Heilung von beiderlei Glück - Francesco Petrarca

1.101. Vom Rachenehmen

Hinweis: Ab hier folgen noch 11 unbearbeitete Kapitel direkt aus der lateinisch-deutschen Übersetzung von Rudolf Schottlaender zusammen mit den Bildkommentaren vom gleichen Autor:

Freude: Der Feind ist mir in die Hände gefallen - jetzt bietet sich mir die Gelegenheit zur Rache.

Vernunft: Nein, eher zur Probe auf dich selbst, ob du ein Sklave des Zorns oder ein Freund der Milde bist. Das würde, wenn du nicht die Möglichkeit hättest, dich auf beide zuzubewegen, ungewiß bleiben. Es glauben ja viele zu sein, was sie nicht sind; nach der Probe aber wissen sie, was sie sind.

Freude: Der Feind ist tatsächlich in meiner Hand, ich kann mich rächen.

Vernunft: Die Grenzen der Macht sind andere als die des Anstands. Nicht was du kannst, sondern was anständig ist, gilt es abzuschätzen, damit nicht, falls du soviel willst wie du kannst, das Nichtkönnen besser wäre.

Freude: Ich kann mich rächen; nichts ist süßer als die Rache.

Vernunft: Bitterer ist nichts als der Zorn! Warum ihn irgendwer „süß“ genannt hat, das frage ich mich immer wieder. Zugegeben aber, er habe etwas „Süßes“, dann ist solche verwilderte Süße eines Mannes unwürdig, dafür Tieren eigen und das nicht einmal allen, sondern nur den besonders bissigen und wilden. Nichts ist weniger menschlich als Wütigkeit und Brutalität. Hingegen darf der Mensch nichts mehr sein eigen nennen als Erbarmen und Sanftmut, denen nichts so entgegengesetzt ist wie die Rache und überhaupt im Verhältnis von Mensch zu Mensch jedes zu harte aggressive Vorgehen. Wenn nun aber schon, allenfalls, „Rache“ ein „süßes“ Wort sein soll - gut, dann will ich dir zeigen, welchen höchst rühmlichen Sinn du ihm geben kannst: die feinste Art, Rache zu nehmen, ist - die Schonung.

Freude: ES steht mir frei, mich zu rächen.

Vernunft: Viel befriedigender und viel schöner ist es, das Unrecht zu vergessen als es zu rächen. Es gibt kein edleres Vergessen als die Kränkungsvergessenheit. Diese hat der größte Redner dem größten Heerführer als größtes Lob angerechnet, nämlich: „Caesar pflegt nichts zu vergessen außer selbsterlittenem Unrecht.“ Warum sollte nicht - dem steht doch nichts im Wege! - dies einem Einzigen gespendete Lob ihm entrissen werden und schließlich einer Vielzahl gelten?! Diesen Vorzug - einen von vielen - haben ja die geistigen Güter vor den materiellen: wenn sie sich verteilen, nehmen sie nicht ab und verlieren sich nicht. Nimm also auch du diese höchst edle cäsarische Meinung für dich in Anspruch! - sie wird dich viel berühmter machen als einen Kineas und Charmadas ihr Gedächtnis; stammt das doch aus der Natur, das andere aber aus der Tugend.

Freude: Mich zu rächen ist mir eine Befriedigung.

Vernunft: Die Rache ist nur für den Augenblick erquicklich, das Erbarmen für immer. Hat man zwischen zweierlei Erquicklichem zu wählen, so soll man das vorziehen, was länger erquickt. Tue du heute das, woran du dich ewig erquicken kannst! Wahrlich: größer und sicherer kann die Erquickung nicht sein, als wenn sie aus der Reinheit des Gewissens und der Erinnerung an gute Taten quillt.

Freude: Rache ist ehrenhaft.

Vernunft: Erbarmen aber ehrenhafter! Viele hat die Milde geehrt, die Rache noch keinen. Nichts ist unter Sterblichen so nötig, nichts so allgemein wie die Verzeihung. Es ist ja keiner, der nicht sündigte, keiner, der Erbarmen nicht nötig hätte. Verweigert man es - wer soll dann die vielen Knoten von Verbrechen und Schuld entwirren? oder wer das aus den Nähten und Fugen gegangene Bündnis der menschlichen Gesellschaft ausbessern? Immer werden dann die Menschen gegeneinander und wird Gottes Zorn gegen sie alle auf Biegen und Brechen kämpfen, es wird kein Ende sein weder der Streitigkeiten noch der Strafen, nie werden die Waffen, nie die Blitze ruhen. Übe also Schonung und Mitleid und bändige dein Gemüt! Tue du als Mensch dem Menschen, wie du willst, daß er dir und daß der Herrgott dir tue! Es ist eine Unverschämtheit, wenn einer von seinem Herrn die Verzeihung begehrt, die er seinem Mitknecht verweigert. Der Prediger, unser biblischer Lehrmeister, ruft entrüstet: „Der Mensch bewahrt gegen den Menschen seinen Zorn und ersucht Gott um Heilung? Für den Menschen, der doch seinesgleichen ist, hat er kein Erbarmen übrig, für seine eigenen Sünden aber bittet er um Gnade?“

Freude: Ich fange nicht an mit dem Unrecht, sondern räche mich nur.

Vernunft: Was macht es aus, ob man als erster oder als letzter sündigt? Es ist nicht recht, daß du das, was du bei einem anderen mißbilligst, dir zubilligst. Willst du denn dem Wüten, das du am Feinde verurteilst, selber dich hingeben? im Verhalten dem ähnlich werden, dem du in der Gesinnung unähnlich bist? sein Schlechtestes dir zu eigen machen?

Freude: Ich will mich eben rächen, und erlaubt ist es ja auch.

Vernunft: Weder sollst du es wollen noch ist es durch irgendein Gesetz erlaubt. Wie Verteidigung erlaubt, so ist Rache verboten. Geschrieben steht: „Wer gerächt werden will, soll bei Gott seine Rache finden.“ Und ein andermal - ich hatte es kurz vorher schon erwähnt - : „Mein ist die Rache, und ich werde es ihnen zur rechten Zeit heimzahlen“, spricht der Herr. Erwarte jene Zeit, laß Ihn dich rächen, der des Beleidigers und des Beleidigten Herr ist! Unter Knechten hat des Herren Richterspruch für alle miteinander Geltung. Hast du etwas vom freien Mann in dir und trägst du Sorge für die Vervollkommnung deines inneren Zustandes, so wünsche und bete lieber, daß sogar Gott nicht Rache nehme! - so wirst du das Verbrechen des Feindes in dein eigenes Heil umgewandelt haben.

Freude: Der Sinn steht mir danach, mich zu rächen.

Vernunft: Gib dem Zorn eine Frist, gib der Einsicht Zeit, zügle dein Ungestüm, gönn' ihm Aufschub! - und es wird verschwinden oder sich legen. „Kleine Weile sänftigt erzürnte Flut.“

Freude: Ich werde mich rächen.

Vernunft: Durch eine einzige Tat wirst du bei vielen Anstoß erregen. Ein einziges Unrecht hat schon oft unzählige Feinde geschaffen.

Freude: Ich werde mich rächen.

Vernunft: Damit wirst du dir mehr Ärgernisse angetan haben als dem Feind: ihm wirst du vielleicht Leib oder Vermögen, dir aber Seele und Ruf ruiniert haben.

Freude: Ich werde mich rächen.

Vernunft: Wie oft schon ist durch den Rachedurst das Unrecht verdoppelt worden! Oft war es des Beleidigten einzige Rettung, so zu tun, als merkte er nichts, oft lag schon darin, daß er sich beklagt hatte oder daß ein stummes Kopfschütteln verriet, wie schwer er an dem Unrecht trug, für ihn eine Gefahr.

Freude: Ich kann meinen Feind zugrunderichten.

Vernunft: ES ist zwar besser, einen Freund zu erwerben als einen Feind zu beseitigen, aber das Beste ist beides zugleich, und das geschieht durch keine Kunst besser als durch die des Verschonens trotz bestehender Rachemöglichkeit; ist doch das geeignetste Mittel, um Feinde zu beseitigen, die ruhige Milde! Hätte man darin dem hochweisen alten Herennius geglaubt, so würde weder das eben noch siegreiche Heer der Samniten das römische Joch auf dem Hals noch sein Feldherr Pontius zuerst mit den Übrigen das Joch, dann als einziger das Beil erduldet haben.

Freude: Mich stechen die Stacheln der Rachgier.

Vernunft: Widerstehe ihnen mit frommen Gedanken und mit allen den Beispielen, die dein Herz sanfter stimmen können, vor allem aber dadurch, daß du daran denkst, wie kurz und ungewiß das Leben ist! Diese Mahnung Senecas (dem ich zustimme) scheint nämlich die wirksamste, wenn es gilt, den Zorn zu besänftigen. Ihm tritt der von mir schon erwähnte biblische Lehrmeister zur Seite, denn was sonst meinte er mit dem Wort: „Denk' an das Ende von allem und laß' ab von der Feindschaft!“ So ist es: nichts nährt Feindschaften mehr als das Vergessen unserer Lage. Kein Zweifel: der, dessen Tod ihr beschließt, ist dem Tod geweiht und wird bald, vielleicht schon heute sterben; nur wirst du womöglich, ohne daran zu denken, ihm im Tode noch vorangehen. Wart' ein klein wenig, halt' inne: die Zukunft bringt, was du wünschst und was du fürchtest. Im übrigen ist dem Feinde der Tod, den du ihm bereitest, auch ohne dein Verbrechen schon vorbereitet. Was hilft es, den Lauf des eilenden Schicksals zu beschleunigen und mit dem Blute des Todgeweihten todgeweihte Hände zu färben? Nicht nur verbrecherisch, auch überflüssig ist es, durch deine Verruchtheit die schon sehr nahe und eilende Zeit herbeizuholen, die du, so sehr du es auch möchtest, durch keine Frömmigkeit zurückdrehen oder aufschieben könntest. Um wie vieles ist ein Zustand, der für den anderen unversehrt und ungekränkt, für dich unbefleckt und unschuldig wäre, ruhiger und ehrenhafter als ein für beide blutiger, aus dem du schuldbeladen hervorgehst!

Freude: Der Anreiz zur Rache läßt mir keine Ruhe.

Vernunft: Sieh dich vor, daß du ihm nicht nachgibst! setze ihm lieber die Erinnerung an solche entgegen, die ihren Feinden gegenüber nicht nur Milde walten ließen, sondern sogar Gunst und Wohlwollen! - und dagegen stelle dir die vor Augen, die ihren niedergehauenen Feinden in rasender Wut die Glieder vom Leibe gerissen und sinnlos gegen fühllose Leichen getobt haben! Daraufhin triff deine Wahl, wem du lieber ähnlich sein willst, und vergleiche nicht nur die Taten, sondern auch die Worte! Denn ein nicht kleiner Teil der Grausamkeit steckt in den Worten. Grausam ist der Fuß, grausamer die Hand, am grausamsten die Zunge. Oft hat den Grimm des Herzens, dem die Hand nicht gleichgekommen war, die Zunge noch überboten, - sie ist aber wie für die Grausamkeit so auch für die Milde die beste Zeugin. Im Ohre klinge dir also jener vor kurzem zitierte Ausspruch Hadrians und zugleich das Wort des Tiberius, das überliefert ist. Als er hörte, einer der Angeklagten, Carnulius mit Namen, habe den Tod vorweggenommen, rief er aus: „Carnulius ist mir davongekommen.“ O welch brutales Wort, das, wenn man so sagen darf, noch brutaler ist als die Person, die es aussprach! An welche Marter der üblichen Hinrichtung mochte wohl der denken, der ihm dadurch, daß er im Gefängnis Hand an sich legte, „davongekommen“ schien. Siehst du, da haben also zwei Kaiser von grundverschiedener Denkungsart einunddasselbe Wort so ganz verschieden gebraucht. Hadrian sagt zu dem Feind, der da ist: „Du bist davongekommen.“ Tiberius sagt zu dem, der nicht mehr ist: „Du bist davongekommen.“ Der eine hat seinem Feind das Leben geschenkt, der andere ihm den Tod nicht gegönnt. Wähle, welchen Ausspruch man dir lieber zuschreiben soll: den ruhigen eines echten Fürsten oder den anderen, unmenschlichen eines Henkers! Ich weiß sehr wohl, daß die Aufforderung hierzu leichter ist als die Tat, und sehe schon, was man alledem entgegenhalten könnte: schwerer falle es, bei selbsterlittenem Unrecht milde zu sein, als wenn es anderen geschieht. Das Schwerere ist es, das gebe ich zu, aber es ist das Gute. Daß aber alle Tugend es mit dem Guten und zugleich Schweren zu tun hat, dürftest wohl auch du nicht bestreiten. Den Liebhabern der Tugend fällt alles leicht.

Freude: Bei mir steht fest: ich räche mich.

Vernunft: Dann siegt der schlechtere Teil. Widerstehe ihm, solange du kannst, entreiße ihm den Sieg, bevor er ihn ausnutzen kann, und hebe die niedergestreckte Sanftmut auf den Schild! Gedenke, daß du ein Mensch bist! Viele hat es gereut, Rache genommen zu haben - Schonung geübt zu haben noch keinen.

Freude: Ich habe Rache genommen.

Vernunft: Von einem Feinde besiegt zu werden zogst du vor: der Feind, der den Sieger besiegt hat, ist der Zorn.

Petrarcameister - Vom Rachenehmen

Schon Petrarca selbst macht die Einschränkung, daß „nicht einmal allen Tieren, sondern nur den besonders bissigen und wilden“ die „Rache süß“ erscheine. Im Bild fungiert links der edle Löwe, der den wehrlos am Boden liegenden Menschen verschont, während der Ritter, dessen Burg links oben im Hintergrund zu sehen ist, den um Gnade flehenden Bürgersmann, den er am Genick gepackt hat, sogleich erstechen wird.

1.102. Von der Hoffnung auf Sieg

Freude: Durch Krieg erhoffe ich mir Sieg.

Vernunft: Trügerisch ist die Hoffnung auch sonst - am trügerischsten im Krieg. Nichts spielt sich da nach Vorplanung ab, unerwartet verläuft alles. Ein in militärischen Dingen besonders umsichtiger und geübter Mann war es, dem der Ausspruch zugeschrieben wird: „Nirgends weniger als im Krieg entsprechen die Erfolge den Erwartungen.“

Freude: Sieg erhoffe ich mir.

Vernunft: „Mehr Nutzen hättest du vom Frieden“ - ein denkwürdiger Ausspruch, der von demselben Heerführer stammen soll. Besser und beschützter ist ein garantierter Friede als ein erhoffter Sieg.

Freude: Im Krieg werde ich der Sieger sein.

Vernunft: Und wenn nun der Besiegte? Diese Hoffnung hat schon viele in den Untergang getrieben; ohne Hoffnung auf Sieg geht niemand gern in den Kampf.

Freude: Ich werde aus dem Krieg als Sieger hervorgehen.

Vernunft: DU sprichst im Futurum. Jede Hoffnung bezieht sich ja auf die Zukunft, und alles Zukünftige ist zweifelhaft.

Freude: AUS dem Krieg werde ich als Sieger zurückkehren.

Vernunft: O leere Hoffnungen der Menschen! Vielleicht wirst du weder als Sieger noch als Besiegter zurückkehren. Bist du dir denn so sicher, daß du überhaupt heimkehrst und gar „auf waffenstarrendem Weg, zu huldigen dem Kriegsgott, entblößten Hauptes bei schmetternder Fanfare“?

Freude: Ich hoffe wirklich, Sieger zu sein.

Vernunft: Da gibt es einen, der das Gegenteil hofft! Geschehen müßte notwendigerweise eins von beidem oder auch beides. Es kann von den beiden Führern der feindlichen Gruppen der eine, es können aber auch beide, sei's durch wechselseitig beigebrachte Wunden oder auf andere Weise, zugleich unterliegen. Das ist anderswo, glaub' ich, schon oft geschehen; im Augenblick fällt mir Theben ein, wo die ruchlosen Brüder zu beider Ende aufeinanderprallten; auch in Rom hat es sich, der Überlieferung zufolge, im ersten Krieg nach der Vertreibung der Könige ereignet, als der Konsul Brutus den Sohn des Königs Superbus verfolgte, bis beide in die Grube fuhren. Hat man aber das Leben eingebüßt, so ist das kein Sieg mehr; hat man es behalten, so gab es dennoch - das weißt du recht gut! - schon oft ein Verlassen des Schlachtfeldes nach unentschiedenem Kampf. So sind denn in beiden Fällen ganz sicher beide Führer um die Hoffnung auf Sieg betrogen. Daß sowieso der eine von beiden darum betrogen wird, ist so gewöhnlich und so alltäglich wie der Aufbruch zur Schlacht. Wie willst du aber wissen, ob nicht du jener eine bist, der um die Siegeshoffnung, mit der du dir schmeichelst, betrogen wird?

Freude: Im Krieg werde ich siegen.

Vernunft: Nicht nur immer ungewiß - auch traurig und blutig ist oft der Sieg! Umsonst ist er nicht zu haben; was man unter Lebensgefahr erwirbt, das kommt einen teuer zu stehen; wofür Blut der Preis ist, noch teurer; ist es der Tod, so verliert womöglich die siegreiche Seite ihren Führer, so daß du trotz Sieges der Deinen besiegt werden kannst. Und was soll ich über die Verbrechen des Sieges sagen? Es gibt nicht soviel Elend des Besiegten wie Frevel des Siegers! Wenn es nun nichts Elenderes als den Frevel gibt, so ist auch der Besiegte dadurch, daß er besiegt wird, nicht elender als der Sieger, sondern um so viel weniger elend, als er an Geringerem Schaden nimmt.

Freude: Ich werde siegen.

Vernunft: Um alles zusammenzufassen: ob du tatsächlich siegen wirst und ob es, wenn ja, besser ist, gesiegt zu haben - beides ist zweifelhaft.

Petrarcameister - Von der Hoffnung auf Sieg

Dargestellt sind die Beispiele für unentschiedenes Ende durch Wechselmord, die Petrarca aus der Antike anführt. Polyneikes, hinten links, ist, von der Lanze seines Bruders getroffen, bereits niedergesunken; sogleich aber wird auch Eteokles, rechts, den der Lanzenwurf des Polyneikes ebenso ins Herz getroffen hat, vom Pferde stürzen. Vorn stehen, enger zusammengerückt, die römischen Todfeinde einander gegenüber; hier sind die Positionen vertauscht: während rechts der junge Tarquinius dem Tode schon näher ist, wird links den alten Brutus das bittere Ende Sekunden später ereilen.

1.103. Vom Sieg

Freude: Aber ich habe gesiegt.

Vernunft: Sieh dich vor, daß über dich nicht siegen: Zorn, Übermut, Grausamkeit, Wut, Raserei! Sie sind ja des Sieges Begleiter und des Siegers unsichtbare und schauderhafte Feinde, von denen schon oft die berühmtesten Sieger am schändlichsten besiegt worden sind. Noch ruft dich das Schicksal nicht zur Endabrechnung. Lang und verwickelt ist die Reihe der Rechnungen, Fortuna eine gewalttätige und hartnäckige Gläubigerin, mit der dir selbst jetzt allerhand zu begleichen bleibt; ihre Art ist es, ein Darlehen mit hohen Zinsen zurückzufordern.

Freude: In einer großen Schlacht habe ich gesiegt.

Vernunft: Der Sieger in einer Schlacht ist schon oft im Kriege besiegt worden.

Freude: Ich habe aber gesiegt.

Vernunft: Wie oft haben die Karthager gesiegt, wie oft die Gallier und andere Völker! Wie oft dagegen sind die Römer besiegt worden! Hinschauen aber muß man auf das Ende der Dinge, besonders solcher, die sich drehen und keinen Stillstand kennen.

Freude: Jedenfalls habe ich gesiegt.

Vernunft: Mag der Ausgang eines Krieges auch sicher sein - blutig und fragwürdig bleibt das Ergebnis doch, und das Freudige kann in Trauriges ebenso wie das Traurige in Freudiges ausbrechen.

Freude: Einen großen Sieg habe ich errungen.

Vernunft: Nichts ist so groß, daß der Preis, für den man es erringt, nicht zu hoch sein könnte. Manchmal zählt der siegreiche Feind insgesamt mehr an Wunden und Gräbern. Wenn du es nicht glaubst, frage Xerxes und die Thermopylen!

Freude: Das Los eines großen Sieges war mir beschieden.

Vernunft: Es ist kaum möglich, daß ein großer Sieg wenig kostet. Über den größten aller Kriege sagt der größte aller Historiker in seiner Darstellung: „So wechselnd und zweideutig war das Kriegsglück, daß näher an der Katastrophe die gewesen sind, die schließlich gesiegt haben.“

Freude: Ich habe klar gesiegt.

Vernunft: Der Sieg ist nicht vollständig, wo noch ein bewaffneter Feind übrigbleibt; ja, magst du den auch überwältigt haben, werden andere neu erstehen. Von manchen Siegen könnte man wirklich sagen, sie seien gleichsam die Saat von Kriegen: so sehr schlägt Haß, durch das Schwert gestutzt, wieder aus mit noch dichterem Laub, und auferstanden kehren die Krieger auf das Schlachtfeld zurück; und das vielleicht nicht nur in der Einbildung - wie sie einst voller Heftigkeit dem Cassius an seinem letzten Lebenstag das Bild des von ihm ermordeten Feindes entgegenstellte, so schauerlich anzusehen, daß ihn, den höchst verwegenen Mann, der vor dem lebenden Caesar keine Furcht gehabt hatte, die Erscheinung des dahingeschiedenen in die Flucht trieb -', sondern so, daß aus dem einen viele werden und mit wirklichen Händen wirkliche Schwerter schwingen gegen die, die gesiegt zu haben schienen.

Freude: Ich habe gesiegt, und nun habe ich keinen Feind mehr und bin ohne Sorgen.

Vernunft: Wie töricht! Solange es Menschen gibt, werden Feinde nicht fehlen. Daß für die Stadt Rom nach unzähligen Triumphen und der Niederzwingung der ganzen Welt der Feind nicht ausblieb, kannst du nachlesen - und da hoffst du, bei dir werde er ausbleiben. Wenn du Ruhe gibst, wird er vielleicht ausbleiben, aber wenn du kämpfst, niemals.

Freude: Ich bin Sieger.

Vernunft: Gib acht, daß du es nicht vergebens bist! Wer den Sieg zu gebrauchen versteht, dem trägt er Früchte. Unter „gebrauchen“ verstehe ich aber nicht die Art und Weise, zu der Maharbal, sondern die, zu der Hanno - ein Mann, der besser war als sein Karthago - dem Hannibal geraten hatte'. Denn in der Tat ist der beste Gebrauch und Ertrag des Sieges der Friede, und zu keinem anderen Zweck als zum Frieden unternimmt man gerechte Kriege.

Freude: Der Sieg ist mein.

Vernunft: Wer weiß, ob er dir nicht bloß, um dir zu entfliegen, zugefallen ist?!

Petrarcameister - Vom Sieg

Der gepanzerte Sieger, fast in der Bildmitte, die im Hintergrund von einem Stadttor eingenommen wird, verweist mit triumphierender Handbewegung auf die Gefallenen am Boden. Die Grausamkeit seines Auftretens scheint anzudeuten, daß unter den vorn rechts Fliehenden vertriebene Städter zu verstehen sind.

1.105. Von der Hoffnung auf Frieden

Freude: Ich erhoffe mir Frieden.

Vernunft: Besser ist es, sich den Frieden zu erhalten als ihn sich zu erhoffen. Ein Tor, wer die sichere Wirklichkeit blasiert verschmäht, ungewisse Hoffnungen aber zärtlich umfängt.

Freude: Frieden erhoffe ich mir.

Vernunft: Hättest du ihn nur inniger festgehalten, ihn gar nicht erst gehen lassen, statt ihn nun zu erhoffen! Und wenn nun nur deine Ungeduld dich zu dieser Hoffnung geführt hat, so daß du lieber in Angst etwas erwartest, womit du in Freude leben konntest?

Freude: Frieden erhoffe ich mir.

Vernunft: Die Friedenshoffnung hat schon viele zugrunde gerichtet; statt des erwarteten Friedens ist dann ein unerwartetes Unglück über ahnungslose Schlafmützen hereingebrochen; wäre es auf Praktiker gestoßen, hätte es ihnen nichts anhaben können.

Freude: Ich erhoffe den Frieden.

Vernunft: Was hoffst du so lange? - du kannst ihn bald haben, es liegt nur an dir. Selten ist es, daß man den Frieden nicht findet, wenn man nur angefangen hat, ihn ernstlich zu wollen. Aber gerade die, denen das Wort „Frieden“ süß klingt, finden den wirklichen Frieden bitter. Daher stehen die Friedensforderer dem Frieden im Wege. Vier Friedensfeinde wohnen bei euch: die Habgier, der Neid, der Zorn, die Überheblichkeit. Treibt die in die ewige Verbannung, so wird ewiger Friede sein!

Freude: Die Hoffnung auf den Frieden ist nicht zweifelhaft.

Vernunft: Zwischen Friedenshoffnung und Frieden kommt vieles in die Quere: ein unbedachtes Wort, eine leichtfertige Geste hat schon oft den Frieden gestört, ja, die Friedensverträge und Friedensreden selber werden oft mit Waffen gebrochen, und das, was den Willen scharf und den Krieg erbittert macht, ist gerade die Hoffnung auf Frieden. So könnte man die Freundschaftsbeteuerung, die ohne Wirkung bleibt, gleichsam den Wetzstein nennen, an dem die Feindschaften sich scharf schleifen.

Freude: So soll denn aus dem (geschlossenen) Frieden der (dauernde) Friede werden.

Vernunft: Über den Frieden wird oft vergeblich verhandelt. Manchmal verhandelte man sogar mit Selbstgefährdung über den Frieden, wie es die Führer der Gallier und der Punier getan hatten: über die Gallier wurde Camillus, über die Punier Scipio gewaltsam Herr.

Freude: Nach Kriegsende wird der Friede Festigkeit gewinnen.

Vernunft: Wieviel nützlicher wäre seine Festigkeit vor Kriegsbeginn gewesen! Wieviel Verluste, wieviel Sterben hätte ein rechtzeitiger Friede verhütet! Aber ihr widerspenstigen und störrischen Buben kommt ohne Schläge nicht zu Verstand, im Frieden sucht ihr den Krieg, im Kriege den Frieden, und erst in Kriegsnöten, vorher nie, beginnt ihr, den Frieden kennen oder lieben zu lernen. Wie ihr ihm nachweint, wenn er verloren, so auch, mit der gleichen Leichtfertigkeit, verachtet ihr ihn, wenn er euch wiedergegeben ist - bis sein immer wieder erlebter Verlust euch gründlich lehrt, eure Güter nicht zu verschmähen, eure Übel nicht zu begehren, endlich: nicht zu phantasieren und nicht im Handstreich etwas zu nehmen, woran ihr, bevor ihr es nahmt, nur mit Scham dachtet. Sehr oft müßt ihr dasselbe hören, aber das Hören reicht euch nicht, nein, sehr oft müßt ihr erst selber sehen und erleben, deutlicher gesagt: um etwas zu lernen, müßt ihr sehr oft Prügel beziehen.

Freude: Auf den Krieg wird der Frieden folgen.

Vernunft: Besser wäre vor dem heranrückenden Krieg im voraus eine Schranke errichtet worden. Nichts ist verrückter, als sich in der Hoffnung auf ein Heilmittel aus freien Stücken eine Wunde beibringen zu lassen, wo doch der Wundverband eine Hilfe gegen und nicht ein Grund für die Wunden sein soll. Dem Kranken Heilung zu wünschen ist etwas Natürliches - dem Gesunden aber Krankheit, damit er auf Heilung hoffe, Wahnsinn.

Freude: Es wird Frieden geben.

Vernunft: Gewöhnlich bringt der Friede den Städten die Pest des Umsturzes. Zwar ist er selber etwas sehr Gutes, aber sehr schlimme Begleiter umzingeln ihn: ungerechte Gesetze, lockere Sitten, heimliche Feindschaften, offene Tyrannei. Denk' an das, was einst im Bürgerkrieg jener ahnungsvolle Dichter gesagt und worin er sich nicht getäuscht hat: „Frieden verlangen vom Himmel - was hilft's? Es kommt der Gebieter Und mit ihm euer „Friede“. Besser aber noch ist für tapfere Männer kriegerische Freiheit als friedliche Knechtschaft.

Freude: Den Frieden habe ich jetzt.

Vernunft: Einstweilen hast du noch Krieg.

Petrarcameister - Von der Hoffnung auf Frieden

Der Palmenzweig, das Symbol des Friedens, wird von dem von links herantretenden Ritter aus der Baumkrone gebrochen. Der Baumstamm, genau in der Mitte, dient dem wie mühsam gezähmt erscheinenden, prächtig geschmückten edlen Roß als Halt. Im Hintergrund Gebäude, die gleichsam für die nach Frieden sich sehnenden Bewohner stehen.

1.106. Von Frieden und Waffenstillstand

Freude: Ich habe Frieden.

Vernunft: Ein ungeheures Gut - wenn es echt und von Dauer wäre. Beides ist es natürlich nicht. Denn das ist nichts Neues, vielmehr etwas Gewöhnliches und nur allzu Alltägliches, daß unter dem Schatten des Friedens der Krieg lauert; und kein noch so reiner Friede kann lange dauern bei Unbeständigkeit der Herzen, die mit sich selber ebenso unablässig wie mit dem Feinde kämpfen.

Freude: Der Frieden ist gewonnen.

Vernunft: Aber verloren sind die Vorsicht und die militärische Disziplin, die zuverlässige Beschützerin der Städte, gewonnen dafür die langsame Trägheit und die immer gefährliche Sorglosigkeit; ist doch in vieler Beziehung der Friede freilich besser als der Krieg, in dieser einen aber der Krieg besser, weil vorsichtiger und erfahrener. Die römische Tüchtigkeit hätte sich nie verloren, wenn man mit Karthago im Kriegszustand geblieben wäre.' Der punische Friede wurde für die Stadt Rom zerstörend und für andere Städte zur immer gültigen Lehre, daß nicht immer für Völker und Reiche der Frieden das Beste ist. Nasica, der Besten einer, hat hoch und heilig versichert, daß man zum eigenen Schaden ihm nicht geglaubt hat; und daß er die Wahrheit sprach, werden alle Gelehrten bezeugen.

Freude: Ich habe Frieden.

Vernunft: Gebrauche ihn mit Maß! Verhängnisvoller als jeder beliebige Krieg ist der übermütige und nachlässige Frieden. Oft sind Leute, die in ihrer Rüstung zwischen Schwertern sicher waren, in Zivilkleidung bald in die Schwerter gestürzt und haben sich zu spät den Krieg zurückgewünscht. Was soll ich noch reden über den Verfall der Sitten und der Menschlichkeit selbst! Wie oft schon haben sich Kriegshelden zu Friedenstaugenichtsen entwickelt! - so als hätten sie zugleich mit ihrer letzten Waffe ihre letzte Tugend abgelegt und dafür mit der Zivilkleidung alle Laster umgelegt; so sehr hat sich da der innere Habitus mit dem äußeren gewandelt! Obwohl man hierfür viele Tausende zum Zeugnis heranziehen könnte, mögen zwei Zeugen mehr als genug sein: Sulla und Marius. Den Sulla kann man - wenn man sich an die Geschichtsschreibung hält - weder genug loben noch genug tadeln: im Gewinnen von Siegen hat er sich dem römischen Volk als ein Scipio, im Austoben von Grausamkeit als ein Hannibal dargestellt. Von Marius - wiederum der Überlieferung zufolge - läßt sich bei prüfendem Vergleich seiner Vorzüge mit seinen Fehlern nicht leicht sagen, ob von ihm mehr Gutes im Kriege als Verderben im Frieden ausging: wohl hat er den Staat durch seine Waffentaten gerettet, ihn aber dann als Zivilist zuerst durch jede Art von Betrügerei und zuletzt mit Waffen wie ein Landesfeind untergraben.

Freude: Ich bin froh darüber, daß für das Vaterland der Frieden errungen ist.

Vernunft: Wenn nun aber bisweilen der Frieden das Beste im Menschen auslöscht und sein Schlechtestes nährt? Bekannt ist der Satz des Satirikers - vorher hatte er viel über die Gründe der altrömischen Tüchtigkeit gesagt, darunter auch etwas über Hannibal vor den Toren Roms -, mit dem er abschließt: Jetzt sind wir krank an den Übeln des langen Friedens: Genußsucht, Wilder als Waffen, rächt an uns die Welt, die besiegte.“ Hat denn (ich bitte dich) irgendein Friede so großen Wert, daß er hervorragenden Männern nicht verhaßt sein müßte, wenn Genußsucht ihn begleitet? Wenigstens der Höherdenkende kann, auch wenn abgerüstet worden ist, darin nicht den Frieden erblicken, solange zu Hause gegen die Herzen ein Krieg mit vielen Tücken anstürmt, den die Laster führen und der keine Waffenruhe kennt, bei dem die guten Sitten verbannt werden, die Vergnügungen regieren, die Tugend unterdrückt wird.

Freude: Der Frieden ist fest verankert.

Vernunft: Auch des Friedens Begleiterinnen Zügellosigkeit und Begehrlichkeit und (wie ich schon sagte) Notstände, die nicht weniger und nicht geringer sind als im Kriege. Im Krieg bricht das Verderben über die Körper herein, im Frieden über die Geister, oft auch über die Körper. Daher bringt vielen der Panzer mehr Glück als die Toga, der Exerzierplatz mehr Sicherheit als das Schlafzimmer, die Trompete mehr als das Flötenspiel, die Sonnenglut mehr als der Schatten. Manche sind am besten im Kriege geschützt; das entnimmst du aus dem, was Caesar über sich und seine Soldaten geäußert hat. Allerdings ist der Frieden, käme er ohne die Laster, ein Himmelsgeschenk und steht keinem anderen Gut nach, das gebe ich zu. Er kommt aber selten ohne die Laster.

Freude: Ich habe jedoch einen Waffenstillstand herbeigeführt.

Vernunft: Da hast du dem Feind Spielraum gegeben, um seine Kräfte zu sammeln und dann stärker auf dich einzuschlagen.

Freude: Ich habe den Waffenstillstand.

Vernunft: Mit dem Waffenstillstand sind Tücken verbunden. Vieles siehst du durch solche Tücken auf feindselige Weise geschehen; noch mehr derart Geschehenes kannst du nachlesen. So wird man besonders ungebunden im Betreiben von Kriegsplänen und in der freien Beschaffung von Kriegshilfe. Einige im Krieg Unbesiegte hat ein Waffenstillstand zur Strecke gebracht.

Freude: Es besteht zwischen dem Feind und mir ein Waffenstillstand.

Vernunft: Das ist eine faule Zeit: sie wird weder des Friedens froh noch im Krieg geübt, sondern fluktuiert zwischen beiden; man ist noch zu stolz für den Frieden, schon zu furchtsam für den Krieg. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: in der Luft hängen oder zu Boden stürzen. Wer eine Atempause wünscht, der ist übermüdet. Ein Zustand des Elends und des Wahnsinns aber ist es, weder den Frieden noch den Krieg ertragen zu können.

Petrarcameister - Von Frieden und Waffenstillstand

Der Friedenstempel im Renaissancestil soll wahrscheinlich an das antike Rom erinnern. Für diese Deutung spricht, daß dem Petrarca-Meister unzweifelhaft durch Vermittlung von Sebastian Brant ein von diesem 1502 herausgegebener illustrierter Vergilband, enthaltend das Lehrgedicht „Vom Landbau“ (Georgica), vorgelegen hat. Vergil spricht (III, 10ff.) von einem Marmortempel, den er in seinem heimatlichen Mantua dem Augustus als dem Friedensfürsten und zugleich sich selbst als dem Dichterfürsten dereinst errichten wird. Auf dem Bilde wollen der Krieg, dargestellt als gepanzerter Ritter, jedoch mit gesenktem Schwert, und der Friede, ein bekränzter junger Mann mit einer Fanfare in der Hand, den Tempel öffnen, in der offenkundigen Absicht, den Waffenstillstand zu schließen; die schwergerüsteten Reiter beiderseits im Hintergrund lassen erkennen, daß der Friede noch nicht gesichert ist.


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