Heilung von beiderlei Glück - Francesco Petrarca

An Azzo - Vorrede in Briefform

des höchst berühmten Poeten und Redners Francesco Petrarca
im ersten Buch seines Werkes über die Heilmittel für Glück und Unglück im Disput,
gewidmet Azzo da Correggio (einem alten Freund von Petrarca, stellvertretend für den Leser).

Wenn ich an die Angelegenheiten und Schicksale der Menschen denke, an die ungewissen und plötzlichen Veränderungen der Dinge, finde ich kaum etwas Zerbrechlicheres und Ruheloseres als das Menschenleben. Sehe ich doch, daß die Natur für alle anderen Lebewesen durch wunderbar gestaltete Hilfsmittel gesorgt hat, die sie jedoch nicht (als Hilfen der Natur) erkennen. Wir Menschen haben Gedächtnis, Verstand und Voraussicht, göttliche und herrliche Gaben unseres Geistes, die aber zu Verderben und Mühsal ausgeschlagen sind. Wir sind ja immerfort so überflüssigen, nicht nur nutzlosen, sondern schädlichen und unheilbringenden Sorgen verfallen, quälen uns ebenso mit dem Gegenwärtigen wie mit dem Vergangenen herum und schweben in Angst um die Zukunft, so daß man meinen könnte, wir fürchteten nichts mehr als womöglich irgendwann nicht unglücklich genug zu sein. - Mit so großem Eifer suchen wir Ursachen des Unglücklichwerdens und Nahrung für Schmerzen zusammen, wodurch wir das Leben, das, wenn es richtig geführt würde, das glücklichste und angenehmste Ding auf der Welt wäre, zu einem bedauernswerten und traurigen Geschäft machen, das mit Unwissen und Unerfahrenheit beginnt, in Mühsal und Arbeit fortbesteht und mit Traurigkeit und Schmerzen endet, worüber im Ganzen der Irrtum herrscht.

Daß es so ist, wird jeder einsehen, der mit scharfem Urteil auf den Lauf seines Lebens zurückblickt. Wann hätten wir wohl einen ruhigen, einen stillen und nicht von Mühe und Angst erfüllten Tag zugebracht? Was war jemals beim Erwachen so sicher und froh anzuschauen, daß nicht vor Einbruch der Nacht Beunruhigung oder Kummer es uns entwunden hätte? Mag für dieses Übel noch so viel Anlaß in den Dingen selber liegen, so steckt doch - es sei denn, wir lassen uns von der Eigenliebe täuschen! - mehr Ursache, ja (sagen wir es nur gerade heraus!) die ganze Schuld in uns. Gar nicht zu reden von allem übrigen, das uns von überallher bedrängt. Was ist das doch für ein unaufhörlicher Krieg, den wir gegen die Glücksgöttin Fortuna führen, über die uns einzig und allein die Tugend zu Siegern machen könnte!

Wir aber sind ihr mit Wissen und Wollen untreu geworden. Also stoßen wir nun allein, schwach, entwaffnet, unter ungleichen Kampfbedingungen mit einer unversöhnlichen Feindin zusammen, so daß sie uns wie etwas Federleichtes hochhebt, umwirft und im Kreise dreht, kurz: mit uns spielt. Besiegt zu werden wäre erträglicher; jetzt werden wir geradezu wie Spielzeug behandelt. Was anderes aber hat dazu geführt als unsere Haltlosigkeit und Weichlichkeit?! Wir wurden für gut genug befunden, wie ein Ball hierhin und dorthin geschleudert zu werden, Wesen, die ihre so kurze Lebenszeit in grenzenloser Unruhe durchleben und die, weil sie nicht wissen, an welchem Gestade sie ihr Schiff, an welchem Grundsatz sie ihren Geist festmachen sollen, einstweilen den Grundsatz befolgen, unentschieden zu bleiben und über das gegenwärtige Übel hinaus sowohl im Rücken immer etwas zu haben, dem sie nachtrauern, als auch vor Augen immer etwas, wovor sie zurückschrecken.

So geht es außer dem Menschen keinem der anderen Lebewesen, denen ja das Ausweichen vor gegenwärtigem Übel vollstes Gefühl der Sicherheit gewährt. Wir dagegen müssen infolge der Begabung und Schärfe unseres Geistes immerfort, wie Hercules mit dem Cerberus, gleichsam mit einem dreiköpfigen Feinde ringen (einem Höllenwesen mit drei Köpfen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). Daher wäre es fast besser, Vernunft gar nicht erst zu haben, wenn wir doch die Waffen unserer göttlichen Natur, die unseren Vorrang ausmacht, gegen uns selber kehren. Und doch müssen wir uns bemühen! Dazu helfen uns außer hochgesinntem eigenem Bestreben, dem nichts zu steil, nichts uneinnehmbar ist, auch häufige Unterhaltungen mit weisen Menschen (mögen solche Gespräche jetzt auch seltener werden) und am allermeisten das anhaltende und hellwache Lesen in den Schriftdenkmälern hervorragender Autoren, vorausgesetzt es fehlt ihren heilsamen Warnungen nicht an der Zustimmung des eigenen Herzens, denn diese allein, das möchte ich ungescheut behaupten, ist auf Erden die lebendige Quelle gesunder Einsicht. Natürlich fühlen wir uns manchmal auch Schriftstellern der Volkssprache zu Dank verpflichtet für ihr einfaches Wohlmeinen oder dafür, daß sie als Wegbereiter für die Nachfolgenden anzusehen waren. Aber wie groß (ich bitte dich!) muß dann erst der Dank sein, den man berühmten und bewährten Schriftstellern schuldet, die, obwohl sie viele Jahrhunderte vor uns auf Erden wandelten, doch durch ihr göttliches Genie und ihre hochheiligen Weisungen mit uns leben, wohnen und reden? Die inmitten des beständigen Hin- und Herflutens unserer Seelen wie lauter leuchtende, am Firmament der Wahrheit befestigte Gestirne, lauter sanfte und glückbringende Lüfte, lauter fleißige und erfahrene Seeleute uns den Hafen zum Ausruhen zeigen, dorthin die trägen Segel unseres Willens vorantreiben und das Steuer der schwankenden Seele so lange führen, bis sie die von so starken Stürmen erregten Gedanken in Ruhe und Maß bringt? Das erst ist ja die wahre Philosophie! - Keine, die sich auf trügerischen Flügeln emporschwingt und sich im windigen Großtun unfruchtbarer Streitgespräche herumtreibt, sondern eine, die mit sicheren und abgemessenen Schritten geradewegs auf das Heil zugeht.

Zu diesem Studium dich aufzurufen, ist eine vielleicht freundschaftliche, aber durchaus unnötige Mahnung. Die Natur hatte dich auf mannigfache Lektüre und vielfältige Kenntnisse erpicht gemacht, die Glücksgöttin Fortuna aber, die ja (so sagt man) den Lauf der Dinge zum großen Teil beherrscht, hat dich zwar auf einem stürmischen und tiefen Meer der Geschäfte und Sorgen umhertreiben lassen, dir aber nicht zugleich mit der Muße zum Lesen auch das Verlangen nach Erkenntnis geraubt, so daß du immer an der Freundschaft und dem Zusammenleben mit literarisch gebildeten Menschen deine Freude hattest und sogar an vielbeschäftigten Tagen, so oft es nur ging, Mußestunden dir abstahlst, um Tag für Tag besser unterrichtet, Tag für Tag über denkwürdige Dinger tiefer belehrt zu werden. Daß du hierbei dein unübertreffliches Gedächtnis oft anstelle von Büchern benutzt hast, kann gerade ich dir bezeugen. Wenn du hierzu schon in jungen Jahren neigtest, so wirst du wohl jetzt noch geneigter sein, zumal ja zu später Stunde der Wanderer seinen Weg noch brennender als frühmorgens oder doch mit größerer Entschlossenheit zu gehen pflegt. Lautet doch eine gewöhnliche Klage: „Der Weg wird immer länger, und der Tag immer kürzer“; wie uns das besonders auf unserer Lebensbahn widerfährt, wo wir, wenn es schon auf den Abend zugeht, einen so großen Rest des Weges noch vor uns sehen.

Dazu also brauche ich dich nicht aufzurufen, daß du tun möchtest, was du schon immer mit größtem Verlangen getan hast. Als Mahnung kann genügen: du solltest bestrebt sein, dich hiervon nicht abbringen zu lassen durch die Sorgen um Menschliches, die ja die meisten Sterblichen nach außerordentlichen Anstrengungen und mitten im Vollbringen der größten Leistungen abgelenkt hat. Ich setze hinzu: du könntest dich ja, weil du doch nicht auf einen Schlag alles lesen, hören oder behalten kannst, auf das besonders Nützliche und - da das Gedächtnis die Kürze liebt - auf das besonders Kurzgefaßte stützen. Nicht daß ich dir raten wollte, die anstregenderen und bedeutenderen Überlegungen der Weisheit nicht zu beachten, mit denen du dich beim sozusagen regulären Kampf mit der Glücksgöttin schützen kannst! - Ich meine nur: du solltest einstweilen mit gewissen handlichen und nächstliegenden Waffen gegen alle Angriffe und jeden plötzlichen Ansturm, woher er auch komme, beständig gerüstet sein.

Zweifach ist unser Krieg gegen Fortuna, und an beiden Fronten ist das Risiko so ziemlich das gleiche. Gewöhnlich glaubt man, daß wir vor allem das Unglück im Leben zu bekämpfen hätten. Und die Gelehrten meinen, daß dieser Kampf der schwerere von beiden sei. Auch Aristoteles gibt in seiner Ethik eine eigene Definition: „Schwerer ist es, das Traurige zu ertragen als sich vom Erfreulichen fernzuhalten.“ Ihm hat Seneca sich angeschlossen, wenn er an Lucilius schreibt: „Eine größere Aufgabe ist es, Beschwerliches zu entschärfen als Freudiges zu zügeln.“ Was soll ich dazu sagen? Darf ich es wagen, gegen so große Männer aufzumucken? Hart ist es und erweckt leicht Verdacht, wenn ein Neuling Altes anrührt. Davor fühle ich mich zwar gewarnt durch die Autorität des Altertums, aber zu Hilfe kommt mir die Autorität eines anderen, gleichfalls dem Altertum angehörigen großen Mannes. „Denn dahin darf es nicht kommen, daß etwa der Einzelne sich seine Meinung über etwas nicht gemäß dem Eindruck, den er von der Sache hat, bilden sollte,“ schreibt Marcus Brutus an Atticus, Worte, die ich für so wahr gesprochen halte wie kaum sonst etwas. Wie kann ich denn über eine Sache urteilen, ohne daß ich es auch so meine? Das hieße ja mich zwingen, mit fremdem Urteil zu urteilen! - Wer das tut, der urteilt nicht selbst, sondern referiert Urteile. Das respektvolle Durchmustern der Urteile so bedeutender Menschen und aller, die ihrer Meinung sind, habe ich hinter mir, wenn ich über mein eigenes Urteil sprechen möchte. Zwar weiß ich, daß anderwärts unterschiedlich über die Tugenden disputiert worden ist, wobei man gar nicht immer den schwierigeren den Vorzug gibt, so daß denn auch gar nicht von ungefähr auf den allerletzten Platz unter den Tugenden die Mäßigung, auch Bescheidenheit genannt, zu stehen kommt.

Was jedoch unser Thema angeht, so halte ich es für schwerer, mit der Glücksgunst fertig zu werden als mit der Glücksungunst, und ich gestehe für meine Person: Erheblich beängstigender und (erwiesenermaßen!) fallenreicher ist die schmeichelnde Fortuna als die drohende. Was mich zu dieser Meinung bringt, ist nicht der Ruhm von Leuten, die darüber schreiben, sind nicht die Fallstricke von Worten und die Schlingen von Sophismen, sondern Erfahrungen mit der Wirklichkeit wie auch die Beispiele aus diesem unserem Leben und - ein starker Schwierigkeitsbeweis! - deren Seltenheit. Denn solche, die Verluste, Armut, Tod und Krankheiten, schlimmer als der Tod, mit Gleichmut ertrugen, habe ich schon viele gesehen, aber einen, der Reichtum, Ehren und Macht so ertrug, noch nie. Habe ich doch schon oft miterlebt, wie gegen Leute, die alle Gewalt des Mißgeschicks unbesiegt überstanden hatten, ein günstigeres Geschick leichtes Spiel hatte und sie niederstreckte, und wie den stämmigen Wuchs der Seele, den Drohungen nicht gebrochen hatten, Schmeicheleien verbogen haben. Wie es zugeht, weiß ich nicht - aber wenn Fortuna milder zu werden begonnen hat, fängt bald der verweichlichte Geist an, sich aufzublasen und im Zustrom des Wohlstands das ihm zugefallene Los aus den Augen zu verlieren.

Es hat schon etwas auf sich mit dem bei uns sprichwörtlich gewordenen Ausspruch: „Es kostet große Anstrengung, sein Glück zu ertragen.“ Nicht von ungefähr sagt Horaz: „Lerne ein großes Glück gut ertragen!" Offenbar hielt er das für eine schwere Kunst, auf die man sich ohne Studium nicht verstehen könne. Im übrigen hatte Seneca selber nur einen Teil des Schicksals, der ihm als der schwerere erschienen war und der zweifellos auf den ersten Blick der rauhere ist, in ziemlich kurzer Rede durchgenommen. Sein Büchlein ist in aller Händen. Ich gedenke ihm nichts hinzuzufügen noch wegzunehmen, denn weder entspräche es der Würde eines von einem großen Geist aus einem Guß geschaffenen Werkes, daß ich daran feile, noch steht mir, der ich mit meinem eigenen Anliegen beschäftigt bin, der Sinn danach, Fremdes zu glätten oder zu zausen.

Da aber Tugend und Wahrheit öffentlich sind, und das Studium des Altertums nicht abträglich sein darf für den Fleiß der Nachwelt, den anzuregen und zu unterstützen es bekanntlich eingeführt wurde, habe ich mir vorgenommen, mit dir ein Gespräch gerade über dieses Thema zu führen und das, was seinerzeit Seneca seinem Bruder Gallio gewidmet hat, jetzt meinem Azzo vorzulegen (meinem besten Freund) - soweit es seinem schon überbeanspruchten und immerfort beschäftigten Geist wird zuzumuten sein! - ja, und überdies den von Seneca, sei's aus Vergeßlichkeit oder mit Absicht übergangenen anderen Teil in Angriff zu nehmen. In beide Teile habe ich bewußt einiges Wenige eingestreut, Auszeichnungen oder Mängel nicht irgendeines äußeren Geschicks, sondern innerer Stärke oder Schwäche, weil das, mag es auch vom Thema abführen, doch ganz ähnliche, froh oder betrübt machende Wirkungen verspricht. Wie meine geistige Leistung dabei abschneidet, wirst du einschätzen können, wenn du meine sonstigen Geschäfte und die spärliche Freizeit in Anschlag bringst und dann mit Erstaunen sehen wirst, daß das Werk in (verhältnismäßig) sehr wenigen Tagen vollendet wurde. Ich selbst kann nur für meinen guten Willen einstehen. Wahrlich, ich bin bemüht gewesen um eine Sammlung, die sich nicht Punkt für Punkt vor mir selber recht gut auszunehmen brauchte, dafür aber dir und anderen (wenn überhaupt ein anderer danach greift) recht nützlich vorkommen sollte. Schließlich war mein Ziel das gleiche wie immer bei dieser Art von Studien: nicht so sehr Literatenlob als Lesernutzen, sofern er mir zu entnehmen oder mir zuzutrauen ist. Als Hauptsache hatte ich im Auge, daß nicht ein förmliches Arsenal nötig sei gegen jedes verdächtige Geräusch von Feindesseite, so als gäbe es ein kurzes Rezept gegen jedes Übel und jedes schädliche „Gute“, überhaupt gegen die beiden Aspekte des Glücks, sondern daß von Freundeshand etwas gegen eine zweifache Krankheit verfertigt werde, was du als ein nicht unwirksames Gegenmittel in kleiner Salbenbüchse überall und jederzeit, wie man so sagt, griffbereit und zur Verfügung haben solltest. Denn, wie gesagt, beide Gesichter Fortunas sind zu fürchten, und doch müssen beide ertragen werden. Das eine bedarf des Zügels, das andere des Trostes, hier muß die gehobene Stimmung gedrückt, dort die ermüdete neu erquickt und aufgerichtet werden.

Als ich nun über diese bunte Fülle nachdachte und darüber etwas schreiben wollte, warst du nicht nur derjenige, der sich mir als würdig eines Geschenks darstellte, das, mit Cicero zu reden, „zu unser beider gemeinsamem Gebrauch“ bestimmt wäre, sondern auch der einzige, der mich zum Schreiben anspornte, ich meine nicht mit Worten - du wußtest von meinem so großen Unternehmen ja noch gar nichts -, vielmehr durch die Wirklichkeit, in der sich an dir so reichlicher Stoff unter beiden Aspekten fand. Wir kennen viele, die Fortuna in ihren Folterkammern, viele auch, die sie sich als Lieblinge hielt, dazu viele, die auf dem Glücksrad heftig umgetrieben wurden. Es fehlt weder für Steigende noch für Stürzende an Beispielen, und ich weiß von solchen, die von einem recht hohen Gipfel herabgesunken sind. Wie viele römische Kaiser, wie viele fremde Könige sind durch Feindes- oder auch durch Freundeshand vom höchsten Thron gezerrt worden und haben zugleich ihr Leben und ihr Reich verloren! Ja, und müssen wir uns etwa alles aus dem Altertum borgen? Kürzlich erst haben wir von verbannten, gefangenen, in der Schlacht erschlagenen, daheim enthaupteten, ja, sogar (welch' unerträglicher Bericht!) von mit dem Strick erdrosselten und abscheulich zerfetzten Königen erfahren. Dir, dem die Natur ein königliches Herz gegeben hatte, hat Fortuna ein Königreich weder gegeben noch genommen; aber einen, mit dem sie in allem Übrigen so launisch umgesprungen wäre, wird man, soviel ich weiß, in unserer Zeit kaum finden.

Petrarcameister - Glücksrad

Das „Glücksrad“ war das Titelbild zum ersten Buch. Es zeigt das menschliche Schicksal im Symbol eines Rades, das von verschiedenen Winden aus allen Ecken umgetrieben wird. Aus weltlicher Sicht sieht man oben einen Kaiser mit Schwert und Reichsapfel in den Händen und mit dem kaiserlichen Hermelin bekleidet. Er sitzt relativ wacklig auf seinem Thron und versucht, die Balance zu halten. Das Rad dreht sich nach rechts, und dort sieht man im jähen Stutz einen König, der sich mit Armen und Beinen an das Rad klammert, während die goldenen Ketten von seinen Schultern fallen. Unter dem Rad liegt ein gefallender König mit zerbrochener Krone, das Schwert ist ihm entglitten, nur das Zepter ist noch in seiner Hand, und er hält sich krampfhaft am Rad fest, um wieder aufsteigen zu können. Links steigt ein Herrscher mit dem Rad auf. Mit Turban und Schnabelschuhen erinnert er an einen König aus dem Orient, der zielbewußt auf den Kaiserthron schaut. Das könnte eine Anspielung auf die damaligen Eroberungsfeldzüge der Türken sein, so daß der Kaiser mit ängstlicher Miene sein Schwert gegen ihn schwingt. Darüber hinaus könnte der Turban auch eine zusammengebundene Krone symbolisieren, die zuvor zerbrochen war.

Aus geistiger Sicht erinnert der Kaiser an die Vernunft, die im Menschen herrschen, die goldene Kugel der Wahrheit hochhalten und mit dem Schwert der Erkenntnis entscheiden sollte. Auch sie ist verschiedensten Feinden ausgesetzt, wie der Begierde, dem Haß und dem Ego, die ihre Herrschaft untergraben und bedrohen. Entsprechend spielt auch die Vernunft in diesem ganzen Buch die Hauptrolle. Das Rad selbst erinnert mit seinen fünf Speichen an unsere fünf Sinne, um die der Geist in verschiedenen Bewußtseinszuständen kreist. Im Bereich der Nabe könnten fünf Eicheln angedeutet sein, die oft als Symbol der Stärke und Beständigkeit gelten und für die ewige Essenz stehen könnten, um die sich alles Äußerliche und Vergängliche dreht.

Im Ganzen versteht Petrarca unter dem Glück weniger einen dummen Zufall, sondern ein Schicksal, das auch durch das eigene Denken und Handeln geprägt wird, wobei die Vernunft eine entscheidende Rolle spielt. Das heißt: Je vernünftiger, desto heilsamer, und je unvernünftiger, desto unheilsamer.

Hattest du dich sonst von jeher auf deine ganz besonders blühende Gesundheit und Körperkraft verlassen können, so wurdest du zur Bestürzung aller, die dich kannten, innerhalb weniger Jahre dreimal von den Ärzten aufgegeben, hast dreimal Leben und Gesundheit allein der Hilfe des Arztes droben im Himmel überantwortet. Von ihm ist dir endlich wieder zur Gesundheit verholfen worden, freilich so, daß du deine frühere Robustheit gänzlich verlorst, dafür aber ein nicht geringeres Wunder an außerordentlicher Geschicklichkeit und ungewöhnlich eindrucksvoller Haltung wurdest, indem du, vorzeiten ein fast unermüdlicher Sturmläufer, jetzt nur mit Anlehnung oder von Dienerhänden emporgehoben ein Pferd besteigen oder aufhelfende Schultern gestützt mit langsamen Schritten ein Stück am Boden vorankommen kannst. Das Vaterland Parma hat dich fast gleichzeitig als Herrn und als Verbannten gesehen, freilich ohne daß die Verbannung einen Schatten auf dich warf. Wohl kein anderer Zeitgenosse hat von Fürsten gleiche Gunst, aber auch gleiches Unrecht erfahren, so daß dieselben Leute, die sich kurz vorher um deine Freundschaft gerissen hatten, bald danach, wie wenig einig sie sonst auch sein mochten, sich doch wie nach gemeinsamem Plan zu deinem Untergang verschworen. Ein Teil hatte es heimtückisch auf deinen Kopf abgesehen, nicht ohne dich zuvor um Gold, Juwelen und Geschenke gebracht zu haben, die mit vollen Händen jahrelang aus der Fülle eines gnädigen und günstigen Geschicks gespendet wurden, ja (ein schlimmerer Verlust als dies alles!), auch um Freunde und Gefolgsleute, um deine sämtlichen Angehörigen, mit Foltern und Todesarten von grausiger Mannigfaltigkeit. Ein anderer, glimpflicher verfahrener Teil brach ein in deinen gewaltigen Besitz an Ländereien, Menschen, Häusern, Städten.

So wurdest du von denen, die dich gerade erst gesehen hatten und aus höchstem Reichtum in Not gestürzt wiederfanden, als ein Beispiel der Ungeheuerlichkeit Fortunas bestaunt. Von den Freunden war - wie gesagt - ein Teil hin; an den Überlebenden war die Treue hin, und es mied dich, wie es zu gehen pflegt, mit dem Glück auch die Gunst der Leute, so daß du zweifeln konntest, was mehr zu betrauern sei: der Freunde oder der Treue Untergang. Hinzu kam mitten im Branden der Ereignisse die Krankheit, schier die allerletzte und dem Tode so nahe kommende, daß schon das Gerücht umlief, der Mann, von dem man überzeugt war, er könne nicht überleben, sei bereits hinüber. Und diese Krankheit, diese Armut, diese Häufung von Nöten hatte einen aus dem Vaterland Vertriebenen, der fern der Heimat in fremdem Land, in einem vom Krieg umdonnerten Haus lebte, überwältigt; es war eine halbe Belagerung, in der dir einstweilen keinerlei Verkehr möglich war mit den Freunden, die deine persönlichen Vorzüge dir verschafft hatten oder die das Schicksal hatte laufen lassen. Nichts von allem blieb dir erspart außer Kerker und Tod; nein, auch der Kerker nicht, solange deine überaus treue Frau und die dir entsprossenen Söhne und Töchter alle von den Feinden gefangengesetzt waren und du zurückbliebst ohne irgendeinen Trost von Seiten deiner vielen Kinder; nein, auch der Tod nicht, der, während du selbst immerfort gegen ihn ankämpftest, die zu der Zeit noch ganz zarte und unschuldige Seele eines deiner Söhne im Kerker ereilte. Wozu viel Worte! - An dir als einzigem haben wir erfüllt gesehen, was wir über zwei Männer höchsten Ranges: Caius Marius und Pompeius Magnus, gelesen haben, wozu jedoch im Guten wie im Schlimmen Fortunas Kraft nie hinreicht: wohl hat sie, die Frohes und Trauriges sonst mischt, beides an euch (dir samt deinen Lieben) getrennt entfaltet, du aber hast einst ihre Schmeicheleien nicht so übermütig wie die meisten Glücklichen und erst recht vor kurzem ihre Drohungen und ihren Ansturm mit so tapferem und unbesiegtem Willen hingenommen, daß du dich schon allein deswegen vielen, die vorher deinen Namen haßten, als liebens- und bewunderungswürdig erwiesen hast. Denn dieses ihr Eigene hat die Tugend, daß sie die Guten in Liebe zu ihr, und die Schlechten in Bestürzung versetzt. Trifft dies auf alle Tugend zu, so besonders auf die Tapferkeit, die in den Wirbeln des Geschicks und im Dunkel der Schrecknisse eine um so willkommenere Ruhe verleiht und ein um so helleres Licht verbreitet. Mir aber hast du wohl nicht nur die alte Liebe zu dir (eine Steigerung, die ich nicht für möglich hielt) durch ein großes Maß von neuem Wohlwollen verstärkt, sondern auch die Feder, die schon auf anderes zueilte, auf dieses noch nicht zur Niederschrift Herangereifte abgelenkt, so daß du in dieser meiner Schrift den Ausdruck deiner Sinnesart wie in einem Spiegel erblicken kannst. Sollte dir darin etwas nicht fein genug ausgeführt erscheinen, magst du alles, was du ehrlich mißbilligst, in der Weise gestalten und die ändernde Hand so anlegen, daß dich - sei's mit gewohnten, sei's mit neuen Feinheiten, deren es unzählige gibt - bei keinem Wechselfall, den Fortuna dir noch zugedacht hat, irgendeine Außenseite der Dinge nicht mehr verwirren kann. Bereit vielmehr zu allem und gerüstet auf jedes Einzelne, mögest du Süßes und Bitteres in gleicher Weise geringschätzen. Voller Selbstvertrauen kannst du allem die Stirn bieten mit den Worten Vergils:

„Keine Nöte, prophetische Jungfrau, könnten vor mir sich Neu auftun mit unvermutetem Antlitz - ich habe Alles erlebt und alles im Geiste vorher ermessen.“

Wohl weiß ich, daß viele meinen werden, es müßten wie an Menschenleibern so auch an Menschenseelen, die von mannigfachem Leid heimgesucht werden, Wortmedikamente wirkungslos bleiben. Aber auch das ist mir nicht entgangen, daß es ebenso wie unsichtbare seelische Leiden auch unsichtbare Heilmittel gibt. Wer von krankhaften Meinungen umzingelt ist, muß durch heilsame Ansichten befreit werden, auf daß, wer durch Hören zu Fall kam, durch Hören auch wieder aufsteht. Wer hierzu aus dem, was er hat, dem notleidenden Freunde beisteuert, wie wenig es auch sei, der hat eine Freundespflicht erfüllt. Denn auf die Gesinnung blickt die Freundschaft, nicht auf die materielle Gabe, die ja, wie klein sie auch sein mag, ein Zeichen der Liebe sein kann.

Petrarcameister - Philosoph

Ein Philosoph gießt seine Lehre aus, um die heilsamen Ansichten zu stärken und die unheilsamen Ansichten, die uns krank machen, zu schwächen. Symbolisch werden hier angebrochene Gefäße und heile bzw. ganze Gefäße in einer Waage dargestellt. Ringsherum befindet sich ein grünender Garten mit alten und jungen Bäumen, der von einem Zaun und einem geschlossenem Tor beschützt wird. So sollte man auch die äußeren Sinne zügeln, damit die heilsame Tugend im Inneren wachsen und gedeihen kann.

Ich jedenfalls, wie Großes ich dir auch wünsche, habe zur Zeit nichts Passenderes, was ich dir schenken könnte. Wenn du das gelten läßt, wird der Nutzen, der den Dingen ihren Wert gibt, ganz von selbst das Werk empfehlen. Läßt du es nicht gelten, wird deine Liebe zu mir es entschuldigen. Einlesen wirst du dich so: Es werden jene vielberufenen und untereinander verwandten vier Affekte: Hoffnung (bzw. Begierde) und Freude, Furcht und Schmerz, die von den beiden Schwestern Glück und Unglück in gleichartigen Geburten zur Welt gebracht wurden, bald von hier, bald von dort den menschlichen Geist bestürmen. Burgherrin aber ist die Vernunft: sie möge ihnen allen als einzige antworten, möge mit Schild und Helm, mit den ihr eigenen Künsten und der ihr eigentümlichen Kraft, mehr noch freilich mit Hilfe vom Himmel die rings schwirrenden Geschosse der Feinde zerstreuen. Auf deinen Geist setze ich meine Hoffnung, daß du leicht entscheidest, wem der Sieg gehört. Ich will dich nicht länger warten lassen; doch um dich mit meinem Vorhaben bekannt zu machen, mußte ich als Ankündigung diesen Brief vorausschicken. Willst du ihn als Widmung annehmen, so vergleiche nur ja die Maße! - Es soll ja nicht eine zu lange Vorrede auf ein kurzes Büchlein gerade so wie ein übergroßer Kopf auf einen kleinen Körper drücken. Denn nichts ist ohne das Maß und ohne die Verhältnismäßigkeit der Teile formschön.

Petrarcameister - Glück und Unglück

Das Glück im Leben ist so launisch wie das Wetter. Mal scheint die Sonne, das Feld ist wohlbeschützt und alles gedeiht so glücklich, daß sogar ein Loch im Dach und ein zerbrochener Zaun nicht stören. Aber dann hagelt es und die erhoffte Ernte wird vernichtet.

Nun beten die leiblichen Kinder zur leiblichen Mutter (Natur) und der geistige Sohn zum geistigen Vater (Gott). Die Mutter hält eine Gebetskette und vermutlich eine Rute, um die Kinder zu züchtigen. In dieser Symbolik kann man die damalige Anschauung erkennen, daß die Natur die Aufgabe hat, die Menschen zu zügeln und mittels ihrer Vernunft auf eine höhere bzw. geistigere Ebene zu heben, die sich in der Verehrung Gottes zeigt.

Am unteren Rand sieht man den damals schon berühmten Wetter-Hahn auf dem Misthaufen. Auch heute gibt es noch das alte Sprichwort: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, so ändert sich's Wetter oder bleibt, wie's ist.“

O du großmächtiges falsches Glück,
Was übst du Untreu, Trutz und Tück.

Erwählst das Arg, verjagst das Gut,
Hältst keine Treu deiner Gab und Mut.

Die Unschuldigen du verheerst,
Die Unverdienten ehrreich stärkst.

Die Gerechten zwingst zur Armut Joch,
Die Bösen tust würdig erheben hoch.

Die Jungen tötest aus grimmig Haß,
Die Alten erhältst du im Übermaß.

Unterscheidest vorteilig alle Zeit,
Machst Frommer Hab der Argen Beut.

Hältst nie lang, die du geadelt hast,
Jagst auch nicht stetig, die du verlaßt.

Wirfst hoch wider Willen, stürzt ab in Grund,
Noch hält alle Geschöpfe Gott in seinem Bund.

(J.B. Von Marckdorff)

Das erste Buch - Von der Heilung des Glücks

1.1. Vom blühenden Alter und der Hoffnung auf langes Leben

Das erste Gespräch zwischen Hoffnung und Vernunft:

Hoffnung: Ich erwarte ein blühendes Alter, und ich werde noch viele Jahre leben.

Vernunft: Erkenne doch, dies ist die erste aller vergeblichen Hoffnungen der Menschen, die viele tausend schon betrogen hat und noch betrügen wird.

Freudige Hoffnung: Ich erreich mein volles Alter.

Vernunft: Wer würde des Wenige, wenn das Viele fehlt, ein Volles nennen? Man weiß ja nie, wieviel noch fehlt.

Freudige Hoffnung: Und doch haben wir ein gewisses Schicksal gesetzmäßig zu leben.

Vernunft: Wer hat das Selbst gemacht!? Was ist die angeborene (bzw. vorbestimmte) Zeit zu leben!? Wahrlich, ein ganz unverläßliches Gesetz ist es, das sich nie gegen jedermann gleich verhält. Es ist so wandelbar, daß es im Leben nicht Ungewisseres gibt, als dessen Weise und Maß.

Freudige Hoffnung: Es gibt doch viele große Ziele im Leben, welche die Weisen gesetzt haben.

Vernunft: Ja, sie haben sie gesetzt, aber nicht der Empfänger, sondern Gott, der alles gibt, vermag es. Ich verstehe gleichwohl, ihr denkt an siebzig oder (so die Natur will) achtzig Jahre und steckt damit dem menschlichen Leben ein Ziel, auf das Arbeit und Leiden warten. Auch wenn euch ein Lehrer mit großer Hoffnung hundert Jahre verspricht, so kommt kaum jemand zu solchem Alter, wie wir gewöhnlich sehen. Aber ich sage: Das Wenig, so wenig es auch sei, ist einem jeglichen verliehen. Und wenn man es recht betrachtet: Wie viel ist es doch!

Freudige Hoffnung: Ja, es ist viel, denn das Leben junger Menschen ist viel sicherer und von Tod und Alter ferner.

Vernunft: Du bist betrogen! Wenn schon prinzipiell einem Menschen nichts sicher ist, so ist doch die Jugend ein besonders unsicherer Teil des Lebens, denn die Hoffnung auf ein langes Leben macht unvorsichtig. Darüber hinaus ist nichts so miteinander verwandt, wie Tod und Leben, welche man zwar am weitesten entfernt sieht, doch am allernächsten beieinander sind. Das Leben verfließt auf allen Wegen und der Tod folgt nach, wohin ihr auch flieht, er sitzt immer im Nacken.

Freudige Hoffnung: Zumindest ist die Jugend gegenwärtig und das Alter nicht.

Vernunft: Nichts ist vergänglicher als die Jugend, und nichts ist hinterlistiger als das Alter. Die Jugend bleibt nicht und geht mit Liebkosen dahin. Das Alter schleicht im Verborgenen Schritt für Schritt heran und verletzt dich unerwartet. Und was du noch weit in der Ferne siehst, steht bereits vor der Tür.

Freudige Hoffnung: Mein Alter wird gut gedeihen.

Vernunft: Du vertraust einer großen Illusion. Dieses Gedeihen, was du meinst, ist ein Vergehen. Das kurze Leben und die unbeständige Zeit fließen mit schleichenden Schritten auch mitten in Schlaf und Kurzweil diebisch hinweg. Ach, wöllte doch Gott, daß man diese Vergänglichkeit der Zeit und diese Kürze des Lebens bereits am Anfang und nicht erst am Ende erkennt! Daraus entspringt, daß den Menschen in dieser Zeit oft vergebens geraten wird, weil sie ungläubig und unerfahren sind und guten Rat mißachten, ohne sich selbst helfen zu können. Hieraus entsteht der jugendliche Irrtum, vielfältig und groß für jene, die unwissend darin verstrickt sind. Erst im Alter wird es den Stolzen entdeckt und wie ein grelles Licht vor die Augen gesetzt. Guten Rat wollen sie nicht beherzigen, sondern nur ihren eigenen Willen und nichts anderes. Ich hoffe, daß wenigstens einige unter Tausenden sind, die es zur rechten Zeit von selbst bemerkten oder einem guten Lehrer glauben und zu vortrefflichen Jünglingen heranwachsen, die ohne große Anstöße ihr Leben verbringen und den sicheren Weg von Recht und Tugend gehen.

Freudige Hoffnung: Ich werde ein ungestörtes und ruhiges Alter haben.

Vernunft: Woher käme das?! Dein Wesen ist doch von Anfang an immer unbeständig und vergänglich. Auch die kleinen Stücke, soweit sie gegeben wurden, werden dir wieder entzogen. Du gleichst einer Wolke im Himmel, die in ständiger Bewegung ist. Die Augenblicke vergehen in der Stunde, die Stunden im Tag, und die Tage jagen sich einander. Es gibt keine Ruhe, und so vergehen auch die Monate und Jahre. Die Zeit eilt leiseschleichend dahin und trägt im Flug auf ihren gefiederten Schwingen jeden fort. Als würde man auf einem Schiff dahinfahren und es nicht bemerken. So finden manche ihr Ende, ohne das je zu erkennen.

Freudige Hoffnung: Das Alter, das mich von hier wegträgt, ist fern von mir.

Vernunft: In einem engen Raum voll kurzer Wege gibt es nichts Fernes.

Freudige Hoffnung: Nichts liegt am Ende weit vom Anfang entfernt.

Vernunft: Ja, da hast du recht. Das bedeutet aber nicht, daß alle Menschen im gleichen engen Raum ohne Weite leben. Praktisch gibt es vielerlei Wege, und oft treffen schon kleine Kinder auf den Tod, obwohl man meint, daß ihr Ende am weitesten entfernt ist.

Freudige Hoffnung: Wahrlich, ich werde ein blühendes Alter haben.

Vernunft: Was aber nur wenige Menschen finden. Schon während wir hier miteinander reden, verwelkt diese Blüte des Alters. Mit jeder Silbe entweicht uns etwas vom Leben, wie ein Blütenblatt von der Blüte fällt. Ich bitte dich, was hat dieser scheinbar zarte Jüngling mehr als ein verknöcherter und verrunzelter alter Mann bezüglich der Vergänglichkeit des Alters und der stetig verwelkenden Blüte? Was da so süß oder wonnevoll sein möge, verstehe ich nicht. Der Jüngling sollte wissen, daß das Alter schneller kommt als gedacht. Andernfalls ist er ein Narr.

Du denkst vielleicht, daß von Zweien, die zu schmerzlicher Strafe verurteilt wurden, derjenige seliger ist, der als letzter dem Schwertstreich gewärtig den Hals hinstrecken muß. Mir kommt er armseliger vor, weil er länger harren muß. So sieht man, daß zwischen dem Jüngling und dem Alten kein großer Unterschied ist. Außer, daß dem Letzteren noch etwas geschehen kann, wodurch er der Pein seines Vorgängers entkommen und am Leben bleiben kann. Den Jüngeren aber kann niemand, als der Tod freisprechen.

Zusammengefaßt: Große Seligkeit besteht nicht in enger Weite und begrenzter Zeit. Hochstrebenden Gemütern ist nichts Kurzweiliges zu wünschen. Erwachet ihr Verschlafenen! Es ist Zeit, die ständig vernebelten Augen zu öffnen. Gewöhnt euch doch im Denken daran, das Ewige zu lieben und zu wünschen und das Vergängliche gering zu achten. Lernt, den vergänglichen Dingen, die euch nicht lange bleiben werden, bewußt zu entsagen. Entlaßt sie aus eurem Gemüt, bevor sie euch verlassen.

Freudige Hoffnung: Mein Alter wird beständig sein und grünen.

Vernunft: Wer sich ein beständiges Alter verspricht, der lügt. Nichts ist vergänglicher als die Zeit, und sie ist die Führerin jeden Alters. Ihr willst du Beständigkeit andichten? Oh Eitelkeit, nichts ist beständig. Gerade jetzt raubt sie dir am meisten.

Petrarcameister - Vom blühenden Alter und der Hoffnung auf langes Leben

Im unteren Teil des Bildes sieht man einen jungen Edelmann, der in blühender Jugend mit einem Kranz geschmückt zusammen mit seinen Hunden zur Jagd reitet und einen Falken auf der Hand träg. Im oberen Teil dominiert die Frauenwelt. Edelfräuleins sitzen mit ihrer Gouvernante müßig im Garten an einem stattlichen Renaissancebrunnen oder pflegen auf der linken Seite Grüntöpfe, die sie mit Wasser besprenkeln.

Aus geistiger Sicht könnte man im oberen Teil die weibliche Natur sehen, die den berühmten Jungbrunnen beschützt, woraus immer wieder neues Leben geboren wird. Die Grüntöpfe sind ein denkwürdiges Symbol für unsere Körper, in denen das Leben in relativ engen Grenzen gedeihen kann, wie auch im Bild die verschiedenen Wachstumsstufen angedeutet sind und der „Kopf“ des Jünglings mit einem „Topf“ zu verschmelzen scheint. Unten wäre dann die geistige Welt, mit der üblichen Jagd nach dem Leben und Gewinn. Dazwischen befindet sich ein kleiner Zaun, wie auch die Unterschiede zwischen Geist und Natur durch das menschliche Denken künstlich entstehen. Ähnlich könnte man auch den Zaun im Hintergrund als Übergang zu einer noch höheren Welt betrachten.

Ähnlich sprach auch Meister Eckhart:

Eine Schrift sagt: Den Männern soll das Haupt entblößt sein und den Frauen bedeckt (1 Kor. II, 7 + 6). Die „Frauen“, das sind die niedersten Kräfte (der Natur), die sollen bedeckt sein. Der „Mann“ aber, das ist jene Kraft (des Geistes), die soll entblößt und unbedeckt sein. (Predigt 12)

1.2. Von schöner Gestalt des Leibes

Freude: Ich habe eine besonders schöne Gestalt des Leibes.

Vernunft: Sie ist in keiner Weise beständiger als die Zeit. Schönheit kommt mit der Zeit und geht mit der Zeit. Versuch die Zeit festzuhalten und beständig zu machen, dann magst du auch die Schönheit festhalten können.

Freude: Meine Schönheit ist vornehm.

Vernunft: Du stützt dich auf Vergängliches. Der Leib vergeht wie ein Schatten. Und du versprichst dir, den augenblicklichen Zustand der Natur festzuhalten? Die vergänglichen Dinge müssen vergehen, denn das ist ihr notwendiges Wesen. Wo es herrscht, können die zufälligen Dinge nicht beständig sein. Unter allen Vergänglichkeiten des Leibes ist keine schneller, als die Schönheit, die wie ein liebliches Blümlein, das von wenig Frost getroffen oder von leichtem Winde geknickt, vor den Augen derer verwelkt, die sie rühmen und loben. Und schnell wird sie auch von den Nägeln feindlicher Hände zerkratzt oder vom Fuß plötzlicher Krankheit zerdrückt.

Nun, springe und tanze vor Freude wie dich gelüstet, so kommt doch sicher mit großen Schritten der Tod, der dich unter deiner zarten Hülle trifft. Der Tod zeigt, wie beständig die Schönheit eines lebenden Menschen ist. Und nicht allein der Tod, sondern auch das Alter als ein Werk weniger Jahre. Gleiches gilt für ein zufälliges Fieberlein, das dich plötzlich ergreift. Und ferner, selbst wenn nichts Äußerliches passiert, so wird die Schönheit doch im Beharren und Festhalten durch sich selbst verzehrt und vernichtet. Das hat (soweit ich weiß) zu seiner Zeit auch der römische Kaiser Domicianus (Domitian) erfahren, als er seinem Freund schrieb:
Wisse, daß es nichts Angenehmeres und Vergänglicheres gibt, als die Schönheit. Wie sie eine ewige und bleibende Gabe sein kann, verstehe ich nicht.

Doch wie viele andere spricht auch er nicht darüber, daß dieser äußerlich scheinende Glanz so viel Unreines und Grausiges bedecken kann. Mit einem dünnen Überzug der Haut kann das Schimpflichste den Sinnen schmeicheln und sehr begehrenswert erscheinen. Deshalb sollte man sich an den wahren und unvergänglichen Gütern gebührend erfreuen und nicht an den trügerischen und vergänglichen.

Freude: Ich habe eine hübsche Gestalt.

Vernunft: Du hast einen Vorhang vor deinen Augen, einen Strick an deinen Füßen und Vogelleim an deinen Flügeln. Deshalb kannst du nicht einfach die Wahrheit erkennen, der Tugend folgen und dein Gemüt erheben. Schon viele Leute, die einen ehrlichen Weg gehen wollten, wurden von der äußerlichen Schönheit aufgehalten, behindert und in Widerwertigkeit getrieben.

Freude: Wunderbar ist meine Gestalt.

Vernunft: Du sagst, sie ist wunderbar. Was ist wunderbarer als diese eitle Üppigkeit?! Von vielen heilsamen und wohltuenden Dingen enthalten sich gerade die hübschen Jünglinge. Was für Bürden laden sie sich auf?! Was für Leiden schaffen sie sich selbst?! Sie wollen durch ihre Schönheit besonders geachtet sein und kümmern sich um ihr Äußeres, ohne auf Gesundheit zu achten und die Leidenschaft zu fürchten. Wieviel verliert man in dieser müßigen Zeit?! Wieviel ehrlicher Nutzen und wichtige Dinge werden versäumt?! Dafür wird dir dein schnell vergängliches Gut und die unnütze Freude beneidet. Du hegst deinen Feind und dazu noch einen ergötzlichen, liebkosenden und schmeichelnden in deinem Haus. Er raubt dir die Ruhe und Zeit, wird dich immer wieder peinigen, treibt zu übermäßiger Mühe, verursacht Gefahren, reizt zu Begierden und fördert den Neid anstatt die Liebe. Du magst vielleicht den Frauen gefallen, aber die Männer werden dich beneiden oder zumindest fürchten. Nichts entzündet die eheliche Eifersucht mehr, als die verführerische Schönheit. Nichts erregt mehr hitzige Begierde und bewegt die Gemüter, und deshalb wird sie am meisten gefürchtet.

Freude: Die Gestalt meines Leibes ist stattlich.

Vernunft: Dies pflegt die törichten Jünglinge an ungebührliche Orte zu treiben, wo sie ihr Gut in Geselligkeit verschwenden und nicht darauf achten, was zu tun und zu lassen ist. So ist die Schönheit schon vielen zur Ursache von Schmerz und schnödem Tod geworden.

Freude: Ich habe eine Gestalt, die nicht jedem gegeben ist.

Vernunft: Es wird aber nicht lange dauern, daß sich deines Mundes Geschicklichkeit und dein Aussehen wandeln werden. Dein blondes Haar wird grau und ausfallen, unförmige Runzeln werden deine zarten Wangen und die glatte Stirn zerfurchen, den fröhlichen und hellen Blick deiner Augen werden traurige Wolken verdunkeln, deine elfenbeinweißen Zähne wird ein schwarzer Belag überziehen und zertreiben, so daß sie ihre Schönheit und Ordnung verlieren, deinen gestreckten und stolzen Hals werden die Schultern krummbiegen, deine zarte Kehle verrunzelt und deine dürren Hände und krummen Beine wirst du nicht wiedererkennen. Was soll ich lange reden: Der Tag wird kommen, an dem du dich im Spiegel nicht mehr erkennen kannst, und alle aufgezählten Dinge erscheinen (die du noch weit von dir erachtest). Damit du dann nicht plötzlich darüber erschrickst, sag ich es dir vorher. Glaubst du mir jetzt, so wird die wunderliche Verwandlung erträglicher sein.

Freude: Noch ist meine Schönheit klar.

Vernunft: Was soll ich dazu Kürzeres sagen, als den Spruch von Madaura: Harr ein klein Weil, so wird sie nicht mehr sein.

Freude: Ich habe dennoch eine vortreffliche Gestalt.

Vernunft: Oh wieviel lieber wäre mir die Vortrefflichkeit deiner Seele! Denn auch die Seele hat ihre vortreffliche Schönheit, ja, viel süßer und gewisser als der Leib. Sie besteht auch nach ihren Gesetzen und zierlicher Ordnung füglich in all ihren Gliedern. Diese zu wünschen und mit Fleiß zu erreichen, wäre ein edles Ziel. Denn diese kann der zukünftige Tag nicht erschrecken, weder mit Krankheit noch mit Tod. Dann muß man sich über die zerrinnenden und vergänglichen Dinge im Leben nicht mehr wundern.

Freude: Es kann mir wohl nichts fehlen, denn ich habe ja eine wunderschöne Gestalt.

Vernunft: In diesen und anderen Dingen wäre ein vernünftiges Mittelmaß zu wünschen. Vielfach solltest du dir in deiner Schönheit nicht gefallen, vor allem vor Fremden, bei denen es unangemessen ist, und dich der Keuschheit und vernünftigen Mäßigung befleißigen, was deinem Lob wesentlich zuträglicher wäre.

Freude: Mein überstrahlendes Angesicht ehrt das Gemüt.

Vernunft: Ich widerspreche dir immer noch und sage voraus, daß es dich stetig in den Wahn zieht und du der Schmach nicht entkommen kannst. Was rühmst du dich einer Sache, die nicht dein ist, und die du nicht lange behalten kannst, die keinem wirklich nützlich war und vielen wie dir den Untergang brachte? Ich sage nicht mehr dazu, als daß der Römer Spurina nicht mit seiner natürlichen Schönheit sondern mit seiner willkürlichen Verunstaltung geadelt wurde. (Es heißt: Als der adlige Jüngling und Römer Spurina bemerkte, daß der Liebesgott sich seiner schönen Gestalt bei den Frauen bedienen wollte, hat er sogleich sein Angesicht zerkratzt und häßlich verdorben, damit er und andere damit nicht an Tugend verderben.)

Freude: Ich bemühe mich, daß die Tugend meines Gemüts in einem schönen Leib wohnt.

Vernunft: Wenn du das erreichst, dann würde ich dich als glückselig erachten, mit schönem Leib und angenehmer Tugend. Auch wenn der Lehrer Seneca sagte und schrieb „Angenehmer ist die Tugend in einem schönen Leib.“, so will ich bedenken, ob er sich nicht geirrt hat. Wenn er sagt, daß mit der äußeren Schönheit die innere Tugend vollkommener oder höher werde, so hat er sich wohl nicht auf den Grund gestützt, sondern auf das Äußerliche...

Zusammengefaßt: In gleicher Weise wie die Lieblichkeit der Gestalt in sich nichts Ganzes und Wünschenswertes hat, auch wenn sie freiwillig zufällt und der Tugend zum Gewand würde, so ist sie von beiden der Anteil der Illusion. Deshalb behaupte ich geduldig: Schönheit mag eine liebliche Zierde der Tugend sein, aber sie ist gebrechlich, vergänglich, eine Bürde der Seele und spottet später ihrer selbst.

Petrarcameister - Von schöner Gestalt des Leibes

Man sieht eine sehr reich gekleidete Dame mit offenem Haar und gepflückten Blumen in der Hand, die ihre Schönheit in einem gewölbten Spiegel betrachtet, der doch niemals ein wahres Bild zeigt. Sie steht in einem umzäunten Garten, der zumindest auf Augenhöhe Schutz gewährt, und ist mit verschlossener Pforte von der restlichen Welt abgetrennt. Der Pfau, der neben ihr sein prachtvolles Rad schlägt, symbolisiert einen alten, bis heute erhaltenen Volksglauben, daß der Pfau auf die Schönheit seiner Federn besonders stolz und eitel sei. Der Pfau selbst wird vermutlich nicht umsonst relativ häßlich dargestellt. Ringsherum sieht man die Blütenpracht der Natur, die ebenfalls nach Schönheit strebt. Die gepflückten Blumen könnten auf die künstliche Schönheit hinweisen, die schnell verwelkt und wegen ihrer Leblosigkeit vergänglich ist. Man sagt auch, das offene Haar galt zu jener Zeit als besonders verführerisch und war den jungen und unverheirateten Mädchen vorbehalten.

Aus geistiger Sicht erinnert das Bild an die Seele, die sich in den äußeren Dingen erkennt und damit identifiziert. Meister Eckhart sagte dazu:

Das könnt ihr an einem Spiegel beobachten: Hältst du den vor dich, so erscheint dein Bild im Spiegel. Das Auge und die Seele aber sind ein solcher Spiegel, so daß alles das darin erscheint, was vor ihn gehalten wird. Daher sehe ich (auch) nicht die Hand oder den Stein (an sich), vielmehr sehe ich ein Bild des Steines. (Predigt 40)

1.3. Von glückseliger Gesundheit

Freude: Was sagst du dazu, daß ich so gesund bin?

Vernunft: Was wir gerade von der Schönheit gesagt haben, daß laß dir hiermit wiederholt und vor allem bedenkenswert sein.

Freude: Mein leibliches Wohlergehen ist beständig.

Vernunft: Da steht dir noch das Alter entgegen, das mit tausenderlei üblen Krankheiten bewaffnet ist. Und mit der Zeit empört sich auch die Wollust gegen deine Gesundheit im innerlichen Streit.

Freude: Mein leibliches Wohlergehen wird glücklich bestehenbleiben.

Vernunft: Dies ist eine nicht ratsame Hoffnung, die ihre Besitzer unvorsichtig und übermütig werden läßt und mit der Zeit Krankheiten herbeiruft, die sich auch durch sorgsame Pflege der Gesundheit nicht vermeiden lassen.

Freude: Ich habe gute Gesundheit.

Vernunft: Gebrauche sie wohl, denn sonst ist sie ein geringgültiges Gut und kann sogar zu schwerem Übel werden und vielerlei Schulden verursachen. Vielen Menschen ist die leibliche Gesundheit gefährlich und auch schädlich geworden, welche in Krankheit beschützter gewesen wären.

Freude: Ich habe meine leibliche Gesundheit zum Besten.

Vernunft: Sie ist etwas Angenehmes, und nutzt entweder dem Leib oder dem Geist. Wie in mancher Kräuterwurzel ein giftiges Wesen ist, das durch Mischung mit anderen Zusätzen zu einem heilsamen Trank geläutert wird, so ist auch die leibliche Gesundheit für sich allein dem Besitzer schädlich und wird erst durch Zuwendung zur geistigen Gesundheit heilsam. Denn nirgends wohnen geistige Übel lieber als in einem gesunden Leib.

Petrarcameister - Von glückseliger Gesundheit

Man sieht hier, wie wacklig der Mensch auf den körperlichen Elementen von Erde und Wasser steht. Vom Wind der Gefühle wird er angetrieben und vom Feuer mit all den Dingen, die im Licht erscheinen, angezogen. Erde, Wasser, Feuer und Wind waren die vier großen und herrschenden Elemente der Natur. Darüber hinaus sieht man im Bild auch den himmlischen Einfluß von Sonne, Mond, Planeten und Sternen, und auf der Erde die Bindung durch Wege, Haus und Genuß, der vermutlich durch das übergroße Schankzeichen (ein Kreuz mit Kranz) als Symbol für Wirtshäuser angedeutet wird. Einerseits schreitet der Mensch herauf auf die feste Erde, anderseits droht er auch rückwärts wieder im Wasser zu versinken.

1.4. Von wiedergegebener Gesundheit

Freude: Ich freu mich von langwieriger Krankheit erlöst zu sein.

Vernunft: Ich sehe, du freust dich mehr über die wiedergegebene als über die gegebene Gesundheit. Oh ihr undankbaren Menschen, was ihr an Gutem besitzt erkennt ihr erst, wenn es verlorengeht. Das Verlorene quält euch, und das Wiedergefundene erfreut euch.

Freude: Mich hat ein schweres Fieber verlassen.

Vernunft: Die Ärzte nennen jene die schwersten Fieber, welche in Gebein und Mark toben, aber wieviel schwerer sind die Fieber, die innerlich im Geist verborgen liegen! Von diesen würde ich dich gern geheilt sehen.

Freude: Die Krankheit ist von mir gewichen.

Vernunft: Gegenwärtige Krankheit hat oft den Nutzen, daß sie den Leib schwächt, um die Seele zu heilen. Daraus folgt, daß auch Krankheit, wenn sie unterdrückt wird, oft Schäden bringt, der Seele Licht mindert und des Leibes Leidenschaft vermehrt. Wiewohl sie nun als böse und allerübelste Krankheit betrachtet wird, ist sie doch auch ein wünschenswertes Übel, soweit sie eines größeren Übels Heilmittel ist.

Freude: Jetzt hat endlich diese langwierige Krankheit ein Ende.

Vernunft: Ach, du aller Törichster, glaubst du damit dem Tod entflohen zu sein, dem du beständig entgegenläufst? Jetzt bist du dem Tod sogar noch näher, als während deiner Krankheit, in der du dich mit ihm verbunden gesehen hattest. Oh ihr Menschen, euer Weg führt nie wieder zurück und nirgends könnt ihr auf diesem verharren. Er kennt kein Wirtshaus (keine Einkehr) und läßt keinen faulen Schritt zu (keine müßige Pause). Schlafen, Suchen, Wachen, Arbeit, Ruh, Krankheit und Gesundheit sind alles gleiche Schritte, die zum Tod führen.

Freude: Von ungewisser Krankheit bin ich befreit.

Vernunft: Deine Gläubigerin läßt sich nicht betrügen. Deine Rechnung ist noch nicht beglichen und der Tag der Zahlung nur hinausgeschoben. Deshalb steht dir abermals Krankheit und Sterben bevor.

Petrarcameister - Von wiedergegebener Gesundheit

Man sieht zunächst einen Kranken, der sich von seinem Krankenlager erhebt, und einen Arzt, der den Raum verläßt. Das Haus erinnert an einen wohlhabenden Bürger mit Kassettendecke und Türumrahmung im Stil der Renaissance. Patient und Arzt haben den Kopf stolz erhoben, und die Hausfrau bringt stärkende Speise und Getränk. Der angedeutete Stolz über die Heilung wird auch im obigen Text erwähnt. Ansonsten tadeln die Kunsthistoriker die völlig mißlungene Perspektive in diesem Bild als eine künstlerische Schwäche. Das Bett kippt den Kranken regelrecht heraus, und der Arzt geht auf einem Weg, der perspektivisch völlig unklar erscheint.

Nun, wir wissen ja, daß diese Bilder immer auch eine geistige Ebene haben, und der Künstler gern mit tiefster Symbolik spielt. Vielleicht wollte er hier andeuten, daß der Kranke in seinem Bett schon halb im Himmel war, und der Arzt unklare Wege geht, zumindest nicht achtsam schaut, wo er hinläuft. Dies könnte mit dem dunklen Schatten vor seinen Füßen gemeint sein. Die vermutlich schwangere Frau kommt aus einer anderen Tür und könnte die Natur symbolisieren, welche die Nahrung gibt und das Leben zur Welt bringt. An ihrem Gürtel hängt ein Beutel, vielleicht der Reichtum, den sie während der Krankheit ihres Mannes verwahrt hat. Und wenn wir bezüglich der Frau von Natur sprechen, dann müßten wir den Mann als Symbol für den Geist betrachten, genau jenen Geist, den Petrarca durch dieses ganze lange Buch hindurch mittels der Vernunft zu heilen versucht. Entsprechend sah man damals in der körperlichen Krankheit auch einen höheren Sinn, der mit dem Großen und Ganzen verbunden war. Meister Eckhart sprach dazu:

Wenn manchen Leuten etwas zu erleiden oder zu tun zufällt, so sagen sie: »Wüßte ich, daß es Gottes Wille wäre, so wollte ich‘s gern leiden oder tun.« Bei Gott! Es ist eine wunderliche Frage, wenn ein kranker Mensch fragt, ob es Gottes Wille ist, daß er krank sei! Er soll des gewiß sein, daß es Gottes Wille ist, wenn er krank ist. (Predigt 48)

1.5. Von den Kräften des Leibes

Freude: Mir sind ja wohl viele Kräfte gegeben.

Vernunft: Lies doch noch einmal, was wir über die Schönheit und Gesundheit gesagt haben! Gleiche Dinge bedürfen auch gleicher Zügelung.

Freude: Ich habe viele Kräfte.

Vernunft: Schau, daß du dich in der Hoffnung auf deine Kräfte nicht überhöhst, wodurch du kraftlos wirst.

Freude: Ich habe Kraft im Übermaß.

Vernunft: Diese Ehre sollte vor allem einem Ochsen gehören.

Freude: Ich bin wirklich sehr stark.

Vernunft: Ein Elefant ist noch stärker.

Freude: Ich habe sogar zu viel Stärke.

Vernunft: Das glaube ich dir gern. Aber was zuviel ist, das neigt zum Laster oder wird einem zum Schaden.

Freude: Bei mir ist die Stärke zu Hause.

Vernunft: Solange sie ausgeglichen in dir wohnt, ist es gut. Was aber, wenn sie dich überwältigt? Was, wenn die Stärke zur großen Schwäche wird? Glaube mir, nie hatte irgendein Wesen so große Leibeskräfte, daß sie nicht entweder von großer Arbeit, einschneidender Krankheit oder aber vom Alter, das alles überwältigt, gebrochen wurden. Unermüdlich und unüberwindlich ist nur die Stärke des Geistes.

Freude: Mein Körper ist stark genug.

Vernunft: Niemand war stärker als Milon, aber viele waren berühmter und vornehmer.

Freude: Ich habe einen großen und wunderstarken Leib.

Vernunft: Die Tugend, die als vortrefflichste Gabe im Geist wohnt, bedarf der leiblichen Bürde nicht.

Freude: Nichts ist meinen Kräften zu schwer.

Vernunft: Aber vieles ist ihnen unmöglich, vor allem, daß sich einer, der seine Hoffnung auf seinen Leib setzt, nicht in den Himmel erheben kann.

Freude: Ich habe sogar übermenschliche Kräfte.

Vernunft: Wer so über alle Menschen aufsteigt, wird sich unter vielen Tieren wiederfinden.

Freude: Diese Kräfte haben nichts zu fürchten.

Vernunft: Eigentlich am allermeisten! Denn gegen das Vertrauen in große Stärke bewaffnet sich die Glücksgöttin mit großen Kräften und verdrießt es mit der Zeit, in dem sie Gleiches entgegen setzt. Damit zeigt sie, wie ein Mensch, der sich als Stärksten erachtet, auch nur ein schwaches Tier ist. So hat sie oft schon Riesen mit einem leicht entfachten Sturm geschlagen. Herkules, der von allen unbesiegt war, wurde von der Macht hinterhältigen Übels überwunden. Den bereits erwähnten Milon, der doch in allen Ring- und Fechtkünsten berühmt und erfahren war, hat ein einziger Baum festgehalten, so daß ihn die wilden Tiere zerfleischen konnten. Seine vortrefflichen Leibeskräfte wurden von einem gespaltenen Eichenbaum überwältigt (in dem er sich eingeklemmt hatte). Und du setzt das Vertrauen auf deine Stärke?!

Freude: In mir gedeihen unmäßige Kräfte.

Vernunft: Alles, was unmäßig ist, leidet unter seiner eigenen Bürde.

Freude: Meine Kräfte nehmen immer weiter zu.

Vernunft: Die Natur, die alles umfaßt, ist so gestaltet, daß nach jedem Hoch auch wieder ein Tief kommt. Und das geschieht nicht mit gleichen Schritten, sondern das Aufsteigen ist langsamer und das Abfallen schneller. Wenn die Kräfte im Alter begonnen haben abzunehmen, dann werden sie nicht nach dem Besitzer fragen, sondern erst unmerklich und später immer deutlicher verfallen. Das ganze Wesen der sterblichen Menschen (vom Geist abgesehen) vergeht in jeder Gestalt, aber diese Schritte der allgegenwärtigen Vergänglichkeit sind nicht immer gleich sichtbar, wie die Tiere leichtfüßig in der Finsternis schleichen, oder (wie geschrieben steht), daß sie die Spuren ihrer Fußtritte mit dem eigenen Schwanz verwischen.

Freude: Ich frohlocke ob der Stärke meines Leibes.

Vernunft: Wie würdest du erst über deine wahre Stärke jubeln! Bedenke doch, an welchen Kräften du hier hängst. Sie gehören dir nicht, sondern deiner Herberge, worunter dein Leib zu verstehen ist, der einem Kerker gleicht. So ist es eine ziemliche Torheit, wenn du stark bist, dich einer starken Herberge zu rühmen, die sogar dein gewaltiger Widersacher ist.

Freude: Ich freue mich aber über meine Stärke.

Vernunft: Was soll ich dazu noch sagen, als den Dichterspruch: Du wirst dich nicht lange daran erfreuen! Bald werden sich die Freuden in Klagen wandeln. Bedenke doch, wie stark der gewesen war, von dem wir im folgenden noch sprechen, und der doch im Alter über seine Kräfte klagte.

Petrarcameister - Von den Kräften des Leibes

Ganz rechts steht Herkules in verzweifelter Haltung, die Hände über dem Kopf verschlungen, der starke und unbesiegbare Held der griechischen Göttersage. Man erkennt ihn an seinem Löwenfell. Über dem Oberkörper trägt er das berüchtigte „Nessoshemd“, das mit dem Gift des von Herkules getöteten Zentauren Nessos getränkt war. Als er sich dieses Hemd selbst anzog, befielen ihn unerträgliche Schmerzen. Er versuchte, das Hemd abzulegen, doch es hatte sich fest mit seiner Haut verbunden, so daß er zugleich sein Fleisch mit abriß. Um seinen unerträglichen Qualen ein Ende zu bereiten, schichtete sich Herkules einen Scheiterhaufen und ließ sich darauf lebend verbrennen.

Ganz links sieht man Milon von Kroton, ein berühmter griechischer Athlet, der im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben soll. In Überschätzung seiner Kräfte wollte er einen Baumstamm, der mit Keilen auseinandergespreizt war, mit seinen Händen zerspalten. Nachdem er aber die Keile entfernt hatte, wurde er eingeklemmt und in seiner hilflosen Lage von wilden Tieren zerfleischt.

Ähnliches meint auch das Mittelbild, wo schwer gepanzerte Ritter von Unwetter und Felsbrocken niedergeworfen werden und eine Affenschar über sie herfällt.

Interessanterweise gibt es eine ähnliche Geschichte wie von Milton auch im Kapitel 1.1 der alten indischen Fabelsammlung „Panchatantra“. Es heißt, daß dieses Buch bereits damals, als diese Holzschnitte entstanden, in Europa kursierte. Im Panchatantra wird diese Geschichte bezüglich einer Affenherde erzählt, die auch hier im Bild zu sehen ist. Über die Symbolik der Affen im Mittelalter wird viel diskutiert und spekuliert. In den indischen Geschichten stehen sie oft für die umherspringenden Gedanken, die neugierig alles ergreifen, sich überall einmischen, gelehrig, aber auch eigensinnig sind, und sowohl zu höherer Erkenntnis als auch zum Laster von Eitelkeit, Neid und sonstigen Sünden führen können. So sieht man auch hier im Bild, wie die Ritter, die den Helm als Kopfschutz ihrer Rüstung verloren haben, in jedem Alter fallen, von den Naturgewalten überwältigt werden und die Affen auf ihnen herumtanzen. Aus dieser Sicht bezieht sich auch die Symbolik der Rüstung mehr auf die geistige Rüstung, die Petrarca dem Leser dieses Buches in Form der Vernunft geben möchte, um wahre Stärke zu erreichen. Dies könnte der rechte Ritter andeuten, der seinen Helm noch trägt, seinen Affen, der einen Strick um den Hals trägt, mit der Lanze zurückhält und die Geschichte von Herkules achtsam studiert. Darüber hinaus sieht man auch, daß sogar die Erde nicht verläßlich ist und von den Naturgewalten mit allem, was darin wurzelt, bedrängt wird.

1.6. Von der Behendigkeit des Leibes

Freude: Ich bin schnell und behende.

Vernunft: Die Frage ist, wohin führt dich der schnelle Lauf? Viele Menschen hat er schon ins Verderben geführt.

Freude: Ich besitze wunderbare Schnelligkeit.

Vernunft: Lauf so schnell du willst, der Himmel läuft doch immer schneller vor dir her. Dagegen führt dein Weg führt zu Alter und Tod. Das Alter wird dir die Behendigkeit ablaufen (bzw. nehmen) und der Tod die Beweglichkeit.

Freude: Ich lauf schneller.

Vernunft: Der Lauf führt immer zu einem Ende, wo es nicht weiter geht.

Freude: Mein Lauf hat kein Ende.

Vernunft: Sei er so weit, wie er will! Er kann das Gewünschte nicht erreichen, denn dieses ganze Erdenreich ist nur ein Tüpflein (ein kleiner Punkt im Universum).

Freude: Ich bin grenzenlos beweglich.

Vernunft: Damit sollte man die geistreiche Verständigkeit loben, der das verborgene Geheimnis von Meer, Himmel und Ewigkeit sowie der begrenzten Räume der Natur, in denen alle Dinge existieren, offenbart ist. Der Leib gleicht einem engbegrenzten und schnell vergänglichen Tüpflein. Wo könnte ihn seine Schnelligkeit hintragen, um Ruhe zu finden? Ist es nicht wahr? Solange er die Weite von Zeit und Raum nicht kennt, führt ihn jeder Weg, wohin er sich auch kehrt, zum Grab. Solange das Geheimnis hinter der Begrenztheit nicht bekannt ist, von dem die Sterndeuter und Weissager sprechen, läuft man immer dahin, obwohl man sich in Wahrheit gar nicht bewegt.

Freude: Mir ist dennoch eine wunderbare Beweglichkeit verliehen.

Vernunft: Wenn du auch schneller als alle Menschen laufen würdest, wäre doch manch Häslein vor dir.

Freude: Ich besitze eine besondere Beweglichkeit.

Vernunft: Diese hat viele Leute auf hohe und schroffe Berge geführt, aber auf ebenen Wegen verlassen. Wir haben in unserer Zeit schon etliche gesehen, die ohne Schaden im Krieg waren oder auf Segelschiffen gedient haben und gleichsam von Fels zu Felsen sprangen, aber danach auf offener Straße stolperten, sich den Fuß brachen und daran starben. Besondere Schnelligkeit des schweren Leibes ist zweifelhaft und gefährlich wider der Natur. Ein überschnell laufender Mensch läuft nicht lange. Schon gesunde Menschen brauchen ihre Ruhe und werden müde, denn die körperliche Stärke des Menschen ist vergänglich, je vergänglicher, desto schneller er läuft.

Freude: Ich bin überaus tätig.

Vernunft: Ein junger Esel ist überaus tätig und ein alter Panther wird träge, denn mit der Zeit fällt das Rennen immer schwerer. Die Jugend gibt die Sporen, das Alter die Zügel. Was du sein willst, kannst du nicht lange sein. Und was du meiden willst, wird dir begegnen. Allein die Tugend fürchtet das Alter nicht.

Petrarcameister - Von der Behendigkeit des Leibes

Der Künstler stellt zunächst schnelle Tiere dar, Hirsch, Hase und Esel im Reich der grünen Natur. Mit ihnen laufen zwei Männer. Rechts davon stehen zwei andere mit roten Gesichtern, die erschöpft nicht mehr folgen können, und vergeblich streckt der eine seine Hände nach den Davonlaufenden aus. Auffällig ist, daß den beiden linken Männern die Beine fehlen. Und hier geben selbst die Kunsthistoriker zu, daß dies keine Schwäche des Malers war, sondern eine Symbolik hat. Man meint, der Künstler stützte sich auf die damals verbreitete Fabelsammlung „Gesta Romanorum“ (Die Taten der Römer), welche von Wesen im fernen Äthiopien berichtet, die mit einem Bein schneller als alle Tiere laufen können. Aber auch das eine Bein ist im Bild nicht zu sehen. Zumindest versucht der Künstler hier, Mensch und Tier zu verbinden, wie auch im Text beschrieben wird, wenn der Mensch versucht, die Tiere an Schnelligkeit, Ausdauer und Kraft zu übertreffen. Die Symbolik solcher Mischwesen ist uralt, und man findet sie vermutlich in allen alten Kulturen. Petrarca meint jedoch, besser wäre es, die Tiere an Vernunft und geistiger Beweglichkeit zu übertreffen. Denn am Körper hängt immer das Wesen der Natur, daß hier als ein katzenähnliches Tier dargestellt wird, das am Kragen das Läufers zieht und ihn zur Mäßigung zwingt. Hier könnte man an den im Text erwähnten Panther denken, der im Alter zur Trägheit neigt.

Interessant ist auch die Gruppendynamik. Der zentrale Läufer scheint mit der Hand den vorhergehenden zu schieben, und die nachfolgenden streben ihm begierig hinterher. So wird das Gehetze in einer Gesellschaft schnell zu einem Massenwahn. Und was treibt die Menschen? Der Hirsch könnte für die sinnliche Leidenschaft stehen, der Esel für die Dummheit, der Hase für die Angst, und die wilden Haare für unsere wilden Gedanken.

Links oben ist vermutlich das Erheben zum Himmel in der Symbolik eines leichten Schmetterlings und einem kleinen Punkt, der drei Linien nach sich zieht, angedeutet. Darin lag damals das eigentliche Ziel von allem Streben und Jagen hier auf Erden. Meister Eckhart sprach in ähnlicher Weise:

Darum soll sich die Seele in ihrem natürlichen Lichte in das Höchste und in das Lauterste erheben und so eintreten in das Engelslicht und mit dem Engelslicht in das göttliche Licht gelangen und so stehen zwischen den drei Lichtern in der Wegscheide, in der Höhe, wo die Lichter zusammenstoßen. (Predigt 18)

1.7. Vom Verstand

Freude: Ich habe schnellen Verstand.

Vernunft: Ich hoffe bezüglich der Tugend. Ansonsten ist er schnell im Fallen.

Freude: Ich habe guten Verstand.

Vernunft: Neigt er sich den guten und heilsamen Künsten zu, dann ist er ein kostbarer Besitz des Geistes. Ansonsten ist er eine beschwerliche, gefährliche und mühevolle Last.

Freude: Ich habe sehr großen und scharfen Verstand.

Vernunft: Nicht die Schärfe des Verstandes, sondern die Einsicht und Beständigkeit verdienen wahres und ewiges Lob. Manche Schärfe wurde schon mit einem Schlag an einem kleinen Nägelein zerbrochen. Und auch die härteste Schärfe wird im Gebrauch stumpf. Also wetzt das Weiche alles Harte ab.

Freude: Ich habe einen spitzfindigen Verstand.

Vernunft: Nichts ist der Weisheit feindlicher, als zu große Spitzfindigkeit. Und nichts ist einem Liebhaber der Weisheit beschwerlicher, als ein starrsinniger und zänkischer Sophist (bzw. Philosoph). Deshalb haben bereits die Alten gedichtet: Das Pallas Athene (die griechische Göttin der Weisheit) den Spinnen feindlich ist, weil sie so große und feine Spinnennetze knüpfen, die zwar verfänglich und gefährlich aber darüber hinaus nutzlos sind. Deshalb soll die Schärfe des Verstandes wie die Spitze eines Schwertes sein, nicht nur zum Durchdringen geeignet, sondern auch zum Zügeln.

Freude: Ich habe einen nützlichen Verstand.

Vernunft: Der sei Marco Cathoni Censorio (Marcus Porcius Cato?) gewidmet, der in allen kriegerischen Waffen, höfischen und bäuerlichen Künsten und auch den Schriften zugleich geschickt war, was zum Teil die Griechen ihrem Epaminunde (Epaminondas?) und die Perser dem Ciro (Kyros?) zuschreiben. Dein schneller Verstand schaue genau darauf, wohin er sich wendet, damit er nicht hinterlistig werde, unbeweglich, leichtfertig und vergänglich. Es ist ein großer Unterschied, ob der Verstand von einem zum anderen springt, weil er nicht verweilen kann, oder nach Belieben leicht beweglich ist.

Freude: Mein Verstand ist vortrefflich.

Vernunft: Es ist die Frage, was du unter „vortrefflich“ verstehst. Die gewöhnliche Bedeutung ist: Wohin du deinen Verstand richtest, dort bewirkt er etwas. Demnach will ich lieber einen heilsamen als einen vortrefflichen Verstand haben. Denn ein heilsamer Verstand mag sich nicht zum Unheilsamen neigen, während ein vortrefflicher auch verkehrt sein kann. So sagt Crispus, daß Lucius Catilina zwar einen großen und schnellen Geist, aber einen bösartigen und kleinlichen Verstand hatte.

Freude: Aber mein Verstand ist groß.

Vernunft: Ich wünsche dir, daß er heilsam und mäßig sei! Unmäßige Größe allein ist verdächtig. Unmäßiger Verstand ist oft großer Bosheit Anfang. Denn nicht selten entsteht aus großem Verstand auch großer Irrtum.

Petrarcameister - Vom Verstand

Hier sieht man zunächst Pallas Athene, die griechische Göttin der Weisheit, die der unnützen Spinnerei Feind war, in einer prächtigen römischen Rüstung und mit Speer und Schwert bewaffnet. Sie scheint eine Blätterkrone zu tragen, über der ihr üppiges Haar zusammengebunden ist, das nach dem Bande dann bis zur Erde fällt. Die Knieschützer ihrer Rüstung erinnern an Tiergesichter. Links hinter ihr steht eine Art Baum mit fünf Eulen, die ein geläufiges Symbol für die Göttin sind und vermutlich auf ihre guten Augen anspielen, die auch im Dunklen sehen können. Im rechten Teil liegt ein großer Stein zu Füßen der Göttin, und das Bild wird von zwei Bäumen rechts und links begrenzt. Im Vordergrund spannt sich ein riesiges Spinnennetz über das ganze Bild mit einer seltsamen Spinne, die nur sechs Beine hat.

Aus geistiger Sicht erinnert uns der Baum mit den Eulen, die natürlich auch Raubtiere sind, an den Baum der Unwissenheit mit den fünf Sinnen. Der spitze Speer der Weisheit kann alles Oberflächliche durchdringen, und das Schwert der Weisheit könnte den Baum der Unwissenheit an der Wurzel abschlagen. Aber die Göttin steht gelassen und schaut dem Verstand beim Spinnen zu, wie die Yogis in der Meditation die Gedanken beobachten, ohne sie zu bekämpfen, aber auch ohne sich in ihr klebriges Gespinst zu verfangen. Die Weisheit ist wohlgerüstet, aber trägt keinen Helm, sondern eine Krone, die den Blättern vom Baum der Unwissenheit gleicht. Hier liegt noch die Gefahr der Weisheit, daß sie zwar die Gedanken zu einem Ganzen zusammenführen kann, das aber wieder auseinanderfallen könnte, ähnlich den Haaren der Göttin. Die Tiergesichter an den Knieschützern und die beiden Bäume rechts und links könnten andeuten, daß sich die Weisheit auf das Lebendige stützen sollte. Der große Stein und die kleineren erinnern vielleicht an die schweren Sorgen, die entstehen, wenn man sich in das Gespinst der Gedanken verfängt. Und die sechs Beine der Spinne deuten darauf hin, woraus das Gespinst entsteht, nämlich aus den fünf Sinnen mit dem Denken als sechstes. Das Netz selbst besteht aus 7 bzw. 14 Fäden, die sich sozusagen im Verstand treffen. Dies erinnert uns an die sieben Grundprinzipien der Natur, die eng miteinander verwoben sind. So sprach man zum Beispiel in den alten indischen Geschichten von fünf Elementen mit ihren Sinneseigenschaften, dem trennenden Ichbewußtsein mit den Gedanken und der universalen Intelligenz mit der Vernunft, die als siebentes Prinzip alles wieder vereint (z.B. im Vayu-Purana 1.4). Solche und noch mehr Gedanken könnte man über dieses Bild spinnen...

Interessant ist vielleicht noch die Wortwahl in der deutschen Übersetzung von 1532, die auffallend der Begriffs- und Vorstellungswelt von Meister Eckhart gleicht. Das lateinische Wort „ratio“ wird mit „Vernunft“ übersetzt und „ingenium“ mit „Verstand“. Vernunft war damals das zusammenführende und vereinheitlichende Prinzip der Weisheit oder auch Gottheit, während der Verstand durch gegensätzliche Gedanken die Welt zergliederte und zertrennte. Je schärfer der Verstand, desto mehr „Haarspalterei“.

Das lateinische Wort „anima“ wurde damals mit „Gemüt“ übersetzt, das heute einen etwas anderen Sinn bekommen hat. Deshalb verwenden wir in unserem Text anstatt „Gemüt“ die Begriffe „Geist“ oder „Seele“.

Hier einige Beispiele aus den deutschen Predigten von Meister Eckhart:

Die Seele hat etwas in sich, ein Fünklein der Erkenntnisfähigkeit das nimmer erlischt, und in dieses Fünklein als in das oberste Teil des Gemütes verlegt man das »Bild« der Seele. Nun gibt es aber in unseren Seelen auch ein auf äußere Dinge gerichtetes Erkennen, nämlich das sinnliche und verstandesmäßige Erkennen, das ein Erkennen in Vorstellungsbildern und in Begriffen ist und das uns jenes (Erkennen) verbirgt... (Predigt 35)

Alles aber, was das Erkennen zu begreifen und alles, was das Begehren zu begehren vermag, das ist nicht Gott. Wo der Verstand und das Begehren enden, da ist es finster, da (aber) leuchtet Gott... (Predigt 39)

Davon allein bin ich selig, daß Gott vernünftig ist und ich dies erkenne... (Predigt 10)

Vernunft ist stets nach innen wirkend. Je feiner und je geistiger etwas ist, um so kräftiger wirkt es nach innen; und je kräftiger und feiner die Vernunft ist, um so mehr wird das, was sie erkennt, mit ihr vereint und mit ihr eins... (Predigt 10)

1.8. Vom Gedächtnis

Freude: Mir ist ein großes Gedächtnis verliehen.

Vernunft: Damit aber auch ein großes Haus voller Verdruß und ein Saal verräucherter Bilder, an denen dir viel mißfällt.

Freude: Ich habe ein klares und großes Gedächtnis.

Vernunft: Viele Dinge bringen wenig Freude, aber viel Pein. Und allzu freudige Erinnerungen führen oft zu wehmütiger Trauer.

Freude: Ich kann mich an Vieles erinnern.

Vernunft: Sind deine Erinnerungen heilsam, dann ist es gut. Sind sie aber unheilsam, warum freust du dich darüber? Es ist schon traurig, schreckliche Dinge erlitten oder gesehen zu haben. Aber noch trauriger ist es, wenn sie dir täglich nachlaufen und ständig vor deinen Augen stehen.

Freude: Viele Dinge im Gedächtnis bringen mir viel Gewinn.

Vernunft: Aber auch viele Schulden, Laster, Schmach, Entbehrung, Schmerzen, Arbeit und Gefahren. Man sagt, solche Erinnerungen entstehen vor allem durch die Wollust. Wenn man doch durch diese schmerzlichen Erinnerungen verstehen würde, wie wunderlich die allgegenwärtige Wollust ist, die Gutes bringen soll. Doch in der Wollust nutzt keiner die Erinnerung an vergangene Mühe und Gefährlichkeit, soweit er Ruhe hat und sich sicher fühlt. Möge doch der Reiche der Armut gedenken, der Gesunde der Krankheit, der Freie der Knechtschaft, der Entflohene dem Gefängnis und der Heimgekehrte der Fremde. Doch wer mitten in Ehren und Würden steht, erinnert sich nur ungern angetaner Schmach und wie subtil und leidvoll üble Gerüchte sind.

Freude: Ich habe Vielgestaltiges aus mancherlei Zeit in meinem Gedächtnis.

Vernunft: Vielgestaltige Erinnerung bringt mannigfaltige Bekümmernis. Manche Dinge reizen, andere verärgern, verwunden, erschrecken, vertreiben oder deprimieren. Daraus folgt, daß das Gesicht des Sinnenden im Nachdenken abwechselnd von Röte und dann wieder von Bleiche ergriffen wird. Das wiederfährt oft sogar den Allerbösesten, denn die Wege sind vielfältig und die Wirkungen ungewiß. An solchen Zeichen erkennt man, daß alte Erinnerungen in der Seele arbeiten.

Freude: Ich habe nichts verdrängt, mein Gedächtnis ist immer gegenwärtig.

Vernunft: Lieber wollte ich, du hättest einen heilsamen Willen, gezügelte Begierde, ehrliche Weisheit, unschuldigen Wandel und ein ehrbares Leben, das keine Schande bringt.

Freude: Mein Gedächtnis ist sehr zuverlässig.

Vernunft: Wenn dem so ist, woher kommt deine Vergeßlichkeit der göttlichen Gebote, die doch nur wenige an der Zahl sind? Und warum vergißt du den alleinigen Gott und wer Du bist?

Freude: Mein Gedächtnis ist wirklich zuverlässig.

Vernunft: Ja, für irdische und unnütze Dinge. Aber wohin führt dieses umherschweifende und -springende Gedächtnis? Es will den Himmel und die Erde umfassen, und weiß von sich selbst nichts. Es vergißt, was wichtig und heilsam ist. Auch wenn so ein Gedächtnis vielleicht ab und zu ergötzlich ist, hat es doch meistens mehr Angst. Nicht zu Unrecht sprach einst Themistocles zu einem, der die Gedächtniskunst zu lehren versprach (die damals von Simonides erfunden wurde): „Er wölle viel lieber die Kunst des Vergessens lernen als der Erinnerung.“ Und obwohl er es damals sicherlich gut gemeint hatte (als einer, der mit den Gaben der Natur unglaublich beschenkt war und eines jeden Gedächtnis mit unzähligen greifbaren Dingen und Worten durch Bilder vergrößerte) sollte doch beinahe jeder eine solche Antwort geben, also auch ihr. Diese Art des Lernens habt ihr vergessen. Was man wirklich lernen sollte, das unterlaßt ihr. Ihr übt euer Gedächtnis in Dingen, wo Vergessenheit besser wäre. Damit genügt ihr nicht dem Beschluß der Natur, euren Wahnsinn (die Illusion der Sinne und Gedanken) bewußt aufzulösen.

Freude: Ich habe ein allmächtiges Gedächtnis.

Vernunft: Dieser Titel gehört eigentlich nur Gott allein. Du meinst vielleicht „sehr mächtig“, also eine vortreffliche Kraft des Gedächtnisses, die (besser als alle Sorgfältigkeit) die unheilsamen Dinge vermeiden und die heilsamen Dinge vereinen sollte. Also nicht nur emsig das Genüßliche, sondern das Heilsame einsammeln.

Freude: Ich habe das beste Gedächtnis.

Vernunft: Nichts ist besser als das Beste. Wünschst du, daß man deinen Worten glaubt, dann solltest du dich an das Heilsamste im Leben erinnern. So gedenke deiner Sünde und warum du leiden mußt, des Todes und warum du vergänglich bist, der göttlichen Gerechtigkeit und warum sie zu fürchten ist, und der Barmherzigkeit Gottes und warum du niemals verzweifeln mußt.

Petrarcameister - Vom Gedächtnis

Man sieht zunächst einen reich gekleideten und selbstbewußten Patrizier, der sein Wissen an den Fingern aufzählt. So ist er von einem magischen Kreis von Bildern umgeben, der unten eine Öffnung hat, wo er herausschreiten könnte. Außerhalb des Kreises steht eine ältere Frau mit traurigem Gesicht und tränenden Augen. Sie trägt ein dickes Buch auf dem Kopf und ein weiteres hält sie im linken Arm. Mit der rechten Hand rafft sie ihr langes Kleid. Beide Gestalten befinden sich in einem hügligen und eingezäunten Gelände, das auffallend steril erscheint. Nur im Hintergrund beginnt ein Wäldchen, und außerhalb des Zauns blüht das dörfliche Leben, und am Himmel fliegen Vögel. Daß die Finger des Patriziers mit dem Werkzeug im Bild zu verschmelzen scheinen, ist sicherlich kein Zufall, wie auch sein verworrenes Auge mit dem Schatten, der auch an Tränen erinnert. Rechts unten könnte ein Weg angedeutet sein, auf dem große und kleine Steine liegen.

Aufgrund der Erwähnung von Simonides im obigen Dialog erinnert der Kreis aus Bildern zunächst an die damals üblichen Gedächtnishilfen, wie sie angeblich im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert in vielen Lehrbüchern zur Gedächtniskunst (Mnemotechnik) zu finden waren. Die Dame an der linken Seite des gelehrten Patriziers könnte auch seine Ehefrau sein, die ihm dient und die Bücher trägt.

Aus geistiger Sicht kann man im reichen und wohlgenährten Patrizier das Denken mit dem Verstandeswissen sehen, das durch sein zergliederndes Wesen in viele verschiedene Schubladen eingenordet wird. Wir würden heute von „Fachgebieten“ der Wissenschaft sprechen. Die offenbar geplagte Frau außerhalb dieses Kreises könnte Mutter Natur symbolisieren, die natürlich die eigentliche Trägerin und Stütze von allem Wissen ist und dem Denken in jeder Weise dient. Diese Symbolik entspricht der üblichen Polarität von Männlich und Weiblich im Sinne von Geist und Natur. Und daß Mutter Natur von dieser Art des Wissens, das sich auf den zergliedernden Verstand stützt, sehr geplagt wird, wurde offensichtlich damals schon geahnt, und heute können wir es praktisch bestätigen. Auf allen Ebenen unserer Gesellschaft hat die Wissenschaft über die Vernunft gesiegt, und entsprechend klagt und leidet die Natur um uns herum. Das Verstandeswissen wächst wie der süße Brei und bringt, wie Petrarca meint, viele Sorgen, die an die Steine auf dem Weg erinnern. Als Lösung dieses Problems spricht er von einem „Vergessen“, womit nicht so sehr das Verschütten oder Verdrängen von Wissen gemeint ist, was wir heute gewöhnlich unter Vergeßlichkeit verstehen, sondern ein Verdauen, um das Wesentliche zu erkennen. Auch diese Ansicht findet man bei Meister Eckhart wieder, wo es zum Beispiel heißt:

Je mehr du alle deine Kräfte zur Einheit und in ein Vergessen aller Dinge und ihrer Bilder, die du je in dich hereingenommen hast, einzuziehen vermagst, und je mehr du dich von den Kreaturen und ihren Bildern entfernst, um so näher bist du Gott und um so empfänglicher. (Predigt 57)

Und diesen Ausweg aus dem magischen Kreis des gedanklichen Wissens deutet der Künstler auf geniale Weise an, indem der Geist aus diesem Kreis herausschreiten und damit sogleich das ganze Bild verlassen kann.

1.9. Vom Wohlreden und Rezitieren

Freude: Ich kann klar und deutlich reden.

Vernunft: Das ist (ich bekenne es) ein großes Werkzeug der Ehre, doch auch zweifelhaft wie ein zweischneidiges Schwert. Es kommt darauf an, wie du es zu gebrauchen verstehst.

Freude: Meine Rede ist schnell fließend.

Vernunft: Wahrlich, nicht umsonst vergleichen manche das Schönreden eines Narren oder Betrügers mit dem Schwert eines Wahnsinnigen, das schnell viel Schaden bringt.

Freude: Meine Rede ist klar.

Vernunft: „Klar“ kann Verschiedenes bedeuten. Wirklich klar ist nur das Licht von Sonne und Feuer (in dem alle Dinge erscheinen).

Freude: Meine Rede ist überaus strahlend.

Vernunft: Wie die Sternschnuppen am Nachthimmel, gefährlich blinkende Schwerter oder glänzende Helme der Feindes?! Ob der Glanz deiner schönen Reden wahrhaft ist, wird sich durch Heilsamkeit, Weisheit und Mäßigung zeigen.

Freude: Ich kann viel Erhebendes reden.

Vernunft: Soweit deine Rede der Mäßigung zugewandt ist, mag sie das gewöhnliche Maß der Menschen etwas erheben. Andernfalls wäre es besser zu schweigen.

Freude: Ich kann genügsam reden.

Vernunft: Genügsames Schönreden, aber wenig Weisheit, wie der schalkartige Catilina gewesen sein soll. Mehr Weisheit würdest du in der Lehre von Crispus finden, der keine Ehre des Schönredens gesucht hat. Wiewohl Catilina (so man das höher schätzt) nicht wohl beredt, sondern geschwätzig gewesen ist. Denn ein wahrer Redner (das ist ein Meister des Dialogs) kann nicht anders als ein frommer Mensch sein. Wenn du Frömmigkeit und Weisheit an Lobreden, großen Ämtern, vielen Worten (die bei Wortstreitern und Unverschämten im Übermaß fließen) oder erfahrener Redekunst ermessen willst, wirst du weit betrogen. Schnelle Zunge, viele Worte und umfangreiche Künste mögen dem Schalk und Frommen gleich gegeben sein, aber was du an Tugend und Weisheit suchen solltest, gehört nur den Frommen und nicht einmal allen, sondern nur wenigen.

Damit du auch gut verstehst, wovon ich spreche, will ich dir noch zwei Beispiele geben. Das eine ist Cathoni und das andere Cicero. Der erste sagte: „Ein Redner sei ein frommer Mann, der im Dialog erfahren ist.“ Und der andere: „Eine gute Rede ist nichts anderes, als eine völlig sprechende Weisheit.“ Daran erkennst du, daß für einen guten Redner Weisheit und Frömmigkeit erforderlich sind, und darüber hinaus noch viel Erfahrung. Wenn die ersten beiden fehlen und nur viel Erfahrung besteht, dann spricht man nicht von einem frommen Weisen, sondern von einem Geschwätzigen. Wenn diese aber alle zusammen kommen, kann ein Meister der Redekunst entstehen. Das geschieht allerdings seltener und ist vorzüglicher, als viele glauben, die sich ihre Redekunst durch viel Geschwätz erhoffen. Wenn du also den Titel eines Redners und wahres Lob deiner Rede suchst, dann befleißige dich der Tugend und Weisheit.

Freude: Meine Rede ist bereits vollkommen.

Vernunft: Dem Vollkommenen mangelt nichts. Wenn aber vieles noch fehlt, wovon ich gesprochen habe, so gehe zuerst schweigend in dich und betrachte alles, bevor du dir selbst ein Urteil sprichst.

Freude: Ich bin wahrlich höchst beredt.

Vernunft: Über dem Höchsten ist Nichts. Solange es noch etwas ist, kann es das Höchste nicht sein, sondern nur etwas Vergängliches und Wandelbares, dem du das Fundament und das Höchste entzogen hast.

Freude: Meine Rede ist süß und zierlich.

Vernunft: Süße und Zierde tragen oft Schmeichelndes und Betrügerisches in sich (jedoch nichts Männliches oder Sanftmütiges). Ein gerechter Richter sollte die Süße und Zierde der Rede eines Betrügers niemals würdigen. Der Hure Schmeichelei, des Giftes Honigsüße, des Wahnsinnigen Stärke oder des Geizigen Reichtums mögen vielleicht nützlich erscheinen, doch haben sie kein wahres Wesen. Und was kein wahres Wesen hat, sollte als nichtig geachtet werden.

Freude: Ich habe großes Vertrauen in gute Reden.

Vernunft: Großes Vertrauen hat schon oft großen Gefahren den Weg geöffnet. Um den Geist aber zu erheben, sollte man die Zügelung gebrauchen, sich selbst erkennen und das nötige dafür tun. Man sollte sich auch der Arroganz und Verachtung enthalten. Wenn beim Schönreden voller Freiheit die Gefahren ihrer Kräfte vergessen werden, dann ist es kein Vertrauen mehr, sondern Frevel und Begierde, die doch von einem Weisen am weitesten entfernt sein sollten. Auch wenn das Schönreden über das Tun und Lassen wertvoll erscheint, so kann es doch eine gefährliche Dumpfheit bewirken, welche die Menschen in ihren Häusern faul und träge macht. Doch wenn sich ihr Feuer entfesselt und ihre Illusion enttäuscht wird, dann verursacht sie oft der kriegerischen Männer unehrenhaftes Verhalten und macht die Allervorsichtigsten unvorsichtig. Und so, um wieder zu dir zurückzukehren, der sich für einen Redegewandten hält, entsteht ein kindisches (leichtgläubiges, abhängiges und trotziges) Wesen.

Freude: Meine Redegewandtheit ist großartig.

Vernunft: Hier ist den Geschichtsschreibern zu glauben, daß zu den unzähligen Lastern auch das Schönreden gehört. Diesen Spruch sollte man als Wahrheit betrachten und nicht daran zweifeln, auch wenn der König der Rede im Buch der „Retorika“ schreibt, daß Schönreden auch Weisheit sein kann. Das mag dem oben Gesagten gegensätzlich erscheinen, doch dort geht es um das Schönreden im Allgemeinen. Und je großartiger es ist, desto schädlicher und todbringender, soweit es der Weisheit entbehrt.

Freude: Meine Rede ist besonders und edel.

Vernunft: Diese hat schon viele besondere und edle Männer von den Griechen und auch von uns ins Verderben gestürzt. Daß dem so ist, bestätigen Demosthenes, Cicero und Antonius.

Freude: Meine Rede ist ansprechender.

Vernunft: Soweit du dich der Unschuld ohne Ruhm bedienst, so kannst du dir auf keinem besseren Weg die Liebe der Menge gewinnen und den Verdienst suchen, der nicht anders als durch das reine Werk der Tugend gesucht werden sollte. Wo aber Stolz und Bosheit herrschen, würdest du schnell gefährdet sein und dir vieler Menschen Neid oder Haß zusammenreden.

Ein Weiser sagte: „Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge. Und nicht nur für einen einzelnen, sondern für viele.“ So hat das Werk der Zunge schon ganze Städte, Kommunen und Regierungen gestürzt und wird dies auch in Zukunft tun. Die Zunge eines bösen Menschen ist das allerböseste und schädlichste Organ. Wahrlich, nichts kann sanfter (freundlicher), und nichts kann derber (gehässiger) als eine Zunge sein.

Freude: Meine Rede ist wohltönend.

Vernunft: Ja, wie ein Donnerschlag.

Freude: Meine Rede ist fruchtbarer.

Vernunft: Fruchtbares bringt auch der Donnerblitz mit dem Regenguß. Wohlan, wende es hin und her, wie du willst. Als Redner gehst du zur Ehre einen harten, aber zu Neid und Haß einen leichten Weg.

Petrarcameister - Vom Wohlreden und Rezitieren

Links oben sieht man einen Richter mit dem Richterstab in der Hand auf einem Richterstuhl zwischen vier Beisitzern. Davor steht ein feister und reich bekleideter Mann und verteidigt seine Sache mit überlegener Miene und lebhafter Gestikulation. In der rechten Hälfte sind drei Greueltaten dargestellt. In der Tür wird ein Handwerker ermordet, im Vordergrund einem Enthaupteten noch die Zunge herausgeschnitten, und dazwischen wird ein Gefesselter in einem Stuhl von zwei Männern gehalten und mit einem Gifttrank umgebracht. Die These von der Wohlberedtheit und die Antithese von ihren traurigen Folgen, wie sie Petrarca in seinem Text anführt, kommen in der Darstellung nicht zur Geltung. Soweit die Kommentare des Kunsthistorikers Walther Scheidig, der daraufhin vermutete, daß dieses Bild ursprünglich aus einem ganz anderen Werk zu den „Offizien“ von Cicero von 1531 stammt...

Die dargestellten Greueltaten könnten allerdings auch die Folgen von Haß und Neid darstellen, die nach dem Text von Petrarca nicht selten durch die Rede geschürt werden. Und der Handwerker, der in der Tür durch einen Landsknecht ermordet wird, könnte einer der Beisitzer bzw. Zeugen sein, der damit gehindert wird, an der Verhandlung teilzunehmen.

Aus geistiger Sicht kann man noch weiter gehen und den Richter mit dem Stab (ähnlich dem König mit dem Schwert) als Symbol für die Vernunft ansehen, der über den Verstand entscheiden sollte, der lange Reden in Form von Gedanken hält und dabei lebhaft mit den Sinnen verhandelt. Vier Sinne sitzen auf der Bank vor dem Richter, ein fünfter wird gewaltsam verdrängt. Im Vordergrund wird vielleicht die Vernunft, die noch den Finger gestreckt hält, um den Weg zu weisen, gerade enthauptet und zum Schweigen gebracht. Und dahinter könnte der Verstand auf seinem Thron vom Spiel der weltlichen Gegensätze gebunden und vergiftet werden. Auffällig sind die übermäßig dicken Hälse der mittleren drei Figuren, die an eine gewisse Übersättigung oder den sprichwörtlich „dicken Hals“ des Zorns erinnern.

Die gesamte Bildkomposition entspricht der gewöhnlichen Verfassung eines Menschen: Die Vernunft, die mit einer Geste zur Mäßigung auffordert, ist als Richter weit im Hintergrund in eine dunkle Ecke verbannt. Im Zentrum dominiert der gedankliche Verstand, der die Sinne beherrscht und gern nur das wahrnimmt, was er will. Alles andere wird gewaltsam verdrängt. Zu seinen Füßen wünscht er sich die entmachtete und schmerzvoll leidende Vernunft, die den rechten Weg weisen könnte. Doch praktisch ist auch der Verstand nicht frei. Er wird von den Gegensätzen der Natur gebunden, genährt, übersättigt und oft sogar vergiftet. In den beiden mordlustigen Gehilfen des Verstandes, die auch gleichzeitig seine Peiniger sind, könnte man den Haß gegen das Unangenehme und die Begierde nach dem Angenehmen sehen. Und ähnlich wie im vorhergehenden Bild deutet auch hier der Fuß des Verstandes an, daß es einen Weg aus dieser Verfassung gibt, nämlich nach vorn, aus dem ganzen Bild heraus, wohin auch der Finger der enthaupteten Vernunft zeigt und das Blut als Symbol des Lebens fließt.

Ähnlich heißt es auch bei Meister Eckhart:

Deshalb sprach ein Meister zur Seele: Entziehe dich der Unruhe äußerer Werke! Fliehe weiterhin und verbirg dich vor dem Gestürm innerer Gedanken, denn sie schaffen Unfrieden! ...

Lieber Sohn Timotheus, du sollst mit unbekümmerten Sinnen dich hinausschwingen über dich selbst und über alle deine Kräfte, über das Erkenntnisvermögen (den Verstand) und über die Vernunft, über Werk und über Weise und Sein in die verborgene stille Finsternis, auf daß du kommest in ein Erkennen des unerkannten übergotten Gottes. Man muß sich allen Dingen entziehen. Gott widerstrebt es, in Bildern zu wirken. (Predigt 57)


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