mancherlei Titeln der Kunst und Lehre
1.47. Von königlichen Ämtern
...
1.101. Vom Rachenehmen
1.102. Von der Hoffnung auf Sieg
1.103. Vom Sieg
1.105. Von der Hoffnung auf Frieden
1.106. Von Frieden und Waffenstillstand

Das zweite Buch - Von der Heilung des Unglücks

Vorrede zum Zweiten Buch
2.35. Vom Neide
2.88. Vom lästigen Gefeiertwerden des eigenen Namens
2.93. Von Traurigkeit und Elend
2.106. Von Neid und Mißgunst
2.118. Vom freiwilligen Handanlegen an sich selbst


Anhang 1: Mittelalterliche Symbolik und Kleidung

Hier folgt ein kurzer Überblick über Kleidung und Symbole, welche der Petrarca-Meister um 1500 für die verschiedenen Stände und Berufe verwendete. Wir stützen uns hier zunächst auf eine Liste von Walther Scheidig.

Ärzte: tragen den Doktorhut in Form eines kleinen Baretts, Mäntel mit Armschlitzen, oft mit Pelzkragen. Ihre Tracht kennzeichnet sie als Gelehrte und Bürger (siehe Bilder 1.4 und 2.3). Von den Ärzten werden die Bader unterschieden, die ohne Barett und Mantel auftreten und z.B. als Chirurgen arbeiten (Bild 2.96).

Bauern: tragen gegürtete Kittel, am Gürtel oft einen Beutel, dazu ein kurzes Schwert oder langes Messer. Ihre Mützen schmücken fast immer kurze Hahnenfedern. Unter der Mütze wird je nach Jahreszeit ein Kopfschützer getragen, der auch breit über die Schultern fällt und am untersten Abschluß mit einer Borde verziert ist (Bilder 1.16 1.24 1.32 1.57 1.85). Bauernmädchen werden durch lang herabhängende Zöpfe von Bürgermädchen unterschieden (Bild 1.24).

Bergleute: sind wie „Heinzelmännchen“ in eine Kapuzentracht gekleidet, die „Heinzelmännchen-Tracht“ ist die alte Bergmannskleidung (Bild 1.54).

Bischöfe: tragen wie bekannt die Mitra und den Bischofstab (Bilder 1.16 1.92).

Boten: tragen auf dem Oberkleid an ihrer linken Brust das Wappen ihres Herrn (Bild 1.113).

Doktoren: tragen den Doktorhut in Form eines kleinen Baretts und dazu meist den Mantel mit Pelzbesatz (Bilder 1.8 1.45).

Fürsten: tragen Fürstenhut, Hermelinumhang und Schulterkette (Bild 1.16).

Grafen: tragen einen turbanähnlichen Grafenhut, eine Schulterkette und einen Pelzmantel ohne Hermelin (Bild 1.16).

Handwerker: tragen als Gesellen üppige Jacken mit reicher Schlitzung, auch geschlitzte kurze Hosen, dazu Landsknechtshut und Dolch (Bild 1.40). Als Meister haben sie einen schlichten gegürteten Kittel und am Gürtel oft ein kurzes Schwert. Ihre Kopfbedeckung ist ein steifer, runder, niedriger oder höherer Hut, oft aus Pelz (Bild 1.15).

Hirten: sind wie die Bauern gekleidet, doch tragen dazu einen Keulenstab, manchmal auch Schulterriemen und eine Pelerine aus Schilf oder Stroh (Bild 1.96).

Jäger: sind wie Bauern und Hirten gekleidet. Sollen sie ausdrücklich unterschieden werden, dann tragen sie ein Horn am Gürtel oder führen Saufeder oder Hund (Bild 1.96).

Kaiser: tragen eine hohe Krone, Hermelinmantel oder -umhang, Schulterkette und manchmal den Reichsapfel (Bilder 1.14 1.16).

Kardinäle: tragen die bekannte Tracht mit Kardinalshut und Kapuze (Bilder 1.16 1.92).

Könige: tragen eine niedrige Krone mit Zacken oder einen Kronreif, dazu Hermelinumhang und Schulterkette (Bilder 1.12 1.16 2.e1).

Landsknechte: tragen übertrieben geschlitzte Kleidung, oft an beiden Körperhälften verschieden, dazu phantastische Baretts mit vielen Federn und als Waffen lange Schwerter und Dolche (Bilder 1.27 1.48).

Mägde: erscheinen wie Bauernmädchen mit langen Zöpfen und tragen lange faltige Röcke (Bild 1.36).

Mönche: zeigen Tonsur und Kutte mit Kapuze (Bild 1.13).

Narren: tragen manchmal Zatteltracht (Bilder 1.93 2.100), aber immer die Narrenkappe mit Eselsohren und Schellen (Bilder 1.93 2.40 2.41 2.100).

Nonnen: tragen Ordenstracht mit großer gesteifter Haube (Bild 1.13).

Orientalen, Inder usw.: werden durch einen Turban und oft auch durch ein Krummschwert gekennzeichnet (Bild 1.22).

Päpste: tragen die dreifache Krone (Bilder 1.16 1.92).

Patrizier (vornehme und wohlhabende Bürger): tragen gern Klappmützen, dazu pelzbesetzte Mäntel mit Armschlitzen, manchmal auch Schulterketten und ein langes Schwert als Waffe (Bilder 1.11 1.16).

Pilger: gehen mit dem langen Pilgerstab und haben ein Pilgerzeichen aus gekreuzten Pilgerstäben am Mantel oder am Hut, oft auch einen Rosenkranz am Gürtel (Bilder 2.53 2.57).

Richter: sind am glatten Richterstab in der Hand zu erkennen. Sie tragen im Amte die Kopfbedeckung in Art einer phrygischen Mütze oder einer hohen Klappmütze (Bilder 1.9 1.47).

Ritter: tragen meist einen gegürteten und reich gefältelten Rock, dazu Kniehosen und oft geschnürte Gamaschen. Ihre Waffe ist ein langes Schwert. Im Kampf oder Turnier sind sie gepanzert und tragen auf dem Helm sehr lange und herabhängende Federbüsche (Bilder 1.11 1.32).

Weise oder Philosophen: sind an einer turbanähnlichen Kopfbedeckung erkennbar, die oft mit einem Teil sackartig auf den Rücken fällt. Dazu tragen sie meist togaartige Mäntel (Bilder 1.12 1.46 1.117).

Zigeuner: tragen eine turbanartige Kopfbedeckung wie Orientalen. Sie haben jedoch keine Waffen, sind unordentlich gekleidet und gehen als einzige barfuß (Bild 1.112).


Verwendete Quellen / Literaturverzeichnis

Altdeutsche Quellen:
Von der Artzney bayder Glück, des guten und widerwertigen, Francesco Petrarca, Augsburg 1532
Hülff, Trost und Rath in allen anligen der Menschen, Trostbuch, Francesco Petrarca, Frankfurt am Main 1559

Lateinische Quellen:
FRANCISCI PETRARCHAE FLORENTINI, PHILOSOPHI, ORATORIS..., Band 1, Per Sebastianum Henricpetri 1581
De remediis utriusque fortunae: libri duo, Francesco Petrarca, 1613

Lateinisch-Französische Übersetzung, die wir für unklare Stellen im Altdeutschen zu Rate ziehen:
Les remèdes aux deux fortunes, Pétrarque, Christophe Carraud, Jérôme Millon, 2002

Englische Übersetzung, die wir ebenfalls zu Rate ziehen. Leider gehen die unverschämten Preise dieser Bücher völlig am eigentlichen Sinn des gesamten Textes vorbei:
Petrarch's Remedies for Fortune Fair and Foul, Conrad H. Rawski, Indiana University Press, 1991

Ungarische Teilübersetzung, die wir ebenfalls zu Rate ziehen:
DISSZERTÁCIÓ, PETRARCA, A LÉLEKVEZETŐ, Lengyel Réka, Szegedi Tudományegyetem 2011
Francesco Petrarca: A jó- és a balszerencse orvosságai, Lengyel Réka

Kunsthistorische Quellen:
Holzschnitte des Petrarca-Meisters, Walther Scheidig, Henschelverlag Berlin, 1955
Altdeutsches Bilderbuch, Wilhelm Fraenger, Stubenrauch, 1930

Ausführliche Lebensbeschreibung von Jacques Francois Paul Aldonce de Sade. Hier findet man z.B. eine leicht gekürzte Version der Einleitung zum ersten Buch, ein Statement zur großen Verbreitung und den Gründen der späteren Vergessenheit und eine ausführliche Beschreibung zu Petrarcas Freund Azzo de Correggio:
Nachrichten zu dem Leben des Franz Petrarca, Band 1, Ausgabe 2, Meyer 1774
Nachrichten zu dem Leben des Franz Petrarca, Band 2, Ausgabe 2, Meyer 1777
Nachrichten zu dem Leben des Franz Petrarca, Band 3, Ausgabe 2, Meyer 1779

Die Zitate von Meister Eckhart stammen aus folgendem Buch, das sehr zu empfehlen ist, um das damalige Weltbild näher kennen zu lernen. Den erklärenden Teil der Einleitung sollte man allerdings zuletzt lesen, sofern man dem Text unvoreingenommen begegnen möchte:
Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, Diogenes 1979

Für die beiden Einleitungen zu Buch 1 & 2 sowie zu den Kapiteln 1.21/43/44/101/106 und 2.35/88/106/118 haben wir die deutsche Übersetzung aus dem Latein von Rudolf Schottlaender bei der Übertragung aus dem altdeutschen Text zu Rate gezogen und auch teilweise übernommen. Quelle:
Heilmittel gegen Glück und Unglück : lateinisch-deutsche Ausgabe in Auswahl, Rudolf Schottlaender / Eckhard Keßler, Wilhelm Fink Verlag 1988

In gleicher Weise stützen sich die Kapitel 1.40 und 1.41 auf die deutsche Übersetzung aus dem Latein von Gregor Maurach. Quelle:
Francesco Petrarca on panel painting and sculpture, Universität Heidelberg, 2014

Den restlichen Text haben wir aus den altdeutschen Quellen unter Zuhilfenahme des lateinischen Textes und der anderen Übersetzungen in unser Deutsch übertragen, zumindest soweit wir es verstanden haben, und versucht, die Botschaft des damals so populären deutschen Buches zu erhalten. Darüber hinaus haben wir auch die Holzschnitte per Hand nachkoloriert, um die Details zu verdeutlichen. Für Hinweise, Fehlerkorrekturen oder Erweiterungen sind wir natürlich jederzeit dankbar.

Viel Freude und Inspiration beim Lesen wünschen,
Undine & Jens