Heilung von beiderlei Glück - Francesco Petrarca

1.20. Von Kleidung und Schmuck des Leibes

Freude: Ich trage gern schöne Kleider.

Vernunft: Das Reine kann man offen zeigen, aber das Unreine ist man gewöhnt, mit schönen Farben zu überdecken.

Freude: Ich kleide mich aufs Köstlichste.

Vernunft: Du würdest dich der äußerlichen Zierde schämen, wenn du stets bedenkst, was du damit verdecken willst. Es ist eine unsinnige Überheblichkeit, einen Misthaufen mit einem Purpurkleid zu bedecken.

Freude: Ich trage saubere Kleider.

Vernunft: Hast du nicht gehört, daß der starke Mann in der Lehre von Crispus sagte: Das saubere Kleid ziert die Frauen, dem Manne gezieme die Arbeit.

Freude: Ich trage aber schöne und feine Kleider.

Vernunft: Ja, wie ein Banner des Hochmutes und einen Sack des Luxus.

Freude: Mein Kleid ist von besonderer und außergewöhnlicher Art.

Vernunft: Ich will dir nicht die Heiligen vor die Augen stellen, die halbnackt lebten und sich mit rauhen und starren Mänteln vor der Winterkälte schützten. Denn ich weiß, daß der sündhafte Reichtum die heilige Armut verachtet. Vom gleichen Cäsar Augustus, den ich im vorletzten Gespräch bereits erwähnte, wird als Kaiser und reichster Mann berichtet, daß er gewöhnlich nicht mehr als ein normales Hauskleid getragen hat, daß ihm seine Frau, Schwester, Tochter und Nichten genäht hatten. So überließ dieser Kaiser, der alle Völker befahl, seine Kleidung den wenigen Frauen, die ihm am nächsten standen. Dagegen erscheinst du mir wie ein Sklave von Fremden, der von entlegensten Völkern abhängig ist, von den Belgiern, Persern, Syriern und Indern, die den Stoff spinnen, kardieren und weben, und vom Purpur der Schnecken vom Meeresboden, dem Duft der Beeren dorniger Sträucher, von der weißen Schafswolle aus der Bretagne oder vom Zinnoberrot der Inder. Du brauchst ganze Länder und Ozeane, währen Augustus nur Ehefrau, Schwester, Tochter und Nichten benötigte. Soweit ist die Tugend gesunken und der Stolz gewachsen. Und so erfreut ihr euch am Untergang, und die Beispiele der Mäßigung sind verächtlich geworden. Viele lehnen die Vorbilder der vorzüglichsten Fürsten ab, um sich nur an die schlechtesten zu halten. Ich meine Gaius und ähnliche, die weder nützlich, bürgerlich, männlich, römisch und in Wahrheit nicht einmal menschlich waren, sondern Narren, die sich im Wahn durch wunderliche Kleider in Frauen, Götter oder Tyrannen verwandelten.

Freude: Ich kleide mich nun einmal schön.

Vernunft: Auserlesene Kleidung bringt Argwohn, große Sorgen und zerstört wahre Schönheit. Künstliche Schönheit verrät die natürliche Häßlichkeit. Sie zieht die Blicke der Vorrübergehenden auf sich, und für einen vermeintlich Häßlichen gibt es keine schädlichere Selbstlüge als die künstliche Schönheit, womit er geachtet werden will. Wahrlich, durch übermäßig kostbare Kleidung und Zierde die eigene Schönheit zu suchen, ist etwas äußerst Lächerliches.

Freude: Ich werde von erlesensten Farben geziert.

Vernunft: Die Natur wird nicht durch menschliche Kunst überwunden. Es geschieht sogar oft, daß sie sich gegen diese Anmaßung wehrt. Und je mehr wir versuchen, sie zu beherrschen und zu überdecken, desto mehr wehrt sie sich und zeigt sich selbst. Weder Farben noch Düfte können die Vergänglichkeit des sterblichen Körpers vermeiden, im Gegenteil, damit wird das Problem nur noch viel größer.

Freude: Ich liebe auch alle Arten von Schmuck.

Vernunft: Lege eine bleiche Leiche auf eine goldene Bare, kleide sie in Purpursamt und schmücke sie mit Juwelen: Je mehr Verzierungen, um so größer wird das Grauen. Damit will ich dich nicht beleidigen, aber betrachte den Ursprung des Wortes „Leiche“ (lat. „Cadaver“), das von „fallen“ (lat. „cadere“) abgeleitet wird. Warum wird dieser Begriff nicht auch für lebende Menschen benutzt? Der einzige Unterschied besteht nur darin, daß der eine gefallen ist und der andere stetig fällt.

Freude: Meine Kleider sind neu und einzigartig.

Vernunft: Ich will hier dieses lächerliche äußere Gewand weder beweinen noch verfluchen, das euch dieses verrückte Zeitalter von den letzten Enden der Erde hergebracht hat. Götter und Menschen müßten solche Menschen eigentlich verfluchen, die sich wie Tiere verhalten, lateinisch sprechen, aber wie Barbaren aussehen, und mit zierlich lockigem Haar wie Frauen erscheinen, aber die Sitten von Wildschweinen pflegen. Schau nur, wie sie einerseits ihren Körper schändlich entblößen und anderseits ihre Köpfe mit Federn schmücken, als hätten sie das Gehirn von Vögeln. Man fragt sich, ob ihre Lehrmeister oder die Schüler mehr Abscheu verdienen, wenn inzwischen fast jeder Unterschied zwischen Trödlern und Fürsten oder Prostituierten und Ehefrauen verschwindet. Aber wir hören nicht auf damit: Der Unsinn kriecht immer mehr in die Köpfe der Menschen und erfindet jeden Tag neue Absurditäten.

Petrarcameister - Von Kleidung und Schmuck des Leibes

Auf der linken Seites dieses Bildes kann man einen Weisen mit langem Bart und Turban sehen, der mit einer Gruppe von Orientalen spricht, die in ihrer traditionellen Landestracht gekleidet sind. Aber offenbar scheint er mehr die Gruppe der reichen Bürger rechts im Bild anzusprechen, die ausgefallenste Kleider, Hüte und Frisuren tragen. Vermutlich hat der Künstler auch nicht umsonst das Doppelkinn der Frauen und das faltige Gesicht des Mannes hervorgehoben. Im Hintergrund steht eine dritte Gruppe um eine Art Altar herum. Ihre zentrale Figur gestikuliert ähnlich wie der altehrwürdige Weise, nur anders herum, und scheint Frauenkleider zusammen mit einem Schwert zu tragen. Die rechte Seite des Bildes wird von einer Hausfront begrenzt, die an das künstliche Stadtleben erinnert, im Gegensatz zur Begrenzung auf der linken Seite durch eine dunkle Natur und die helle Natur einer dörflicher Idylle im Hintergrund, die von einem Kirchturm überragt wird.

Man sagt wohl nicht umsonst: Wer innerlich keine Erfüllung mehr findet, dem muß das Äußerliche dazu dienen. Diesbezüglich wird heutzutage oft die Frage diskutiert: Warum wurden im Mittelalter nicht so viele technische Dinge erfunden als später während der wissenschaftlich-technischen Revolution? Waren die Menschen damals dümmer? Hat sich irgendetwas an unserem Gehirn weiterentwickelt? Oder ist unser großer Fortschritt in äußerlichen Dingen, der sich für die Natur im Ganzen als so schädlich entpuppt, gar nicht so fortschrittlich, wie wir glauben? Vielleicht ging es damals den Menschen viel mehr um ihre innerliche Entwicklung als um die äußerliche, also genau das, was wir heute als Aberglauben verachten und verrufen. Und falls es sich in der Mitte des Bildes um einen Altar handelt, steht natürlich die Frage: Was wird hier geopfert? Vielleicht die höhere Vernunft, die doch der große Reichtum der Menschen sein sollte. Darüber beschwerte sich auch Goethe, und schrieb in der Faust-Tragödie:

Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Entsprechend kann man das zentrale Motiv und die Hauptbotschaft des Bildes in dem großen Krummsäbel im Vordergrund sehen, der uns an Selbstbeherrschung, Zügelung und Mäßigung erinnert sowie an das Schwert der Erkenntnis und die Forderung Petrarcas nach mehr Vernunft. Oder wie Meister Eckhart sagt:

Du brauchst dich nicht über Speise und Kleider in der Weise zu beunruhigen, daß sie dich gut dünken. Gewöhne vielmehr deinen (innersten) Grund und dein Gemüt daran, weit darüber erhaben zu sein. Nichts soll dein Gemüt berühren zu Lust oder Liebe als Gott allein; über alle anderen Dinge soll es erhaben sein. Warum? Nun, weil es eine schwache Innerlichkeit wäre, die durch das äußere Kleid ins Rechte gesetzt werden müßte. Das innere soll vielmehr das äußere recht bestimmen, soweit das allein bei dir steht. Fällt es (d.h. das äußere Kleid) dir aber anders zu, so kannst du‘s aus deinem innersten Grunde in der Weise als gut hinnehmen, daß du dich so darin erfindest, daß, wenn es wiederum anders ausfiele, du es ebenfalls gern und willig hinnehmen wolltest. So auch ist es mit der Speise und mit den Freunden und Verwandten und mit allem, was Gott dir geben oder nehmen möge.

1.21. Von Ruhe und Müßigkeit

Freude: Ich habe Muße und Ruhe nach getaner Arbeit gefunden.

Vernunft: Das sind zwei höchst willkommene Güter im menschlichen Leben. Es sei denn, unmäßiger Gebrauch macht daraus, wie schon bei vielen, schwerste Übel und Krankheiten für Leib und Seele, die dem Körper Hochmut und dem Geist Verrostung (bzw. Verfall) bringen.

Freude: Ich genieße Muße der angenehmsten Art.

Vernunft: Sag lieber „ich gebrauche“. So sagt es die heilsame Lehre, daß man hier (im Leben auf Erden) nichts genießen, sondern wohl gebrauchen soll.

Freude: Vergnügliche Muße habe ich.

Vernunft: Es kommt viel darauf an, wie ebendiese Muße beschaffen ist. Unterscheidet man doch zwischen zwei Arten der Muße: Eine des Fleißigen, der auch in der Ruhe arbeitet und sich um tugendliche Übung bemüht und nichts lieber hat. Die andere des haltlos Trägen, der nur nach Ruhe trachtet und nichts vollbringen will, was höchst erbärmlich ist und dem Grabe gleicht. Von der ersten Art entspringen oft viele großartige Werke, die der Welt nutzen und ihrem Urheber lobenswürdig sind. Von der zweiten aber kommt nichts anderes, als unrühmliche und stumpfsinnige Faulheit. Das erste ist den Weisen zuträglich, das zweite den Faulen, die dem Schlaf und Bauch ergeben sind und nur ungestört nach Belieben essen und schlafen wollen.

Freude: Ich koste die ersehnte Ruhe aus.

Vernunft: Die genußvolle Ruhe, die kein Ende hat, kann man hier (auf Erden) nicht finden. Erkenne also, auf welche Ruhe du dich freust.

Freude: Ich habe die ersehnte Ruhe gefunden.

Vernunft: Meinst du mit der Ruhe ein Niederlegen und Schlafen? Das nennen manche Dichter sehr passend die „Verwandten des Todes“ und andere das „Ebenbild des Todes“.

Freude: Ich schlafe und ruhe mich aus.

Vernunft: Es geschieht oft, daß man zwar wandert, der Geist aber ruht, doch viel öfter geschieht es, daß man sitzt oder liegt, der Geist aber wandert. Der Schlaf selber heißt zwar die „Ruhe“, hat aber seine verborgenen Schmerzen und die stürmischen, entsetzlichen Wirrnisse der Gesichte und Fantasien, worüber sich sogar heilige Menschen betrüben und im Gebete bei Gott beklagen.

Freude: In Muße pflege ich der Ruhe in meinem Schlafgemach.

Vernunft: Wer - frage ich - hätte wohl deiner Meinung nach die süßere Ruhe: Vacia beim Schlaf in seinem Landhaus oder (die großen Helden wie) Scipio in Afrika mit den Feinden, Cato mit den Schlangen oder Regulus mit beiden? Weder kann Ruhe ohne Freude (am Leben) noch wahre Freude ohne Tugend sein.

Freude: Ich habe den Arbeiten abgesagt und erquicke mich am willkommenen Schlummer.

Vernunft: Die Arbeit ist die Quelle für Tugend und Ruhm: Ihr abzusagen heißt, Tugend und Ruhm absagen. Dagegen ist die Quelle für Laster und Schande der übermäßige Schlaf, der viele überstürzt hindrängt zum ewigen Schlaf. Er nährt die Begehrlichkeit, verfettet den Leib, schwächt den Willen, vernebelt den Verstand, vermindert die Weisheit, tilgt die Erinnerung und gebiert die Vergeßlichkeit. Nicht ohne Grund lobt man den, der mäßig schläft und Vernunft übt. Für Schlaf gelobt, das hört man nicht, aber vom Schlaf aufgedunsen, das sieht man oft. Deshalb bezeichnen viele den Schlaf als Tod und das Wachen als Leben. Zwischen Tod und Leben triff deine Wahl! Und wär's auch nur, damit das Wachsein, wie es die Weisen halten, das Leben verlängere.

Freude: Ich erfreue mich eines langen und ununterbrochenen Schlafes.

Vernunft: Es ist gut, wenn keine Sorgen aus Habgier, Ehrgeiz, Furcht, Gram oder verbotener Liebe an ihm nagen - schlecht aber, wenn man sich durch keine Sorge um tugendliche Übung im Schlaf stören läßt. In der Tat: Wenn das Volk schnarcht, wachen die Fürsten, und schlummert das Heer, so wachen seine Führer - die Wirklichkeit lehrt es, und Homers Ilias bestätigt es. Je edler die Seelen, desto wachsamer ihre Sorgen über das Kommende, freilich nüchterne und heilsame Sorgen. Kaiser Augustus, der größte und beste unter den Fürsten, soll ein Mann des kurzen, obendrein recht häufig unterbrochenen Schlafes gewesen sein. Du rühmst dich des Gegenteils.

Freude: Ich schlafe tief.

Vernunft: Das tun auch die Schlemmer, Wüstlinge und Wüteriche. Insoweit lebst du wie die dummen Tiere. Schläfrige und Schlafende gleichen mehr den Toten. Denn in dieser Zeit gibt es bezüglich des Gewinns an Weisheit keinen Unterschied zwischen den Lebenden und Toten. Deshalb sollte man auf rechte Weise diesen Teil, der sich als Schlaf vom menschlichen Leben unterscheidet, mit Macht vermeiden. Wer ihn zügelt, kann viele Probleme verhindern. Wenn schon für vergänglichen Ruhm oder geringen Gewinn Krieger, Kaufleute oder Seeleute ganze Nächte unter freiem Himmel durchwachen - die einen unter den Nachstellungen der Feinde, die anderen inmitten von Wellen und Felsen, die schlimmer sind als irgendein Feind - solltest dann du nicht imstande sein, für wahren Ruhm und großen Gewinn, zum Preise Gottes und in Gesellschaft deiner lieben Bücher einen Teil deiner Nächte zu durchwachen?

Freude: Müde vom Wachen habe ich mich ganz dem Schlaf ergeben.

Vernunft: Oh ja, ihr spielt immer dieselbe Geige und singt das gleiche Lied. Was euch Gott oder die Natur oder irgendeine Kunst zu Diensten gegeben hat, verdreht ihr zu eurer Schande und Schaden, wie Speise und Trank zu Trunkenheit und Prasserei, Ruhe und Rast zu schläfriger Faulheit, eure Gesundheit zur Wollust, leibliche Schönheit zur Begierde, eure Stärke zu Unrecht, Verstand zu Betrug, kundiges Wissen zu Hochmut, Beredsamkeit zu Streiterei, Haus, Hof und Kleidung zu Pomp und unnützem Ruhm, Wohlstand zu Habgier und Luxus, Weib und Kind zu Angst und ewigen Sorgen. Ja, stellt euch nur hin und seid bestürzt und klagt über euer Glück und bejammert eure Not! - Ihr selbst macht aus dem Guten das Böse und schmiedet euch sogar aus Gaben des Himmels Ketten und Stricke zu Banden der Seele.

Freude: Am sanften Schlaf erquicke ich mich.

Vernunft: Aber nicht nur Könige, Heerführer, Fürsten, Philosophen und Dichter, obendrein auch Familienväter wachen und stehen nachts auf - was nach den Worten von Aristoteles für die Gesundheit, Hauswirtschaft und Weisheit von Nutzen ist -, sondern auch nächtliche Diebe und Gauner tun es, und sogar (was noch wunderlicher ist) die Buhler, die von Begierde und Erinnerung an ihre Weiberlein aufgeweckt werden. Und du willst nicht einmal für die Liebe zur Tugend deinen Schlaf opfern, diesen Freund der Laster?! Sagt doch Horaz so kunstvoll: „Banditen erheben sich nachts, um andere zu ermorden. Dir aber ist das Wachen zuviel, um dich selbst zu erretten?“ Was für eine Schande, daß bei euch die schändlichsten Motive soviel, die edelsten so gar nichts vermögen!

Freude: Ohne daß mich jemand stört, habe ich ganze Nächte lang meine Ruhe.

Vernunft: Aristoteles allerdings - ich deutete es schon an - scheint das menschliche Leben so einzuteilen, daß er die eine Hälfte dem Schlaf, die andere dem Wachen zuweist, wobei - so sagt er - in der einen Hälfte das Leben eines Studierenden sich nicht vom Dummkopf unterscheidet. Da versteht er natürlich unter der Schlafzeit die Nacht, unter der Wachzeit den Tag. Schon recht, ich gebe zu, die Einteilung stimmt: Man teilt die Zeit zu gleichen Teilen auf. Man sollte aber bedenken, daß zwischen den beiden Zeiträumen ein großer Unterschied besteht: Zu keiner Zeit nämlich ist das Denken schöpferischer und tiefer als in der Nacht, was den Studierenden besonders dienlich ist. Wenn er also sagt, der Schlaf sei „die Hälfte der Zeit", so klingt das sonderbar aus dem Munde eines so von Studium und Gelehrsamkeit erfüllten Menschen. Denn ferne sei es von einer Seele, um die es wohl bestellt und die den Studien hingegeben ist, die Hälfte ihrer Zeit zu verschlafen, wo doch manchen ein Viertel genügt und sogar den Weltkindern ein Drittel. Nachts aufzustehen, gleichviel zu welcher Jahreszeit, ist ratsam. Nicht nur die Winternacht, sondern auch die Sommernacht ganz zu durchschlafen, das sei ferne von denen, die im Leben etwas Großes erreichen wollen. Für die Sommernacht mag übrigens eine einzige Unterbrechung vielleicht genügen, und was die Freunde des Wachens damit vorwegnehmen, wird sich (wenn die Sache es fordert) durch eine kurze Mittagsruhe wiederherstellen lassen. Dagegen sollten die Stunden der Winternacht öfters unterbrochen werden, man soll musizieren, studieren, lesen, schreiben, nachdenken, kontemplieren und immerfort mit dem Geist etwas Neues erwerben und das durch emsigen Fleiß Erworbene im Gedächtnis einprägen. Auch auf Hieronymus ist zu hören, der an Eustochius schreibt, man solle zwei- oder dreimal in der Nacht aufstehen und im Gedächtnis haftende Stellen der Heiligen Schriften neu überdenken. Und werden durch diese Studien die Augen müde, sollen sie sich durch abwechselnden Schlaf erholen; haben sie sich durch kurze Ruhe erholt, sollen sie in abwechselnder Übung wieder angestrengt werden. Statt daß ihr, im Tiefschlaf ganzer Nächte in eure Kissen vergraben, ausseht wie Leichen im Sarg, schafft euch mit fleißiger und ehrbarer Bewegung die Lebendigkeit und der Tugend Ergebenheit!

Petrarcameister - Von Ruhe und Müßigkeit

Links sieht man einen Reichen, der sich zur Ruhe legen will. Aber im Inneren tobt der Kampf, wie er auf der rechten Seite zu sehen ist. Deshalb sollte man das tätige Leben mit all den Erfahrungen nutzen, um diese Kämpfe zu gewinnen, in denen es um das gepanzerte Heer unserer Leidenschaften, die schlangenähnlichen Verführungen, die sinnlichen Illusionen, die von außen hereindrängen, und vor allem um das wilde Tier des Egos geht, daß einem feuerspeienden Drachen gleicht. Diese Probleme lassen sich nicht im Traum oder bewußtlosem Schlaf lösen.

Die Symbolik der Rüstung im Kampf stammt vermutlich auch aus der Bibel, z.B.:
Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes... (Epheser 6.11)

1.22. Von lieblichem und süßem Duft

Freude: Ich mag süße Düfte.

Vernunft: Für sie gilt das Gleiche, wie für Nahrung und Kleidung, worüber ich bereits gesprochen habe.

Freude: Ich mag aber Düfte.

Vernunft: Manche Düfte verführen zur Völlerei und andere zur Wollust, die das Laster der Unkeuschheit fördert. Andere Düfte sprechen für sich, und ein Verlangen danach mehrt die Eitelkeit. Daraus folgt, daß der süße Duft von Frauen oder der verlockende Geruch von Speisen verderblicher ist, als der von Blumen und Früchten. Gleiches gilt für die Genüsse, die mit den Ohren und Augen ergriffen werden. Hast du deinen Geist jemals heidnischen (griechischen bzw. römischen) Schriften zugewendet, so weißt du, daß ich dich hier nicht künstlich belehren will, sondern an grundlegende Wahrheiten erinnern, damit du erkennst, wie unwürdig und vergeblich dieser Art des Genusses ist.

Freude: Ich dufte aber gern gut.

Vernunft: Ach, wollte doch Gott, daß du mehr an wahrer Tugend interessiert wärst! Wenn ein Duft auch gut genannt wird, so ist doch die Wirkung oft so unheilsam wie überscharfe Gewürze oder brennender Schwefel. Denn bei guten Düften entscheidet weniger die Nase, sondern dein Gemüt.

Freude: Ich erfreue mich nun einmal an guten Düften.

Vernunft: Folgst du der Sinnlichkeit, siehst du der Begierde in den Rachen. Und das ist, wie gesagt, entweder unwürdig oder vergeblich. Wenn es um deine Gesundheit geht, mag es entschuldbar sein, zumindest soweit es maßvoll bleibt. Denn es ist wahr, daß ein anregender Geruch einen schwachen Geist stärkt. Auf jeden Fall sollte man den berühmten Spruch nicht vergessen: „Kein Übermaß!“ (Lateinisch „Ne quid nimis“ und griechisch „Μηδὲν ἄγαν“ am Apollon-Tempel in Delphi.)

In diesem Bereich der Natur (bezüglich der Düfte), gibt es wie in allen anderen unendlich viele Neigungen, nicht nur von Person zu Person, sondern auch von einem Volk zum anderen. Viele sagen sogar, und große Lehrer bestätigen es, daß es Menschen an den Quellen des Ganges gibt, die sich aller Speise enthalten und nur vom Duft eines wilden Apfels leben (nach Plinius die Astomis, vermutlich indische Asketen). Und wenn sie auf eine Reise gehen, tragen sie nur diesen wohlriechenden Apfel bei sich, der sie am Leben hält. Jeder üble Geruch wird von ihm, solang er rein bleibt, gereinigt, und erst, wenn diese Reinheit vergeht, dann sterben sie. Was für ein Feingefühl, um so zu leben und zu sterben!

Vor allem die südländischen Völker, die ein mildes Klima genießen, haben mehr Bedürfnis nach angenehmen Düften als nach Nahrung. Und von dort kommt wohl auch dein seltsames Verlangen nach guten Düften. Nachdem ihr die Assyrer, Araber oder Sabäer mit Waffengewalt besiegt habt, besiegen sie euch jetzt mit ihren Düften. Deine Vorfahren waren lange standfest und ließen sich von dieser Verführung nicht überwältigen. So wurde sogar im Jahre 565 nach der Gründung Roms die Einfuhr von ausländischen Parfümen in die Stadt unter schwerer Strafe verboten (von Licinus Crassus und Julius Cäsar). Aber schon kurz danach, als die Laster der Jungen wie üblich die Gesetze der Alten aufhoben, drang diese Begierde sogar siegreich in den Senat ein, der dieses Edikt einst verkündet hatte.

Freude: Ich dufte aber gern.

Vernunft: Wer fremder Düfte bedarf, betrügt und will seine eigenen Fehler verstecken. Dies ist weder einem Mann noch einer ehrlichen Frau würdig, auch wenn ihr weibliches Naturell dazu neigt, die Sinne von starken und beherrschten Männern zu betören. Erinnere dich an den jungen Mann, der von Kopf bis Fuß süß duftend vor dem Kaiser Vespasiano erschien, um ihm für ein verliehenes Amt zu danken. Der Kaiser aber stand mit gerümpfter Nase auf und sprach ärgerlich: „Ich hätte es vorgezogen, wenn du nach Knoblauch gestunken hättest!“ Nachdem er ihn auf diese Weise getadelt hatte, zog er das verliehene Amt zurück und entließ den duftenden Jüngling ohne Ehre. Deshalb sind solche Düfte vor allem unehrenhaft und manchmal sogar schädlich, vor allem wo ein tapferer und mannhafter Bewahrer der Sitten herrscht.

Oft haben sie sogar ernste Gefahren heraufbeschworen. Du erinnerst dich sicherlich an Plautius, der dem Senat angehörte. Als er aus dem Triumvirat verbannt wurde, versteckte er sich aus Furcht um sein Leben in Salerno in einer Höhle. Doch sein Parfüm verriet ihn und brachte ihm den Tod, während es jenen, die es verboten hatten, eine Entschuldigung für ihre Grausamkeit gab. Denn wer würde daran zweifeln, daß es legitim war, einen Mann zu töten, der inmitten einer Staatskrise und in so großer persönlicher Gefahr immer noch daran dachte, Parfüm zu tragen?

Freude: Ich habe mich aber an künstliche Düfte gewöhnt.

Vernunft: Wünschst du meinen Rat? Dann entwöhne dich davon. Denn es ist unehrlich, sich an künstliche Düfte anstatt die natürlichen zu gewöhnen, auch wenn diese unangenehm erscheinen. Je künstlicher, um so unehrlicher. Eine Kunst mag die Ehrlichkeit zieren, wenn sie aber zur Massenware wird, dann entsteht Unehrlichkeit. Dazu muß man sagen, daß es heute viel schlimmer ist als früher: Obwohl Rom, wie bereits erklärt, und auch Lakedaimon, das ich das griechische Rom nennen würde, mit aller Macht versucht haben, dieses süße Gift aus Asien mit Gesetzen, strengen Sitten und Waffengewalt abzuwehren, wurden sie schließlich von der feindlichen Invasion der süßen Düfte überwältigt. Und so gelangte dieses Laster auch nach Europa und hat die stärksten Nationen besiegt.

Es würde wohl sehr lange dauern, alle Details dieser unrühmlichen Geschichte zu erzählen. Es genügt ein Beispiel, wie ein wilder und tatendurstiger Mann von dieser Weichheit überwältigt wurde. Ich meine Hannibal, den unbesiegbaren Barbaren, der sich im blutüberströmten Heer inmitten der hitzigen Kämpfe parfümierte. Die Düfte überwältigen, aber die Laster noch viel mehr. Entsprechend kam auch das verdiente Ende des verweichlichten Fürsten mit seinen Kriegern, die so wunderbar begannen. So muß man sagen, daß ihr den Tugenden von Scipio viel zu verdanken habt, aber auch den Duftsalben von Hannibal, ohne die er vermutlich nicht besiegt worden wäre. Seit dieser Zeit ist diese Gewohnheit immer weiter gewachsen, so daß man mit Erstaunen und Kopfschütteln lesen kann, was die griechischen und lateinischen Schriften darüber berichten.

Was soll ich dazu noch weiter sagen? Duftende Parfüme strömten (als Opfergaben) sogar zu den Füßen des Höchsten (also Gott, vermutlich eine Anspielung auf Lukas 7.37). Wenn er (Gott der Herr) gewollt hätte, wäre er gekommen, um all die Verweichlichung des Gemütes und die Verführungen zur Wollust auszulöschen. Aber er hat es geduldet, nicht weil er den Duft begehrte, sondern wegen seiner Güte und den Tränen der Frommen. Aber diese Hingabe schwindet immer mehr, und dies ist euer Zeitalter, das in vielen Dingen nicht mit dem Ruhm der Vorfahren verglichen werden kann, die sich gegen die wohlriechende Verführung noch gewehrt hatten. Wer sich mit solchen Düften einnebelt, wird nicht nur vom Laster des Zeitalters verwirrt, sondern auch von eigner Schande.

Freude: Gute Düfte ziehen mich aber an und gefallen mir.

Vernunft: Sicherlich! Die angenehmen Dinge ziehen uns an und bringen Freude, wenn sie gegenwärtig sind. Sogar der Weise Salomon sprach: „Das Herz erfreut sich an Salben und Räucherwerk.“ (Sprüche 27.9) Obwohl ich denke, daß in ihnen weniger Lust, sondern mehr Verdruß wohnt. Auf jeden Fall glaube ich, daß man Düften, die nicht zu uns gehören, durch Nichtbeachtung widerstehen und alle anderen mit Mäßigung gebrauchen sollte. Also bemühe dich nicht darum, damit du nicht unbemerkt von unwichtigen und schnöden Dingen körperlich und geistig abhängig und zum Sklaven wirst.

Damit nun dieser Vortrag nicht noch länger wird, lehne ich (in Anbetracht, daß du bereits von diesen schnöden Dingen abhängig bist) all diese Düfte und auch alles andere ab, was eines ehrlichen Mannes unwürdig ist und die Männer zu Frauen macht. Kurzgesagt, ich stimme Augustinus zu, der (in seinen Bekenntnissen 10.32) sprach: „Über die Versuchung der Wohlgerüche ängstige ich mich nicht zu sehr. Sind sie nicht da, dann suche ich sie nicht; sind sie da, dann verachte ich sie nicht, und bin jederzeit bereit, auf sie zu verzichten.“ Folge diesem Rat, damit du nicht von süßem Duft übel stinkst oder durch unnatürliche Zierde häßlich wirst.

Petrarcameister - Von lieblichem und süßem Duft

Aus seiner Zeit stellt der Petrarca-Meister eine Gewürzkammer dar, wo Kräuter in wappengeschmückten Gefäßen verwahrt werden und wohlriechende Flüssigkeiten in beschrifteten Flaschen stehen. Eine Frau streut Kräuter in ihre Truhe zwischen die Wäsche, ein Jüngling gießt sich Wohlgerüche ins Haar und riecht wohl auch an seiner gesalbten Hand. Der bekränzte Stutzer (Modenarr) in der Mitte des Bildes riecht an einer Blume und hält einen Apfel in der anderen Hand. Vor dem Tore draußen sind fremdländisch gekleidete Männer und eine Frau. Sie riechen an Blumen und betrachten Früchte. Es sind „Assyrer, Araber und Sabäer“, von denen der Text des Petrarca berichtet, daß sie vom Geruch der Äpfel lebten. „Ihnen sei es zur Ernährung nötig, mit Gerüchen umzugehen, uns aber sei es Überfluß, Wollust und Verderb.“

Der Petrarca-Meister ist jedoch weniger dem Beispiele Petrarcas gefolgt als vielmehr dem der „Gesta Romanorum(Die Taten der Römer). Dort wird von Wunderwesen im „Morgenland“ gesprochen, die vom Geruch des Obstes und der Blumen leben. Gerade das Anschauen der Blumen aber, das Petrarcas Text nicht erwähnt, ist links bei dem Bärtigen dargestellt.

Soweit die Erklärung von Walther Scheidig aus kunsthistorischer Sicht. Nur eine Kleinigkeit wäre zu korrigieren: Im Text wird beschrieben, daß die „Astomis“ an der Ganga-Quelle vom Duft der Äpfel leben. Und die anderen Völker haben angeblich aufgrund ihres Klimas von Natur aus viel mehr mit süßen Düften zu tun. Daß ein Mensch nur „von Luft und Liebe“ leben kann, können wir uns heute aus wissenschaftlicher Sicht nicht erklären. Doch diese Art der Askese zur Überwindung der körperlichen Abhängigkeit wird in den alten indischen Schriften häufig erwähnt, wie zum Beispiel im Mahabharata 13.14:

Wir leben, liebes Kind, oft sogar nur von Luft und Wasser. Wir wohnen an einsamen Orten inmitten der Wildnis. Wir enthalten uns gewöhnlich aller Arten der Nahrung, die in den Dörfern und Städten gebräuchlich ist. Wir halten uns an jene Nahrung, die uns die Wildnis gibt... Für tausend Jahre stand ich auf meiner linken Zehe. Danach verbrachte ich tausend Jahre, in denen ich nur von Früchten lebte. Die nächsten tausend Jahre lebte ich von den herabgefallenen Blättern der Bäume. Die folgenden tausend Jahre lebte ich allein von Wasser, und danach lebte ich siebenhundert Jahre nur von Luft. Auf diese Weise verehrte ich Mahadeva für tausend Götterjahre... Wem die Hingabe zu diesem Herrn des Universums fehlt, diesem Meister der Götter und Dämonen, dessen Leiden wird nicht enden, auch wenn er Entsagung übt und nur von Luft und Wasser lebt.

Dabei geht es nicht so sehr um die äußere Luft, sondern um den inneren Lebensatem oder auch die Lebensenergie, die man im Sanskrit „Prana“ nennt.

Auf symbolischer Ebene ist das Bild ähnlich den vorhergehenden Bildern deutlich in zwei Teile getrennt. Rechts sieht man die künstliche Menschenwelt hinter verschlossenen Türen und Mauern. Es könnte sich um Vater, Mutter und Sohn handeln. Der Vater erfreut sich zumindest schon an „gepflückten“ Blumen und schaut andächtig zur Tür, die sich zur lebendigen Natur hin öffnen könnte. Der Sohn ist, wie im Text beschrieben, schon ganz der Sucht verfallen, und die Mutter versucht wenigstens den Duft der toten Blüten noch in den Kleidern und Decken zu bewahren. Im Hintergrund steht ein Schrank mit duftenden Salben und Essenzen aus aller Welt. Mit den Wappen könnte uns der Künstler daran erinnern, daß die großartigen Namen und Titel der Fürsten und Adelsfamilien ebenso vergänglich sind wie die süßen Düfte. Darunter sieht man hinter dem Jüngling vermutlich Tücher, die das Unerwünschte bedecken, wie es auch die süßen Düfte tun sollen. Doch über dem Kopf der Mutter blinzelt offenbar ein Kopf mit Turban hervor, der an die Köpfe der Weisen vor der Tür erinnert und auch daran, daß man mit dem Versuch, alles Unangenehme zu verstecken, natürlich auch die Weisheit verdeckt.

Links im Bild (d.h. aus der Sicht der Figuren auf der „rechten“ Seite) sieht man die Weisen, die sich am Duft der lebendigen Natur erfreuen. Der Busch vorn links könnte aufgrund der Blätterform ein Feigenbaum sein, der bekanntlich besonders stark und süß duftet. Im Hintergrund belehrt der Weise eine Frau über das künstliche Wachstum von „Kübelpflanzen“, die wir bereits aus Kapitel 1.1. kennen und auf unsere engbegrenzte körperliche Existenz deuten.

Auf geistiger Ebene kann man die Spiele zwischen Männlich und Weiblich auch als Symbole für Geist und Natur sehen. Oben links führt und zügelt der Geist die Natur im engen Dialog. Die drei Weisen mit ihren Schwertern symbolisieren vermutlich die Vernunft im Sinne von Petrarca. Zumindest ergreift der vordere die Frucht mit der „rechten“ Hand auf gezügelte Weise, offenbar im Gegensatz zum Hausvater, der sie in der „linken“ Hand hält. Die drei Weisen erinnern an die berühmten drei Weisen aus dem Morgenland, die in der biblischen Geschichte zur Geburt von Jesus erschienen. Diese Geburt des Gottessohnes spielte damals auch eine große mystische Rolle im Sinne einer zweiten inneren Geburt, die vielleicht auch im rechten Teil mit der Verkörperung von Weisheit und Wahrheit im Sinne eines heiligen bzw. heilsamen Geistes angedeutet wird, die neben dem stolzen weltlichen Sohn unter dem Tuch hervorblinzelt. Oder wie Meister Eckhart sagt:

Wenn wir über die Zeit und zeitliche Dinge hinausgeschritten sind, so sind wir frei und allezeit froh, und dann ist Fülle der Zeit; dann wird der Sohn Gottes in dir geboren. Ich sprach einst: Als die Zeit erfüllt war, da sandte Gott seinen Sohn (Gal. 4.4). Wird irgend etwas anderes in dir geboren als der Sohn, so hast du den Heiligen Geist nicht, und Gnade wirkt nicht in dir. Ursprung des Heiligen Geistes ist der Sohn. Wäre der Sohn nicht, so wäre auch der Heilige Geist nicht. Der Heilige Geist kann nirgends sein Ausfließen noch sein Ausblühen nehmen als einzig vom Sohne...

Auf der rechten Seite des Bildes sieht man die Spannung zwischen Geist und Natur in einer künstlichen Welt, wo beide in unterschiedliche Richtungen schauen, und ihr weltlicher Sohn dazwischen steht. Der Apfel oder die Feige in der Hand von „Vater Geist“ erinnert an den Sündenfall und die Verbannung aus dem Paradies, wofür die verschlossene Tür stehen kann und der paradiesische Garten dahinter. Die Truhe, die uns noch in weiteren Bildern begegnen wird, könnte ein Symbol für die persönliche Ansammlung von Verdienst und Sünde sein. Die Tücher in den Händen von „Mutter Natur“ erinnern an ihre äußere Gestaltungskraft, womit die geistigen Prinzipien in der Natur verdeckt werden. Damit symbolisieren sie auch die allgemeine Unwissenheit, welche Weisheit und Wahrheit verdeckt. Interessanterweise gehörte zu dieser Unwissenheit damals auch unser rationales und begriffliches Wissen, das in viele Schubladen bzw. Kategorien gestopft wird, wie es in den beschrifteten Gefäßen im Schrank über dem Kopf des Sohnes angedeutet wurde. Darüber und daneben sieht man die mit Wappen signierten Töpfe der Persönlichkeiten, aus denen das „Mein“ und „Dein“ entsteht. Der Sohn wären wir dann selbst, das Ichbewußtsein, das sich von individuellen Äußerlichkeiten ernährt. Doch zumindest schaut „Vater Geist“ bereits in die „rechte“ Richtung und bringt damit die große Hoffnung des Petrarca-Meisters zum Ausdruck. Er konnte ja damals nicht ahnen, wie weit sich die „modernen“ Menschen in den folgenden Jahrhunderten noch in die künstliche Welt verlieren und von der lebendigen Natur entfernen, und welchen großen Schaden sie darin noch anrichten. Zumindest ist es bestimmt kein Zufall, daß er symbolisch im Spannungsfeld zwischen Vater, Mutter und Sohn die zerfetzten Pflanzen auf dem künstlichen Fußboden verstreut hat.

1.23. Von Gesang und süßer Melodie

Freude: Ich erfreue mich an Gesang und Musik.

Vernunft: Ach, wieviel besser wären Seufzer und Tränen! Denn es ist besser mit Tränen zur Freude zu kommen, als durch Freude zu Tränen.

Freude: Gesang und Musik betören mich.

Vernunft: Auch die wilden Tiere und Vögel werden vom Gesang betört, und noch viel wunderlicher ist, daß sogar die Fische davon berührt werden. Du kennst sicherlich die Fabel von Arion und dem Delphin, die man für so wahrhaft hielt, daß sie sogar in den alten Geschichtsbüchern erschien. Viele vortreffliche Dichter haben davon gesprochen, doch niemand besser als Herodot, der Vater der griechischen Geschichte. Die Bronzetafel, die den Sänger auf dem Rücken des Delphins zeigt, auf dem er unversehrt das Ufer erreichte, zeugt noch immer davon. Oder denke an die Sirenen, die angeblich viele Männer durch ihren Gesang getäuscht haben. Das muß man nicht glauben, aber man kann es täglich erfahren, wenn ein Mensch den anderen mit Schmeichelworten betrügt. Kurzgefaßt: Nichts kann mehr betrügen als der Klang der Stimmen.

Arion vom Delphin getragen, Albrecht Dürer, 1514
Arion vom Delphin getragen, Albrecht Dürer, 1514

Freude: Ich liebe aber schönen Gesang.

Vernunft: Man sagt: Die Spinne streichelt ihr Opfer vor dem Biß, wie auch der Arzt vor dem Schnitt. So locken auch die Vogelfänger und Weibsbilder ihr Opfer mit einem Köder. Ein Mörder umarmt sein Opfer, wie auch ein Tintenfisch, um es in die Tiefe zu ziehen. Viele bösartige Menschen zeigen sich freundlich durch Gesten und Stimme. Was schmeichelt, ist immer verdächtig.

Freude: Der Gesang erfreut und erhebt mich.

Vernunft: Hüte dich, denn es steht geschrieben: „Am Ende der Freude fließen die Tränen.“ Und außerdem: „Vor dem Fall wird der Geist erhöht.“

Freude: Ich singe aber gern.

Vernunft: Ja, du weißt nie, ob es dein letzter Gesang ist. Der Schwan singt niemals süßer als wenn er stirbt, denn Freude ist oft tödlicher als Trauer. Ich habe gehört, daß kürzlich ein Kantor mitten in dem süßesten Lied gestorben ist, das er jemals gehört hat.

Freude: Ich genieße aber Gesang und Flötenspiel.

Vernunft: Bedenke stets: Jeder Tag, jede Stunde und jede Minute bringt dich dem Grab näher, wo man euch gewöhnlich auch mit Gesang hintragen wird. Die Alten wurden zum Klang der Flöte dorthin getragen, wie auch Statius Papinius schreibt: „Wem die Flöte erklingt, der wird von den Ahnen gerufen.“ Dir gefallen wohl beiderlei Bestattungsriten, und so zieht es dich dahin, ohne daß es dir bewußt wird.

Freude: Ja, Gesang und Musik tragen mich.

Vernunft: Aber wohin? Musik ist zweifellos mächtig in edlen Herzen, aber ihre Wirkung ist unglaublich vielfältig: Vor allem bringt sie vielen nur müßige Freude, und nur manchen so heilige und ehrfürchtige Freude, daß die Tränen fließen. Diese vielfältigen Wirkungen führten zu unterschiedlichen Urteilen der großen Köpfe: Bischof Athanasius verbot mit dem Wunsch, der Eitelkeit zu entfliehen, das Singen in den Kirchen. Bischof Ambrosius, der nach Frömmigkeit suchte, gebot das Singen. Und Augustinus vertritt in seinem Buch der Bekenntnisse (in Kapitel 10.33) beide Seiten und berichtet, daß es für ihn sehr schwierig war, die Zweifel darüber zu überwinden.

Freude: Mich gelüstet aber zu singen.

Vernunft: Dieses Gelüst der Griechen gehört heute dir. Wer bei ihnen weder singen noch musizieren konnte, wurde als ungelehrt erachtet. Cicero berichtet, was Themistokles, dem vortrefflichen Griechen aus Athen geschah, weil er während eines Festessens die Laute von sich schob, und wie Epaminondas aus Theben die Laute ergriff, weil er ähnlichen Tadel befürchtete. Es wird sogar gesagt, daß Sokrates noch im Alter begann, die Laute spielen zu lernen. So sollten wir uns auch nicht darüber wundern, daß Alcibiades auf Wunsch seines Onkels Perikles das Flötenspiel als eine bedeutende Beschäftigung der Griechen erlernte, damit er den gesamten Kreis der freien Künste beherrschen konnte. Aber wir können die Bescheidenheit des jungen Mannes loben: Denn als er feststellte, daß beim Blasen der Flöte, wie es ihm der Meister gelehrt hatte, sein Gesicht ganz häßlich anschwoll, da errötete er vor Scham, zerbrach die Flöte und warf sie weg. Trotz seiner Jugend wurde sein Beispiel zum Gebot im Land, und seitdem wurde die Flöte in Athen viel weniger gebraucht.

Diese Leidenschaft für Musik, die dich ergriffen hat, ist sicherlich nicht zu allen Königen gekommen, aber einige hat sie besonders ergriffen, wie zum Beispiel Gaius, der Gesang und Tanz liebte. Unglaublich ist auch, wieviel Sorgfalt Nero für das Spiel der Harfe und für seine Stimme aufgebracht hatte. Um so lächerlicher und verrückter war es, daß er am letzten Tag seines Lebens, der für die Welt inmitten jammernder Schreie eine Erlösung war, seine versagende Stimme bedauerte, so daß nicht ein großer König, sondern ein großer Musiker unterging. Und so könnte ich noch viele Beispiele anführen.

Doch ich komme zu deinem Zeitalter zurück, in welchem du dich dem Genuß des Gehörs hingibst. Sich mit Mäßigung und Ehrlichkeit daran zu erfreuen, ist menschlich, aber davon gefangen und sinnlich erregt zu werden, ist große Eitelkeit.

Freude: Liebliche Stimmen faszinieren mich aber nun einmal.

Vernunft: Ach, wenn du auch die lieblichen Seufzer der Heiligen hören könntest, oder das Schluchzen und Stöhnen der Verdammten deine Ohren träfe, wie auch der Jubel der Gesegneten und der Gesang der Engel in der Harmonie des Himmels, die Pythagoras aufgestellt, Aristoteles eingerissen und Cicero wieder aufgerichtet hatte. Die Gutheit und der Glaube würden dir zeigen, daß es dort liebliche Stimmen gibt, die ewig erklingen. Nicht die Stimmen des Himmels selbst, sondern die Stimmen der himmlischen Bewohner, die endlos die erste und ewige Ursache preisen. Ich sage dir: Wenn diese Stimmen deine Ohren erreicht hätten, würdest du klar erkennen, welche Stimmen süß und welche heilsam sind. Aber noch vertraust du deinen groben Sinnen und ihrem Urteil. Doch diese Feinheit, die viele als unwichtig betrachten, hat schon größte Männer inspiriert. Nicht umsonst glaubte Plato, der mit göttlicher Sicht gesegnet war, daß Musik viel mit dem Zustand und der Besserung oder Verschlechterung der Sitten eines Staates zu tun habe.

Petrarcameister - Von Gesang und süßer Melodie

An dem Beispiel des Arion zeigt Petrarca die Macht des Gesangs und Saitenspiels. Hat Sebastian Brant dem Petrarca-Meister dieses Beispiel für die Illustration genannt, so scheint der Zeichner alle Einzelheiten von den „Gesta Romanorum“ her im Bewußtsein gehabt zu haben. Dort ist ausführlich erzählt, wie Arion von habgierigen Schiffern um seines Geldes willen ins Meer gestürzt werden soll (im Bild links), wie er sich die Gunst ausbittet, den Delphinen, die Musik lieben, noch ein Lied singen zu dürfen (Mitte des Bildes), wie ihn dann, nachdem er ins Meer gestoßen worden (bzw. selbst gesprungen) war, ein Delphin rettet und ans Land trägt (rechts hinten im Bild). Die Kirche rechts, die Musikanten davor mit Laute, Geige und Zither, ebenso wie die Flöten- und Zinkenspieler (Turmbläser) hinten am Ufer und wie die singenden Kinder gehen auf Petrarcas Text zurück, der von des Athanasius‘ Verbot der Musik in der Kirche und von der Wiederaufrichtung der Kirchenmusik durch Ambrosius spricht. - Soweit erklärt Walther Scheidig dieses Bild.

Auf geistiger Ebene kann man hier unser Körperschiff auf dem Meer des Lebens sehen, wie es mit vollen Segeln dahintreibt. Die fünf Gestalten im vorderen Teil erinnern an die fünf Sinne voller Leidenschaft und Begierde und der übergroße Harfenspieler auf dem Heck an den Verstand als Steuermann, der mit dem Denken die Saiten zum Klingen bringt, ähnlich den Fäden der Spinne aus Kapitel 1.7. Die orientalische Kleidung mit dem Turban erinnert an die Weisheit bzw. Vernunft, die überall anwesend sein sollte, aber als siebente Figur auf dem Schiff fehlt, weil sie über Bord geschmissen wurde. Entsprechend fehlt auch die nötige Zügelung, die in Form eines Seiles über dem Segel im Wind flattert. Und dieses ganze Konstrukt wird von unserem Körper aus toter Materie in symbolischer Form des hölzernen Schiffes auf dem wellenreichen Meer getragen. Das ist eine Sicht auf unsere Körperlichkeit, wie sie auch heute noch üblich ist.

Doch damals gab es noch eine andere Sicht, die mit der Geschichte von Arion in wunderbar symbolischer Form zum Ausdruck kommt und auch von Albrecht Dürer so wundervoll gezeichnet wurde. Interessant ist die Darstellung der Delphine, die uns mit heutigen Augen sehr seltsam erscheint und vor allem bei Dürer mehr an einen Drachen erinnert. Aber noch interessanter ist die symbolische Botschaft, daß man auf dem Meer des Lebens auch ohne Schiff vom Leben selbst getragen werden kann. Entsprechend sieht man rechts hinter dem Schiff, wie Arion von einem Delphin getragen wird, diesmal ohne Harfe und Turban, aber mit einer Fiedel.

Die Frage nach der Grundlage des Lebens beschäftigt auch heute noch manche Wissenschaftler und hat natürlich auch viel damit zu tun, was man eigentlich unter „Leben“ versteht. Prof. Harald Lesch erklärt zum Beispiel in einem Video, wie das Leben aus toter Materie entsteht und endet mit der Feststellung: „Leben braucht Materie.“ Entsprechend könnte man auch sagen: „Ein Autofahrer braucht ein Auto.“ Logisch, ohne Auto, kein Autofahrer. Wenn man es aber tiefer betrachtet, wird man feststellen, daß dieses Auto durch ein Wesen entstanden ist, das erst danach zum Autofahrer wurde. Aus dieser Sicht sind auch heute wieder einige Wissenschaftler der Meinung, daß das Leben nicht von toter Materie getragen wird, sondern von lebendigem Geist oder moderner gesagt, von Information. Zu ihnen gehörte zum Beispiel Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, der in einem Interview 2007 sagte:

Im Grunde gibt es Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. Wir tun uns schwer, uns dies vorzustellen. Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle Grundlage. Wir könnten es auch Geist nennen. Etwas, was wir nur spontan erleben und nicht greifen können. Materie und Energie treten erst sekundär in Erscheinung - gewissermaßen als geronnener, erstarrter Geist. Nach Albert Einstein ist Materie nur eine verdünnte Form der Energie. Ihr Untergrund jedoch ist nicht eine noch verfeinerte Energie, sondern etwas ganz Andersartiges, eben Lebendigkeit... (für das ganze Interview siehe auch Geist und Materie)

Aus dieser geistigen Sicht wäre dann auch das Ufer auf der rechten Seite, wohin Arion vom Delphin getragen wird, nicht der feste Boden der Erde, sondern der ewige Geist des Himmels, wie er mit den Heiligen und Engeln auch von Petrarca im Text erwähnt wird. Dagegen steuert das hölzerne Schiff mit vollen Segeln in die andere Richtung und begräbt unter seinem Bug das Leben selbst, wie es als Delphin symbolisch angedeutet wird. Die vielen Musiker und Sänger erinnern an das „Beziehungsgefüge“ aus dem obigen Zitat, eine gemeinsame Resonanz, die alles miteinander lebendig verbindet, wie das berühmte OM der Yogis oder das Wort Gottes. Am ewigen Ufer des Himmels wartet zu den Füßen der Engel bereits eine himmlische Zither auf die Ankunft von Arion, damit er sich in den Chor der Engel und Weisen einfügt. Zu diesem sicheren Ufer wird er vom Leben selbst getragen, soweit er dem Leben vertraut, ähnlich dem Gleichnis, als Jesus über das Wasser ging. Die Fiedel deutet darauf hin, daß es hier nicht um einen traurigen Selbstmord geht, sondern um reine und ungetrübte Lebensfreude. Man muß sich dazu am Leben nicht festhalten oder anklammern, wie es Albrecht Dürer angedeutet hat, denn man wird „von selbst“ getragen. Zu beachten ist auch die einfache Kleidung von Arion, den Dürer sogar ganz nackt darstellt. Denn es geht auf diesem Weg nicht darum, etwas Besonderes zu sein, mehr oder weniger Macht, Wissen oder Reichtum als andere zu haben oder lauter oder leiser als andere zu erklingen. Es geht um einen harmonischen „Einklang“ mit allen Wesen und der Natur im Ganzen, und diesen Einklang hat der Petrarca-Meister im Bild auf wundervolle Weise darstellt.

1.24. Vom Tanzen

Freude: Ich liebe das Tanzen.

Vernunft: Es würde mich auch wundern, wenn der Klang von Fiedeln und Flöten nicht auch zum Tanzen einlädt. Doch auf diesem Weg fällt man von einer Eitelkeit in eine andere, die noch gefährlicher ist. Wenn Musik und Gesang noch eine heilige Liebe in uns entfachen können, so ist doch das Tanzen vor allem ein unnützes Spektakel der Begierde, von dem sich ehrliche Augen abwenden, weil es eines Mannes unwürdig ist.

Freude: Ich erfreue mich aber am Tanzen.

Vernunft: Der Körper bedeckt und offenbart zugleich den Geist. Das Gestikulieren der Hände, das Spiel der Füße und das verführerische Umherschweifen der Augen offenbaren das, was unsichtbar im Geist wirkt. Wer der Mäßigung folgt, sollte sich hüten, daß er nicht weibisch (bzw. sinnlich) handelt und spricht. Denn heimliche Begierden, die in der Tiefe des Herzens verborgen sind, erregen sich oft durch kleine Anlässe. Bewegung, Stillsitzen, Liegen, Gestik, Lachen, Gehen und Sprechen sind die Zeichen, die den inneren Geist offenbaren.

Freude: Ich empfinde nun einmal große Freude beim Tanz.

Vernunft: Eine närrische Freude! Stell dir so einen Tanz ohne Musik vor. Dann siehst du nur noch närrische Frauen und Männer, die noch närrischer sind, die schweigend mit seltsamen Gebärden hin und her stolzieren. Sag, hast du je etwas Unsinnigeres und Närrischeres gesehen? Nur die Musik entschuldigt solche unsinnigen Bewegungen. Auf diese Weise bedeckt ein Unsinn den anderen.

Freude: Ich erfreue mich trotzdem am Tanzen.

Vernunft: Geht es dir um reine Freude oder das verhoffte Glück der Wollust, das zu Unkeuschheit und Untugend führt? Man führt unerfahrene und hoffungsvolle Seelen nach der Pfeife der Musik, um sie mit Höflichkeit zu schieben, zu ziehen und schier aufzureiben. Denn hier sind Hände und Augen frei und ungezügelt das Geschrei. Hier erklingen das Stampfen der Füße, unseliger Gesang und lärmende Instrumente im Staub des Hin- und Widerlaufens, und die Nacht, die oft für schändliche Taten herhalten muß, wird zur Feindin der Tugend und Freundin des Lasters. Damit gehen Vernunft und Zügelung verloren und leidenschaftliche Begierden werden zum Inbegriff ungezügelter Freiheit. Meinst du, ich kenne das nicht? Das ist die Freude, die ihr gewöhnlich unter dem Mantel der Unschuld im Tanzen sucht und darin eure Leidenschaft versteckt. Auch wenn solche Tänze nur unter Männern oder Frauen getrennt geübt werden, so lernt man doch nur, was zu tun ist, wenn beide Geschlechter wieder zusammenkommen, wie die Schüler in Abwesenheit ihres Meisters bedenken, was sie bei seiner Rückkehr sagen werden.

Wie mit der Beseitigung der Wurzel die Untugend verschwindet, so überwinde die sinnliche Begierde, und die trügerische Freude am Tanzen verschwindet. Vertraue mir, und erinnere dich an König David, wie er sprach: „Kein Mann kann vor dem Herrn tanzen, ohne den Spott seiner Frau zu ertragen. Nur wenn er mit ihr zum Spiel der Fiedel tanzt, erfreut sie sich daran.“ (bzgl. Bibel 2. Samuel ab 6.14)

Freude: Ich finde Tanzen eine lustige Sache.

Vernunft: Du kennst meine Meinung zur Lust: Deine Freude entspringt einem anderen Grund. Denn der Tanz selbst ist ein närrisches Dinge, das mehr Verdruß als Freude bringt. Wozu sich im Kreise drehen und den Schwindel erwecken? Du wiederholst im Takt nur endlos die sieben Bewegungen, von denen Plato sprach, nämlich vorwärts, rückwärts, rechts, links, oben, unten und im Kreis. Vor allem das letzte ist endlos und treibt die Sonne und die Sterne in ewigen Kreisen, aber auch die Leidenschaften der Menschen in all ihren Taten und Gedanken. Da ist kein Orpheus, der dieses ixionische Rad aufhalten könnte. So treibt auch die Begierde des Geistes den Körper im Tanz herum. Und der heilige Spruch „Untugend dreht sich im Kreis!“*, der eigentlich für alle gilt, trifft besonders für die Tänzer zu. Denn diese Lust hat schon viel Schande verursacht. Manch fromme Ehefrau verlor damit ihre langgehegte Ehre. Und manch verunglückte Jungfrau mußte am Tage ihrer Hochzeit erfahren, daß es ohne diese Belustigung besser gewesen wäre.

(* „In circuitu impii ambulant...“, Bibel-Psalm 11.9, Übersetzung der Allioli Bibel: „Ringsherum wandeln Gottlose: Also hast du nach deinen hohen Absichten die Menschenkinder gemehrt!“ (um sie mit der Kraft des Leidens zu reinigen...) In der Lutherbibel wurde er zu Psalm 12.9 und anders übersetzt.)

Freude: Ich übe mich gern im Tanzen.

Vernunft: Ich wünschte, du hättest eine andere Art der Übung gewählt. Aber ich sehe, wonach du trachtest und was du willst. Du begehrst, daß ich dir recht gebe und nachsichtig gebiete. Nun, wohlan, wenn du so geneigt bist: Sei es eine Krankheit oder eine mehr oder weniger gute Gewohnheit, folge stets dem Gebot, die Dinge, denen du dich nicht enthalten kannst, mit Mäßigung und so selten wie möglich zu gebrauchen, damit du nicht weibisch (bzw. sinnlich) handelst und davon überwältigt wirst. Verliere nicht deine tapfere Männlichkeit und zügele dich im Tanz und in allen anderen Vergnügungen. Laß es nicht über die Erholung des müden Geistes oder die Übung des Körpers hinausgehen, damit es keine Leidenschaft wird, die dem Geist viel Leiden bringt.

Ich hätte gern auf Beispiele verzichtet, denn die Nachahmung großer und tapferer Männer ist nicht immer gefahrlos. Wenn auch alle Vögel Flügel haben, können sie doch nicht alle dem Adler nachfolgen. Viele Nachfolger versuchen das Gleiche unter anderen Umständen oder mit anderen Zielen und fallen ins Gegenteil. Nur selten kann man vollkommen nachfolgen. So sagt man, daß Cato versuchte, seine großen Sorgen über das öffentliche Leben mit Wein zu lindern. Das Gleiche tat Solon unter den Griechen. Wer ihnen nachfolgen will, wird vielleicht das nötige Maß und die Zügelung vergessen, so daß die Medizin schnell zur Leidenschaft wird. So ähnlich kann es auch auf anderen Gebieten geschehen, doch das eine Beispiel mag genügen, damit du meine Sorgen über dich verstehen kannst.

Weil du mich aber nun einmal gezwungen hast, einen Standpunkt gegen deine Neigungen zu vertreten, vernimm mit den Worten von Seneca aus dem Buch über die Ruhe der Seele folgendes Beispiel eines vortrefflichen Mannes, dem du gefahrlos folgen kannst. Er sagte: „Scipio bewegte seinen triumphalen und ritterlichen Leib im Tanz, ohne sich in die weibliche Sinnlichkeit zu verlieren, sondern wie die Alten pflegten, die sich in den Tagen der Freude und Feierlichkeit wie Männer auf würdige Weise vergnügten, womit sie sogar die Achtung der Feinde erhielten, gegen die sie gekämpft hatten.“ In diesen Worten siehst du, wie Seneca das Gefühl seiner Zeit widerspiegelt. Glückselig, daß er deine Zeit nicht gesehen hat! Ich bin überrascht, daß er trotz seines strengen und gezügelten Geistes die Freude von Tanz und Wein bestätigt und daß man sogar ab und zu betrunken sein kann. Doch wenn du einen guten Ratschlag wünschst, dann trinke wenig und vermeide übermäßiges Tanzen. Es gibt ehrlichere und heilsamere Unterhaltungen, um den erschöpften und müden Geist aufzufrischen.

Wie auch immer, die beste Einstellung ist, wie es Seneca am Ende betont: Benimm dich, als ob deine Feinde alle deine Handlungen beobachten. Es ist viel besser, so zu leben, daß deine Feinde deine Zügelung und Tapferkeit bewundern müssen, als daß deine Freunde deine Zügellosigkeit entschuldigen müssen. Wer wahre Ehre hat, dem wird niemand ein Laster vorwerfen, und er muß sich nicht rechtfertigen, wenn ihm Falsches vorgeworfen wird. Denn wahre Tugend schreckt die Ankläger ab, ein Mittelmaß ermutigt sie. Bezüglich der Zügelung solltest du Caesar folgen, über den Suetonius sagt: „Sogar seine Feinde konnten nicht bestreiten, daß er nur wenig getrunken hat.“ Ich will auch nicht weiter von Cato Censorius sprechen, dessen Zügelung ich bereits gelobt habe, aber von Cato aus Utica (seinem Enkelsohn), dem (aufgrund seiner mittelmäßigen Tugend) Trunkenheit vorgeworfen wurde. Seneca spricht zu seiner Verteidigung: „Wer es näher betrachtet, wird erkennen, daß es eine entschuldbare Sünde und Cato kein Unmensch war.“

Soweit wir hier aber über das Tanzen sprechen, wäre es mir (der Vernunft) lieber, daß du in keiner Weise solche Freudenspiele treibst, nicht einmal wie Scipio. Wenn dich aber dein Geist zu dem drängt, was mir nicht gefällig ist, dann folge zumindest diesen beiden großen Männern, damit dir der Spruch von Horace im Sinn bleibt: „Wenn du schon trinken und auf der Erde mit zügellosen Füßen tanzen mußt, so trinke wenigstens den Wein wie Cato und tanze wie Scipio.“

Petrarcameister - Vom Tanzen

Der Petrarca-Meister stellt verschiedene Tanzformen seiner Zeit dar, wie sie bei den Bürgern und Bauern beliebt waren. Rechts im Vordergrund sind Schellentänzer, die an den Beinen und unter den Knien Schellengürtel tragen. Die Haltung des vom Rücken gesehenen Mannes ist charakteristisch für diesen Tanz, wenn der Tänzer die Schellen eines Beines allein ertönen lassen will. Die zu den drei Schellentänzern gehörenden Frauen mit kunstvoller Frisur schreiten ruhig dahin. Sie werden von den Männern umtanzt, und der Gegensatz zwischen den jähen Bewegungen der Männer und der ruhigen Haltung der Frauen scheint bei diesem Tanze gesucht zu sein. Den Takt zum Tanze gibt ein Spieler mit einer Einhandflöte an, der zugleich eine kleine Handpauke schlägt.

Links tanzen Bauern paarweise zum Spiel von Dudelsack und Pommer. Fünf Paare bewegen sich weit im Kreise über die Wiese, in ihrer Kleidung und Haarpracht deutlich von den Schellentänzern unterschieden. Im Gegensatz zu fast allen anderen Bauerndarstellungen seiner Zeit karikiert der Petrarca-Meister hier eher die Bürger als die Bauern bei ihrem Tanz. Im übrigen aber ist ein heiteres Bild der Lebensfreude gegeben, und Petrarcas pessimistische Meinung vom Tanz kommt nur versteckt in der Darstellung eines Paares im Walde zu Worte. - So beschreibt der Kunsthistoriker Walther Scheidig dieses Bild.

Ja, manchmal erscheint die Vernunft mit häßlichem Gesicht, wie überhaupt der Begriff „Vernunft“ heutzutage schon fast ein Schimpfwort geworden ist, das uns die Freude am Leben rauben will. Doch auch Petrarca erklärt: Wenn die Freude durch sinnlich körperliche Anhaftung zur Sucht wird, die sich im Kreis dreht, ohne eine Ausweg zu finden, dann zwingt sie die Vernunft in die Rolle eines Feindes nach dem Spruch: „Wer nicht hören will, muß fühlen!“ Und das ist natürlich oft schmerzhaft und erscheint der Freude alles andere als optimistisch. Denken wir an das alte Lied der Freude, das uns auch heute noch in den Ohren klingt: Das macht Spaß, ich geb' Gas, ich geb' Gas... Ich will nicht sparen, nicht vernünftig sein, tank' nur das gute Super rein, ich geb' Gas...“ Das Volk jubelt, aber wo soll all das Gas hin? Nun, auch aus diesem Traum wird die Menschheit von der Natur mit Feuer, Wasser, Sturm und Krankheit wieder wachgerüttelt und beginnt langsam, über die Ursachen nachzudenken, warum die Begierde der Sinne auch mit allem Reichtum nicht gesättigt werden kann. Über die gleiche Frage hat wohl auch damals schon Petrarca nachgedacht und im Text seine Lösung vorgestellt, die uns aus dieser Perspektive gar nicht mehr so pessimistisch erscheint. Und in gleicher Weise hat auch der Maler des Bildes die Ursachen im Wesen des Menschen gesucht.

So kann man auf symbolischer Ebene auf der linken Seite des Bildes einen abgezäunten Bereich mit fünf Paaren sehen, die nach der Pfeife eines Musikerpaars im Kreis tanzen. Dies erinnert uns natürlich an den Körper mit den fünf Sinnen, die für uns wie Bauern arbeiten, und dem Verstand, der mit den Gedanken spielt, im Tanz der Gegensätze. Denn die Sinne funktionieren bekanntlich nur durch gegensätzliche Wahrnehmungen wie kalt und heiß oder hell und dunkel. Aber auch die Gedanken können sich nur in Gegensätzen bewegen, wie lieben und hassen, schön und häßlich oder mein und dein. Dieser wunderbare Tanz der Gegensätze zieht sich durch den gesamten Kosmos und ist eine wesentliche Funktion der Natur. Doch auch damals fragte man sich schon: Wozu dieser komische Tanz der Sinne in der Natur? Meister Eckhart meint diesbezüglich:

Ein Meister sagt: Die Seele ist dazu dem Leibe gegeben, daß sie geläutert werde. Die Seele, wenn sie vom Leibe geschieden ist, hat weder Vernunft noch Willen: Sie ist eins, sie vermöchte nicht die Kraft aufzubringen, mit der sie sich zu Gott kehren könnte; sie hat sie (=Vernunft und Willen) wohl in ihrem Grunde als in deren Wurzel, nicht aber in ihrem Wirken. Die Seele wird im Körper geläutert, auf daß sie sammele, was zerstreut und herausgetragen ist. Wenn das, was die fünf Sinne hinaustragen, wieder in die Seele hereinkommt, so hat sie eine Kraft, in der es alles eins wird. Zum andern wird die Seele geläutert in der Übung der Tugenden, d.h. wenn die Seele hinaufklimmt in ein Leben, das geeint ist. Daran liegt der Seele Lauterkeit, daß sie geläutert ist von einem Leben, das geteilt ist, und eintritt in ein Leben, das geeint ist. Alles, was in niederen Dingen geteilt ist, das wird vereint, wenn die Seele hinaufklimmt in ein Leben, in dem es keinen Gegensatz gibt. Wenn die Seele in das Licht der Vernunft kommt, so weiß sie nichts von Gegensatz. Was diesem Lichte entfällt, das fällt in Sterblichkeit und stirbt.

Entsprechend sieht man auf der rechten Seite des Bildes einen „Einhand-Musiker“, der an die Vernunft mit dem häßlichen Gesicht erinnert, die sich um die Heilung der Gegensätze bemüht. Die drei zugehörigen Paare der Bürger, die durch diese Symbolik auf eine höhere Ebene als die Bauern bzw. Sinne gestellt werden, haben sicherlich auch eine höhere Bedeutung. Man könnte zum Beispiel an drei geistige Prinzipien wie Ichbewußtsein, Verehrung und Wissen denken, die durch den Klang ihre Schellen mit dem Flötenspiel der Vernunft zu einem „Einklang“ finden sollten. Durch diesen Einklang werden das Ichbewußtsein zum Selbstbewußtsein, die Verehrung zur Hingabe und das Wissen zur Weisheit. Und ohne Vernunft werden daraus stolzer Egoismus, hinterlistige Schmeichelei und wahnhafte Illusion. Darüber hinaus erinnern uns diese drei Paare auch an eine Beschreibung von Meister Eckhart über die sechs Kräfte der Seele und deren Verbundenheit:

Nun sagt Sankt Paulus: »Ihr sollt erneuert werden am Geiste.« Wollen wir denn nun am Geiste erneuert werden, so müssen die sechs Kräfte der Seele, die obersten und die untersten, jede einen goldenen Ring haben, übergoldet mit dem Golde göttlicher Liebe. Nun schaut auf die niedersten Kräfte, deren sind drei. Die erste heißt Unterscheidungsvermögen, rationale; an der sollst du einen goldenen Ring tragen: der ist die »Erleuchtung«, auf daß dein Unterscheidungsvermögen allzeit zeitlos erleuchtet sei durch das göttliche Licht. Die zweite Kraft heißt die Zürnerin, irascibilis; an der sollst du einen Ring tragen: der ist »dein Friede«. Warum? Nun: so weit im Frieden, so weit in Gott; so weit außerhalb des Friedens, so weit außerhalb Gottes! Die dritte Kraft heißt Begehren, concupiscibilis; an der sollst du einen Ring tragen: der ist »ein Genügen«, auf daß du genügsam seiest gegenüber allen Kreaturen, die unter Gott sind. Gottes aber soll‘s dir nie genug sein! Denn Gottes kann es dir nie genug sein: je mehr du von Gott hast, um so mehr begehrst du seiner; könnte es dir nämlich Gottes genug werden, so daß es in bezug auf Gott ein Genugsein gäbe, so wäre Gott nicht Gott.

Auch an jeder der obersten Kräfte mußt du einen goldenen Ring tragen. Der obersten Kräfte sind gleichfalls drei. Die erste heißt eine behaltende Kraft, memoria. Diese Kraft vergleicht man dem Vater in der Dreifaltigkeit. An dieser sollst du einen goldenen Ring tragen: der ist ein »Behalten«, auf daß du alle ewigen Dinge in dir behältst. Die zweite heißt Vernunft, intellectus. Diese Kraft vergleicht man dem Sohne. An der auch sollst du einen goldenen Ring tragen: der ist »Erkenntnis«, auf daß du Gott alle Zeit erkennest. Und wie! Du sollst ihn bildlos erkennen, unmittelbar und ohne Gleichnis. Soll ich aber Gott auf solche Weise unmittelbar erkennen, so muß ich schlechthin er, und er muß ich werden. Genauerhin sage ich: Gott muß schlechthin ich werden und ich schlechthin Gott, so völlig eins, daß dieses »Er« und dieses »Ich« Eins ist, werden und sind und in dieser Seinsheit ewig ein Werk wirken. Denn, solange dieses »Er« und dieses »Ich«, das heißt Gott und die Seele, nicht ein einziges Hier und ein einziges Nun sind, solange könnte dieses »Ich« mit dem »Er« nimmer wirken noch eins werden. Die dritte Kraft heißt Wille, voluntas. Diese Kraft vergleicht man dem Heiligen Geiste. An dieser sollst du einen goldenen Ring tragen: der ist die »Liebe«, auf daß du Gott liebest. Du sollst Gott lieben ungeachtet seines Liebenswertseins, das heißt: nicht deshalb, weil er liebenswert wäre; denn Gott ist nicht liebenswert: er ist über alle Liebe und Liebenswürdigkeit erhaben. »Wie denn soll ich Gott lieben?« - Du sollst Gott ungeistig lieben, das heißt so, daß deine Seele ungeistig sei und entblößt aller Geistigkeit. Denn, solange deine Seele geistförmig ist, solange hat sie Bilder. Solange sie aber Bilder hat, solange hat sie Vermittelndes. Solange sie Vermittelndes hat, solange hat sie nicht Einheit noch Einfachheit. Solange sie nicht Einfachheit hat, solange hat sie Gott (noch) nie recht geliebt; denn recht zu lieben hängt an der Einhelligkeit. Daher soll deine Seele allen Geistes bar sein, soll geistlos dastehen. Denn, liebst du Gott, wie er Gott, wie er Geist, wie er Person und wie er Bild ist, - das alles muß weg. »Wie denn aber soll ich ihn lieben?« - Du sollst ihn lieben, wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit.

Es ist für uns immer wieder erstaunlich, in welche geistigen Tiefen bzw. Höhen die Menschen damals im „dunkeln Mittelalter“ bereits vorgedrungen waren. Wirklich schade, daß solche geistigen Leistungen heute als Aberglauben abgetan werden. Das liegt wohl vor allem an dem, was Petrarca im Text beschreibt und der Maler oben im Gebüsch des Bildes versteckt dargestellt hat. Natürlich versucht sich auch unser moderner Geist mit der Natur zu verbinden. Aber mit welchem Ziel? Geht es uns wirklich um eine reine und wahrhafte Verbindung, von der Meister Eckhart spricht und wie sie früher unter der mystischen Hochzeit von Geist und Natur verstanden wurde? Oder wollen wir an der Natur nur unsere sinnlichen Begierden ergötzen? Ist nicht die Vergewaltigung der Natur mit dem unstillbaren Verlangen, die Natur zu beherrschen, bereits zur Grundlage unserer Gesellschaft geworden? Vielleicht sollten wir doch weniger auf das gegensätzliche Gedudel der Gedanken und mehr auf das einhändige Flötenspiel der Vernunft hören und dem alldurchdringenden Klang ihrer magischen Trommel, die schon die alten Schamanen kannten.

1.25. Von der Kurzweil des Ballwerfens

Freude: Ich liebe auch Ballspiele.

Vernunft: Ach, eine weitere Gelegenheit zum Herumspringen und lautem Geschrei!

Freude: Ich spiele aber gern Ball.

Vernunft: Du scheinst die Ruhe zu hassen und suchst ständig nach Bewegung. Wäre sie doch wenigstens nützlich! Sag mir, welche Übung ist wohl edler, das wilde Umherspringen, das die Seele nicht erhebt, oder ein ruhiger Spaziergang auf ehrbare Weise, bei dem sich Geist und Körper gemeinsam erholen? Letzteres haben sich sogar große Philosophen zur Gewohnheit gemacht, daß sogar eine Schule danach benannt wurde. Willst du lieber dem Vorbild von Dionysios von Syrakus (dem wilden Tyrannen) oder Aristoteles von Stageira (dem weisen Philosophen) folgen? Denn wie wir wissen, hat sich der Philosoph im Spazieren befleißigt und der Tyrann am wilden Spiel belustigt. Aber auch maßvolle Männer wurden von diesem Spiel ergriffen. Der berühmte Augur Quintus Mucius Scaevola liebte es, Kaiser Augustes hatte sich nach dem Ende des Bürgerkrieges am Rennen über das Feld und Schlagen des Balls erfreut, und Marcus Antoninus soll ebenfalls ein guter Ballspieler gewesen sein. Doch obwohl der erste von ihnen ein erfahrener Kenner der göttlichen und menschlichen Ordnung war und die letzten beiden als hochgebildete und großartige Herrscher galten, gefällt mir dieses wilde und laute Spiel nicht, weil solch übermäßige Bewegung, besonders wenn sie mit lautem Geschrei verbunden ist, mit ehrlicher Vernunft wenig zu tun hat.

Petrarcameister - Von der Kurzweil des Ballwerfens

Rechts und vorn in der Mitte sind drei Ballspieler, die in jähen Bewegungen werfen oder dem Ball mit den Augen folgen. Ihre Partner sind drei Fänger hinten in der Mitte. Zu ihnen stellen sich nun Gestalten aus Petrarcas Text: Philosophen und Herrscher, die körperliche Übung verachtet oder geschätzt haben. Petrarca rühmt die Peripatetiker, die Philosophen, die nach Petrarcas Deutung des Wortes in Nachfolge des Aristoteles „die ehrliche Sapzierung“ als allein dem Körper und Geist zuträglich erklärt haben sollten. Die richtige Herleitung des Wortes von den Gängen („Peripatos“) des heiligen Haines des Apollon vor Athen, in dem Aristoteles lehrte, war noch nicht bekannt. So hat der Petrarca-Meister die Philosophen links als Spaziergänger in Gestalt von drei feisten Doktoren oder Magistern dargestellt. Die Herrscher, die dem Ballspiel zusehen, sind die von Petrarca genannten Freunde des Vergnügens. Dionysios, der Tyrann von Sizilien, wird links in orientalischem Kostüm stehen, neben ihm Kaiser Augustus mit hoher Krone; rechts ebenfalls mit der Kaiserkrone, Marcus Aurelius neben dem Auguren Quintius Mucius Scävola.

Soweit die Erklärung von Walther Scheidig, der sich bezüglich der Peripatetiker vermutlich auf die modernen Lehrbücher bezieht. Fairerweise muß man aber sagen, daß solche Wandelgänge in den Gärten natürlich auch zum Spazieren und Nachdenken benutzt wurden, weil man in der Natur sicherlich tiefgründiger über die Natur meditieren kann, als in ummauerten Räumen. Darüber hinaus bezieht sich Petrarca vermutlich auf das Buch Etymologiae von Isidor von Sevilla aus dem Jahre 630, wo es im Buch 8 unter 6.13. heißt: „Die Peripatetiker wurden nach dem Herumgehen benannt, und zwar deswegen, weil Aristoteles als ihr Stifter gewöhnlich diskutierte, während er auf und ab ging...“ So sieht man auch im Bild, wie sich zwei Philosophen vom wilden Spielfeld abwenden und zu einem Tor gehen, das in die grüne Natur führt, und einer von dort zurückkehrt.

Zum mittelalterlichen Ballwerfen steht in einem Lexikon von 1885:
Ballwerfen oder Ballen war im Mittelalter besonders bei der Jugend und dem weiblichen Geschlecht im Ansehen; ob es auch am Hofe betrieben wurde, ist zweifelhaft. Sobald im Frühling die Witterung erlaubte, ins Freie zu gehen, begann das Ballspiel... Der Ball war aus buntem Leder zusammengeflickt und doch so hart, daß ein gut treffender Wurf schmerzen konnte. Er wird zugeworfen und aufgefangen. Übrigens übten auch ritterliche Jünglinge das Ballspiel als Leibesübung. In den südlichen Städten wurden im 16. Jahrhundert saalartige Häuser gebaut, in denen die Männer das Ballspiel bei jedem Wetter üben konnten: dieselben gingen im 17. Jahrhundert wieder ein.

Auf symbolischer Ebene sind nur Männer dargestellt. Drei Paare, die miteinander Ball spielen und unterschiedliche Posen zeigen, die von ihrer Bedeutung an die drei tanzenden bürgerlichen Paare des vorhergehenden Bildes erinnern. Der dritte Spieler der oberen Mannschaft steht mit verschränkten Armen und vermutlich mit Handschuhen zwischen Kaiser und Philosoph und erinnert uns an ein Bewußtsein, daß in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist und trotz körperlicher Bewegung relativ untätig oder träge bleibt. Ob das hölzerne Tor für das Spiel selbst eine Bedeutung hat, ist unklar. Am Rand des Spielfeldes sieht man wiederum zwei Paare, jeweils ein König oder Kaiser zusammen mit einem Weisen oder Gelehrten, die uns symbolisch an Vernunft und Verstand erinnern und vermutlich den zwei Mannschaften zugeordnet sind. Der rechte Kaiser scheint mit seiner Handgestik zur Mäßigkeit zu ermahnen, denn seine Mannschaft wirkt bereits wohltrainiert und neigt zur Überheblichkeit. Der linke scheint mit seiner Gestik den Spieler anzutreiben, der im Vordergrund sehr gedrungen und beleibt gezeichnet wurde, die sportliche Betätigung offenbar nötig hat und im Gegensatz zu der ritterlichen Figur über ihm im Zentrum des Bildes erscheint.

Im Hintergrund befindet sich ein Weg, der zu einem großen Tor führt, sowie ein geflochtener Zaun und dahinter ein Wald, aus dem eine Art Ritterburg herausragt. So kann man hier im Prinzip das Wesen von zwei Menschen sehen: Oben ein ritterlich-sportlicher Typ, der Zügelung braucht und dessen Philosoph zum Spielfeld geht. Und unten ein gelehrt-schwerfälliger Typ, der sportliche Betätigung benötigt, mit zwei feisten Philosophen, die vom Spielfeld weg spazieren. Damit nimmt der Maler im Verhältnis 1:2 eine relativ ausgewogene Haltung zum Thema Sport ein, der natürlich nicht zum Inhalt und Sinn des Lebens werden soll, aber am Rande des Weges auf maßvolle Weise seine Berechtigung hat. Der kleine Ball in der Luft erinnert uns daran, wie schnell die Nichtigkeiten zu Wichtigkeiten in der Welt werden. Denn wie sehr man durch fanatische Anhaftung sogar die sportliche Betätigung übertreiben kann, läßt sich in unserer modernen Welt bestens studieren. All das geschieht, wenn die Vernunft verlorengeht, an die Petrarca unermüdlich erinnert.

1.26. Vom Brett- und Schachspiel

Freude: Ich mag Brett- und Schachspiele.

Vernunft: Die ersteren sind gefährlich, die letzteren unnütz. Man sagt aber, daß der bereits erwähnte Scaevola und interessanterweise auch Kaiser Augustus diese Spiele gebraucht haben. Das heißt jedoch nicht, daß ich sie an dir lobe. Scaevola hat sie gelegentlich gebraucht, um sich vom Dienst an Göttern und Menschenordnung zu erholen und Augustus von den Sorgen um das große Reich, das er lange vorzüglich regiert hat. Auch mächtige und weise Männer wünschen sich gelegentlich eine Ablenkung. Doch willst du ihnen nur in der Ablenkung nachfolgen, aber nicht in der Weisheit und Macht, so wirst du kläglich scheitern müssen. Denn nicht alle Taten der Menschen, die gelobt werden, sind auch lobenswürdig.

Freude: Ich erfreue mich aber am Brettspiel.

Vernunft: Wer würde es nicht lustig finden, mit schwungvollem Arm auf einem bemalten Brett die Knochenwürfel mit den Zahlen zu werfen, und wohin die Würfel weisen mit zitternder Hand die Spielsteine in den Kampf schicken? Was für ein herrlicher Kampf, der einen ruhmvollen Namen und die Lorbeeren des Sieges auf einem Triumphwagen verdient!

Freude: Ich spiele auch gern Schach.

Vernunft: Ein kindischer Zeitvertreib mit unnötigen Sorgen! Und dazu das nutzlose Geschrei, der sinnlose Zorn und die lächerliche Freude. Schau dir die alten Dummköpfe an, die sich am Spieltisch festklammern, einige Holzfiguren hin und her schieben und diebisch auf der Lauer liegen, um sich gegenseitig zu schlagen. Nicht umsonst nannte man das Spiel „in Schach halten“. Plinius hat berichtet, daß es ein Spiel der Affen ist. Wunderst du dich darüber? Es sind wirklich Affen, die es spielen: Sie stellen die Figuren auf, bewegen sie und schlagen damit, sie klatschen in die Hände und ziehen sie zurück, sie täuschen den Gegner, zeigen ihre Zähne, drohen, zürnen, streiten und knurren, kratzen sich bei jedem Schlag den Kopf und kauen sich an den Nägeln, wie Horaz sagt. Kurzgesagt, sie tun ziemlich alles, worüber ein Zuschauer lachen müßte. Bist du vielleicht anders, oder verlierst du auch deine Vernunft, wenn du spielst? Quälst du dich nicht dabei, als wärst du selbst oder dein ganzes Land bedroht? Ich glaube, wir hätten viele Siege errungen, wenn unsere Soldaten aus Fleisch und Blut ebensoviel Sorge empfangen hätten, wie diese Soldaten aus Holz und Elfenbein. Es gibt wohl kaum ein anderes Spiel, was die Menschen so sehr bindet, ohne wahren Nutzen zu bringen. Aber das ist normal, wenn Narrheit regiert (und Vernunft fehlt), daß die besonders begehrten Dinge auch besonders wenig Nutzen bringen.

Freude: Ich liebe aber solche Spiele.

Vernunft: Wenn du meinen Rat achtest, dann will ich dir von einem edlen und ehrlichen Spiel erzählen, das in alten Zeiten die Gelehrten in Athen pflegten. An Feiertagen trafen sie sich unter Freunden, und jeder berichtete etwas von seinen Künsten, nicht wie die Narrheiten der heutigen Spiele, sondern voller Vernunft im Sinne der Tugend für ein heilsames Leben. Der Vortrag wurde ohne Neid und Zorn bewertet, und die Unterlegenen mußten eine Münze in die Gemeinschaftskasse für das „philosophische Abendessen“ zahlen. So wurde gleichzeigt für das leibliche und geistige Wohl zur Freude aller gesorgt. Solcherart spielten die Alten während der Saturnalien und verbrachten damit zu den heiligen Festtagen die Nächte in Athen (was später zu den römischen Saturnalien wieder ins Gegenteil kippte). Und so könntet ihr auch die christlichen Feiertage verbringen, wenn ihr ein heilsames Spiel wünscht, daß man später nicht bereuen muß.

Petrarcameister - Vom Brett- und Schachspiel

Mit viel Liebe und Genauigkeit sind Schachbrett und Schachfiguren sowie Tricktrackbrett und die beiden Spieler gezeichnet. Die Handgesten der Spieler am Tricktracktisch müssen für dieses Spiel irgendwie charakteristisch gewesen sein. Mit der gleichen Aufmerksamkeit sind auch die beiden Affen im Hintergrund bei ihrem Mühlespiel dargestellt. Nach Petrarcas Worten hätten diese Affen im Bild dominieren müssen, denn er erklärt in seinen, das Spiel herabsetzenden Ausführungen, auch ein Affe habe schon Schach spielen können, ein rechtes Affenspiel sei es wirklich. Da hat nun der Petrarca-Meister, um das liebe Spiel nicht zu verunglimpfen, die Affen in den Hintergrund geschoben und sie nicht unmanierlich an ihr kindliches Mühlebrett gesetzt. - Soweit beschreibt der Kunsthistoriker das Bild.

Auf symbolischer Ebene kann man in diesem Bild viele Paare erkennen, die oft gegensätzlich gezeichnet sind. Das beginnt mit den beiden Aussichten am Horizont, die mit einer monumentalen Säule getrennt wurden. Dann sieht man drei Spielerpaare, von denen sich die Affen noch am ähnlichsten sind, drei unterschiedliche Spieltische mit symbolischen Ornamenten und zwei unterschiedliche Sitzbänke im Vordergrund, die an reich und arm erinnern. Doch weder Vernunft noch Weisheit sind irgendwo zu sehen, denn die beschriebenen Spiele werden vor allem auf gedanklicher Ebene ausgetragen, ohne daß man damit die höhere Vernunft oder Weisheit schulen würde, die zur Auflösung der Gegensätze führen könnten. Das heißt „Nach dem Spiel ist immer vor dem Spiel!“, woraus die Leidenschaft und später die Sucht der Spieler entsteht. Entsprechend finden wir im Text und Bild die Symbole der Affen wieder, die bereits im Bild zu Kapitel 1.5. verwendet wurden und vermutlich auch hier als Symbole für die unruhigen Gedanken dienen, welche auch optisch über den Köpfen der Spieler sitzen und diese beherrschen.

Daß darunter die Vernunft leidet, entspricht der Kritik, die Petrarca an diesen Spielen übt. Dabei gibt es zwischen den dargestellten Spielarten noch einige Unterschiede. Während im Tricktrack der Würfel eine Rolle spielt, sind Schach und Mühle reine Strategiespiele. Das Mühlespiel ist davon noch am einfachsten und endet stets unentschieden, wenn die Spieler keinen Fehler machen, oder auch in der berühmten „Zwickmühle“ als Synonym für eine ausweglose Situation. Das Gleiche gilt für das Spiel der Gedanken in unserem Kopf, solange die höhere Vernunft das Spiel der Gegensätze nicht entscheiden und lösen kann.

Deshalb spricht auch Petrarca von Kinderspielen, die ab einem gewissen Alter relativ nutzlos sind, weil sie weder höhere Vernunft noch Weisheit entwickeln, die man in diesem Alter natürlicherweise entwickeln sollte. So zeichnet auch der Maler bewußt ältere Menschen. Welche große Bedeutung diese Vernunft einst in der menschlichen Entwicklung hatte, kann man zum Beispiel bei Meister Eckhart nachlesen:
Ein Meister sagt, in diesem (himmlischen) Licht schnellen empor und erhöhen sich alle Kräfte der Seele: die äußeren Sinne, mit denen wir sehen und hören, wie auch die inneren, die wir Gedanken nennen. Wie weit diese (Gedanken) sind und wie unergründlich, das ist ein Wunder: Kann ich doch ebenso leicht mir etwas denken, das jenseits des Meers ist, wie das, was dicht bei mir ist. Über die Gedanken hinaus aber geht die Vernunft, soweit sie noch sucht. Sie geht ringsum und sucht; sie späht hier- und dorthin, und sie nimmt auf und verliert. Über dieser Vernunft aber, die (noch) sucht, ist (noch) eine andere Vernunft, die da nicht (mehr) sucht, die da in ihrem lautern, einfaltigen Sein steht, das in jenem Lichte umfangen ist. Und ich sage, daß in diesem Lichte alle Kräfte der Seele sich erhöhen. Die Sinne springen auf in die Gedanken. Wie hoch aber und wie unergründlich die sind, das weiß niemand als Gott und die Seele. Unsere Meister sagen - es ist eine schwere Frage -, daß (selbst) die Engel von den Gedanken nichts wissen, dafern sie nicht ausbrechen und emporspringen in die Vernunft, die sucht, und die Vernunft, die sucht, in die Vernunft springt, die nicht (mehr) sucht, die vielmehr in sich selbst ein lauteres Licht ist. Dieses Licht umfaßt in sich alle Kräfte der Seele...

Deshalb sprach ein Meister zur Seele: Entziehe dich der Unruhe äußerer Werke! Fliehe weiterhin und verbirg dich vor dem Gestürm innerer Gedanken, denn sie schaffen Unfrieden!

1.27. Vom Glück des Würfelspiels

Freude: Ich liebe das Würfeln.

Vernunft: Oh, das ist ein großer und unersättlicher Abgrund, ein schrecklicher Verlust deines höchsten Gutes, ein Wirbelsturm des Geistes, eine dunkle Wolke für die Ehre, ein Begehren nach Sünde und ein Weg in die Verzweiflung. Bisher haben wir über Spiele gesprochen, aber dies ist bitterer Schmerz.

Freude: Aber ich hatte bisher viel Glück in diesem Spiel.

Vernunft: Kein Gewinn vom Wurf der Würfel kann glücklich sein. Die Wirkung ist stets unheilsam und leidvoll. Wer verliert, trauert und ärgert sich. Wer gewinnt, wird immer gieriger und verliert sich in Leidenschaft.

Freude: Ich habe immer glücklich gespielt.

Vernunft: Das verführerische Glück verkündet oft zukünftiges Unglück. Und das ist die Geißel dieses Spiels: Würden alle nur verlieren, würde keiner spielen. Aber einige scheinen zu gewinnen, und dieser Gewinn ist das Pfand für die zukünftige Leidenschaft.

Freude: Ich habe gespielt und gewonnen.

Vernunft: Das wäre gut, wenn du nicht immer wieder auf das Schlachtfeld zurückkehren müßtest. Es gibt wohl kein Schlachtfeld, das verführerischer zum Kampf einlädt und wo der Sieg so ungewiß ist.

Freude: Ich habe aber gespielt und gewonnen.

Vernunft: Dann spiele weiter, und du wirst alles verlieren, was du gewonnen hast. Du wirst tausende Gesellen um dich herum finden, die dir deinen Gewinn entreißen wollen, aber keinen, der dir das Verlorene wiedergeben will. Was du auf diese Weise gewinnst, kann aus Sicht der Gerechtigkeit niemals dein sein. Und was du verlierst, verlierst du zwar persönlich, aber zum Gewinn anderer wird es auch nicht. Es gibt so viele vernünftige Gründe, die einen guten Geist von diesem Wahnsinn zurückziehen und fernhalten können, es sei denn, er ist von maßloser Begierde besessen und wird von Leidenschaft getrieben.

Freude: Ich habe schon viel beim Würfeln gewonnen.

Vernunft: Erkenne doch, daß du von einem betrügerischen Verleiher ein Darlehen bekommen hast, das du doppelt zurückzahlen mußt. Du mußt zurückzahlen, was du gewonnen hast und dich selbst dazu. Auch wenn da niemand ist, der es zurückfordert: Es verschwindet von selbst, wie auch dein eingebildetes Glück.

Freude: Ich habe Geld gewonnen und bin reich geworden.

Vernunft: Geld ist niemals etwas Beständiges. Die runden Münzen rollen wieder davon, vor allem, wenn sie mit dem Würfel gewonnen wurden. Die Würfel schenken keinem etwas, noch weniger ihren Freunden. Aber sie fordern und rauben, und das um so erbarmungsloser, je mehr man sie liebt. So ist auch kein Verlust bitterer, als für den Spieler, der die Süßigkeit des Gewinnens gekostet hat.

Freude: Ich habe aber gespielt und bin reich gewonnen.

Vernunft: Der freudige Gewinn im Würfelspiel ist wie die Freude über ein süßes Gift. Es wird nicht lange dauern, bis du merkst, wie es sich in deinen Adern ausbreitet.

Freude: Ich hab mein Glück genossen.

Vernunft: Der Genuß der Sünde ist schlimmer als die Sünde selbst. Es gibt viele Leute, die von ihrer Gewohnheit regelrecht zur Sünde gezwungen werden, aber sich hinterher nicht darüber freuen, sondern es bedauern und bereuen. Und wenn sie die Kraft gehabt hätten, wollten sie lieber nicht gesündigt haben. Man sieht oft, daß sie zwischen den Flammen der Begierde, den Frost des Leidens und der Reue spüren. Man könnte sagen: Sie wollten und wollten auch nicht. Auch wenn sie durch unheilsame Gewohnheit zum Unheil gedrängt wurden, so können sie doch durch Zügelung auf einen heilsamen Weg geführt werden. Wer sich aber wie du am Unheil erfreut, was mag für den zu hoffen sein?

Freude: Mir gefällt nun einmal das Würfelspiel.

Vernunft: Ich hoffe für dich, daß dieses Gefallen nicht mehr lange anhält. Sogar die festerbauten Städte verändern sich ständig. Und du glaubst, daß deine Freude am Würfelspiel unvergänglich sei? Glaube mir, dein süßes Glück wird sich bald in bittere Tränen wandeln. Du wirst noch erkennen müssen, wie die unnützen Freuden zu nützlichen Tränen werden.

Freude: Ich spiele trotzdem gern.

Vernunft: Ein unheilsamer Spaß eines verwirrten Geistes, der Zorn und Tadel verdient! Ich bitte dich, welch wohlerzogener Mensch, der höher als ein wildes Tier sein will, kann so ein Spiel lieben, das so gemein, närrisch und unvernünftig ist? Daran ist nichts Menschliches, außer die von Zorn und Trauer verzerrten Gesichter. Sogar das wilde Geschrei ist keines Menschen würdig. Es gibt keine edlen Sitten, keine anständige Unterhaltung, keine Liebe zu den Mitmenschen und keine Ehrerbietung vor Gott, sondern nur Streit, Groll, Hinterlist, Meineid und Räuberei, die schließlich sogar zu Blutvergießen und Mord führen. Menschliche Überheblichkeit wagt wohl keine größere Gotteslästerung als die schändlichen Taten, die mit dem Würfelspiel verbunden sind. Falls diese Schande jemals einen Spieler zum Schweigen bringt und er hört, welche Worte aus der Tiefe seines Herzens kommen, dann wird er mit bitteren Seufzern zum Himmel aufschauen und erkennen: Welcher ehrliche Mensch wöllte diesem Spiel nur zusehen, geschweige denn mitspielen? Wer würde sich nicht zutiefst vor so einem schrecklichen Spektakel ängstigen und davor fliehen?

Freude: Trotzdem mag ich dieses Spiel.

Vernunft: Achte darauf, daß nicht der kretische Fluch auf dein Haupt kommt! Er heißt: „Ich liebe meine unheilsame Gewohnheit!“ Es gibt keinen Fluch, der leichter auszusprechen wäre, aber auch keinen schrecklicheren: Denn wenn er wahr wird, führt er dich sicher ins Verderben. (Man sagt: Wenn die Bewohner von Kreta jemanden etwas Böses wünschen wollten, so baten sie die Götter, ihn in eine böse Gewohnheit fallen zu lassen.)

Freude: Ich genieße aber das Würfelspiel.

Vernunft: Unehrlicher Genuß ist stets zu vermeiden, wenn schon nicht um wahrer Tugend willen, dann wenigstens wegen deines Rufs und deiner Scham. Unter den Taten der Menschen läßt sich kaum eine andere finden, in der sich die Gewohnheit des Lasters deutlicher zeigt. Siehst du nicht, wie sich die Krieger unsinnig in die Schlacht stürzen, im Spiel zittern und um die richtige Zahl flehen? Sogar jene, die normalerweise großzügig und gelassen sind, werden in diesem Spiel schon bei kleinen Geldsummen ärgerlich und wütend. Viele beherzte Männer haben hier für wenige Münzen schon Dinge getan, die sie anderorts für alles Geld der Welt nicht getan hätten. Denn hier herrschen alle Laster, vor allem Zorn und Gier. Erinnere dich, wie der Dichter Ovid in seinem Buch über die unehrliche und nutzlose Kunst, in dem er viel Nützliches dargelegt hat, die verliebten Damen ermahnte, auf solche lasterhaften Spiele zu verzichten, damit sie nicht vom Zorn aufgeblasen und von der Gier ausgebrannt werden und ihren Liebhabern nicht mehr gefallen. Und dieser Rat ist um so angemessener für Männer, nicht nur wegen des Mißfallens in den Augen der Menschen, sondern auch in den Augen Gottes, der alles sieht und guten Geist und edle Sitten liebt.

Freude: Ich habe gespielt und mit Freude gewonnen.

Vernunft: Ein schändliches Spiel, ein lasterhafter Sieg und eine nutzlose Freude.

Freude: Ich habe gewonnen und freue mich darüber.

Vernunft: Freude über die eigene Sünde ist nichts als Narrheit. Ich glaube, dieses Spiel wurde von einem gehässigen Wesen aus der Hölle erfunden, damit sich die Unwissenden erst daran belustigen und dann ruinieren. Die Weisen wundern sich über soviel Dummheit. Denn was ist wunderlicher, als das alte Sprichwort, dessen Wahrheit sich durch tägliche Erfahrung bestätigt: Die Besten dieses Spiels sind die bedürftigsten und elendsten untern den Menschen.

Petrarcameister - Vom Glück des Würfelspiels

Der Künstler kennt die Volksseuche des 16. Jahrhunderts nur zu gut, bei der, wie er es zeichnet, der Teufel die Hand im Spiel hat. Mit Schwertern und Dolchen gehen die Landsknechte aufeinander los, denen der Teufel an ihrem Tische das Spiel verrückt hat. Ins äußerste gerät die Wut des Landsknechtes links im Bilde, der, die leere Geldtasche vor den Füßen, das Bildnis des Gekreuzigten bespeit. So hat Sebastian Brant schon die Exzesse der Spieler in seinem „Narrenschiff“ beschrieben. Er wird dem Petrarca-Meister, der das „Narrenschiff“ zweifellos gekannt und wohl auch im Druck besessen hat, die Verse aus dem Kapitel „Vom Gotteslästern“ in Erinnerung gerufen haben:

„Mördlich Schwür tut man beim Wein
und bei dem Spiel um wenig Geld,
kein Wunder wärs, wenn Gott die Welt
durch solche Schwür ließ untergehn.“

Soweit beschreibt Walther Scheidig das Bild. Das Thema Würfelspiel hat Petrarca im Text bereits im letzten Kapitel vorbereitet und das Brettspiel mit den Würfeln als „gefährlich“ bezeichnet. Aus gedanklicher Sicht ist diese harte Kritik natürlich schwer zu verstehen, und man denkt zuerst an eine gewöhnliche Moralpredigt gegen die Laster der Welt. Doch gerade das Würfelspiel beschäftigt die Menschheit schon seit vielen tausend Jahren, nicht nur die Spieler, sondern auch die Weisen. Und man kann wohl mit Recht sagen: Wer das Wesen des Würfelspiels erkennt, erkennt das Wesen dieser ganzen Welt. Schon im uralten indischen Epos Mahabharata ist das Würfelspiel ein wichtiger Teil der Rahmenhandlung und dient, wie auch Petrarca erklärt, der dämonischen Seite, um den Reichtum der Welt erst für sich zu gewinnen und doch am Ende alles zu verlieren. Ähnlich wird das Würfelspiel in der berühmten Geschichte von Nala und Damayanti im gleichen Epos auf höchst symbolische Weise behandelt und ist auch in unseren europäischen Märchen zu finden, wie zum Beispiel im „Spielhansl“.

Die Tiefgründigkeit, mit der Petrarca über dieses seltsame Spiel spricht, bringt auch der Maler auf wunderbare Weise zum Ausdruck. So kann man auf symbolischer Ebene hinten links das äußerliche Bild eines Würfelspiels in geselliger Runde sehen, und wie das Glück jeden gleich zu begünstigen scheint. Dies ist natürlich auch das Bild, das viele zu diesem Spiel verführt. Doch dagegen wird im Vordergrund auf schockierende Weise dargestellt, was sich im Geist der Spieler entwickelt und entsprechend auch ereignet.

Dazu stellt Petrarca zwei Arten des Spieles gegenüber, das Philosophen-Spiel, das er im letzten Kapitel lobte, und das Würfelspiel, das er in diesem Kapitel zutiefst kritisiert. Natürlich behandelt er dieses Thema besonders ausführlich, weil es die Kernbotschaft des ganzen Werkes über die Heilung von Glück und Unglück betrifft. Darüber könnte man viel schreiben, aber wir möchten hier nur auf die wesentlichen Unterschiede dieser beiden Spielarten hinweisen, obwohl beide um Geld gespielt werden. Das eine ist ein Lernspiel zur mentalen Entwicklung, das andere ein Glücksspiel mit großer Suchtgefahr. Während das eine die Vernunft fördert und der Gewinn der ganzen Gruppe zugute kommt, fördert das andere den Egoismus und die Gier nach persönlichem Besitz. Und dieser Krieg der Einzelkämpfer wird im Vordergrund des Bildes deutlich dargestellt, wie jeder gegen jeden im wilden Gemenge seine Waffe schwingt, und auch der Teufel seine Rolle dabei spielt. Entsprechend heißt es auch im „Narrenschiff“ zu den Spielern:

Veracht' das Spiel zu aller Zeit,
Daß dich nicht trübe Gier und Neid,
Denn Spiel entstammt unsinn'ger Begier
Und zerstöret alle Vernunft in dir.

Auf geistiger Ebene kann man das ganze Bild auch als Symbolik der natürlichen Prinzipien eines Menschen betrachten. Die vier Spieler am runden Tisch wären dann die vier materiellen Elemente, die äußerlich sichtbar sind, die fünf Landsknechte die fünf inneren Sinne und der Teufel das Ego, das nach den Würfeln greift und das Geld begehrt. Das Ganze ist in einem relativ engen Raum mit zwei Fenstern eingeschlossen, den wir als unseren Körper betrachten können.

Dazu paßt auch die Symbolik des Kruzifixes an der linken Wand, die eindringlich zeigt, wie sehr der Mensch mit seinem Körper an das Kreuz dieser Welt gebunden ist, an die vier Elemente, die fünf Sinne und das Ichbewußtsein, und wie leidvoll diese Bindung sein kann. Daß nun der Landsknecht gerade dem göttlichen Wesen, das er durch seine unersättliche Gier selbst ans Kreuz dieser Welt nagelt, sein Unglück im Spiel vorwirft und vermutlich sogar einen Würfel ins Antlitz spuckt, ist eine überaus verworrene Ansicht, die wohl bereits damals auf dem Vormarsch war und seitdem einen wachsenden Schatten auf die christliche Vorstellung von Gott wirft. Dieser Wahn war dem Maler offenbar bewußt, und so sieht man dem Kruzifix gegenüber die Symbolfigur des Teufels in Form eines phantastischen Drachenwesens, zu dem sich der andere Landsknecht wendet. Auf diese Weise entstand im Volksglauben ein sehr seltsamer Gegensatz, der Gott und Teufel zu zwei Gegenspielern machte, ohne daß es darüber noch ein versöhnliches Wesen gab. So etwas geschieht, wenn man die Welt nur durch die Brille gegensätzlicher Gedanken betrachtet und die höhere Vernunft nicht entwickelt wird. Und vermutlich kann man erst auf dieser Ebene der Vernunft das Problem des „großen Würfelspiels“ lösen, das uns alle im Leben solange beherrscht, wie wir glauben, daß uns Glück und Unglück durch Zufall begegnen und es völlig egal ist, wie man zu Geld kommt.

1.28. Von Kurzweil der Schalksnarren

Freude: Ich liebe die Späße der Schalksnarren.

Vernunft: Es wäre wohl besser, sich mit edler Musik zu unterhalten, die wenigstens als geistige Kunst gilt. Denn solche Späße sind nur schamlose Begierden der Sinne.

Freude: Ich finde Schalksnarren gut.

Vernunft: Ich fände es besser, wenn es dich zu armen und demütigen Freunden ziehen würde oder sogar in die Einsamkeit.

Freude: Sie bringen mich aber zum Lachen.

Vernunft: Oder lachen sie über dich? Schon oft hat ein Schalksnarr über seinen Herrn gelacht. Und wie oft lachen sie über die Dummheit jener, die sie überraschen. Denn gern erfinden sie etwas, worüber andere dummerweise lachen, damit sie sich selbst belustigen können.

Freude: Ich habe geschickte Narren.

Vernunft: Du lachst über Leute, die sich über dich lustig machen und dich herabziehen. Dies ist ein altes Leiden der Reichen, das schon bei den Etruskern begann, in Rom überhandnahm und so geachtet wurde, daß Aesopus, der damit reich wurde, seinem Sohn ein unglaubliches Erbe hinterlassen konnte.

Roscius sammelte diese vielfältig verstreute Kunst und schrieb ein ganzes Buch darüber, in dem er sich nicht schämte, seine Schauspielkunst mit Cicero zu vergleichen. Denn er glaubte, all die Leidenschaften und verborgenen Begierden des Geistes, die Cicero mit vorzüglichen Worten vielfältig ausdrückte, durch entsprechende Gesten auf andere Art und Weise mit der gleichen Wirkung auszudrücken. Und wahrlich, Roscius war ein wunderbarer Schauspieler. Es gab nichts, was so schmerzlich oder traurig war, daß er es nicht hätte lindern und erheitern können. Ich brauche wohl nicht erwähnen, daß er mit seiner Vernunft leicht die Freundschaft des so wohlwollenden und freundlichen Cicero gewann, der ihn dafür lobte, daß er der Nachwelt so ein Buch hinterließ. Roscius konnte sogar den düsteren und hochmütigen Sylla erweichen, der alle anderen verachtete, und erhielt von ihm einen goldenen Ring. Wann immer er wollte, konnte er viele ernste und strenge alte Männer zum Lächeln bringen und sogar den Senat, der damals das Land beherrschte. Er eroberte mit seiner freundlichen Kunst das ganze römische Volk, so daß er vom Staat neben Gehilfen und Dienern auch ein tägliches Gehalt von tausend Denaren erhielt, auch wenn ihm das Geld nicht allzu wichtig war. Ich gebe zu, daß er all dies durch ein ungewöhnliches und bemerkenswertes Talent erreichte. Und wenn du heute so einen Roscius finden könntest, würde ich dich nicht tadeln, neben dem edlen Geist von Cicero auch ab und zu dessen Freund im Schauspiel zu genießen. Denn der Geist dieser beiden war im Wesentlichen miteinander verwandt, auch wenn es in Ausübung und äußeren Mitteln große Unterschiede gab.

Aber wo finden wir heutzutage so einen Roscius? Wir sehen, wie in wenigen Jahren die edelsten Künste verkümmerten, nicht nur die Kunst der Unterhaltung, die zweifellos einen Zustand erreicht hat, der den verdorbenen Geschmack und die fehlende Vernunft der Künstler zeigt. Daher kommt es, daß viele Menschen die edle und heilsame Kunst nie kennengelernt haben und deshalb die schlechte gut finden und sich über jeden gemeinen Unsinn freuen.

Freude: Mich besuchen jeden Tag viele Gaukler und Spielleute.

Vernunft: Sie werden das lassen, wenn du nicht mehr reich und freigebig bist, oder ehrlicher gesagt, wenn du aufhörst, dumm und verschwenderisch zu sein.

Freude: Es sind wirklich viele Spielleute.

Vernunft: Du solltest von einem Schwarm Fliegen sprechen, die dein süßes Geld riechen, und dich verlassen, wenn du ausgetrocknet bist. Aber es ist nicht genug, daß sie dich verlassen, ihre kunstvolle Zuneigung wird sich in ebenso kunstvolle Verleumdung verwandeln. Für ihre Zungen sind Zurückhaltung und Schweigen eine große Qual. Sie können nicht anders, als andere schmeichelnd zu loben oder böswillig zu verleumden. Wenn sie den Reichtum nicht verzehren können, dann nagen sie am guten Ruf. Spielleute und Schmarotzer folgen dem gleichen Gesetz: Sie jagen mit Schmeichelei dem Glück hinterher. Aber den Schmarotzern reicht es, ihren Bauch zu füllen, während die Spielleute einen ganz anderen Hunger pflegen. Ihnen geht es weniger um körperliche Speise, sondern um die unersättliche Gier der Sinne.

Petrarcameister - Von Kurzweil der Schalksnarren

Diese Darstellung, die der Petrarca-Meister zur Freude am Gaukelspiel geschaffen hat, nennt Fraenger ein Sittenbild, in dem der Moralgedanke allein durch wirklichkeitsnahe Darstellung vorgetragen wird, ohne die Zuhilfenahme von Allegorie oder historischem Beispiel. - In stolzer Aufmachung, eine breite Wappenkette umgehängt, hantiert der Gaukler vor einer zusammengewürfelten Gesellschaft in einem Zimmer. Er hat, wie heute die Zauberkünstler auch, die Unterarme entblößt. Der selbstsichere Blick und der ununterbrochen schwatzende Mund sind, bei aller Roheit der Gesichtszüge, ein Meisterwerk der Zeichenkunst. Jetzt muß die Nase eines Bauern für ein Kunststück herhalten. Die Reaktion der Zuschauer auf dieses „Wunder“ ist vom Künstler mit tiefer Überlegung verschiedenartig dargestellt. Freudiges, dümmliches Staunen bei dem Ritter links, offenmundiges Starren beim Landsknecht links neben dem Zauberer, ein fassungsloser Blick gen Himmel bei der rechts stehenden Frau und die fast wie in Hypnose den Zauberer nachahmende Handgeste der links sitzenden Frau (die leider, wie mehrfach beim Petrarca-Meister, verwechselte Hände hat). Hier ist tatsächlich kein hinweisender „Philosoph“ mehr nötig; die Albernheit des Tuns wird mit jedem Strich im Bilde bezeugt. - So beschreibt der Kunsthistoriker Walther Scheidig dieses Bild.

Nun, auch hier geht es um die große Frage nach dem Wesen der Dinge, die uns im Leben glücklich machen sollen. Petrarca beschreibt mit jedem Beispiel deutlicher, daß alle weltlichen Freuden zwei Seiten haben. Sie können uns zu einer höheren Vernunft erheben oder in den Wahn der Leidenschaft stürzen. Aus dieser Sicht kann der Mensch wohl alles Heilsame ins Unheilsame verkehren, aber auch alles Unheilsame ins Heilsame. Darin liegt unsere geistige Freiheit, die wir vernünftig gebrauchen oder begierig mißbrauchen können.

Diese Botschaft bringt wohl auch der Petrarca-Meister in seinem Bild auf verschiedenen symbolischen Ebenen künstlerisch-genial zum Ausdruck. Man sieht zunächst einen prächtigen Tisch, an dessen Sockel ein leidenschaftlicher Drache nach links blickt. Auf dieser Seite des Tisches sieht man fünf Männer und eine Frau, von denen Frau und Ritter auf einer bäuerlichen Bank sitzen, die offenbar im Kontrast zu dem prächtigen Tisch steht. Die fünf Männer könnten uns an die fünf Sinne erinnern, die vom Spiel der Illusion fasziniert werden, und die Frau an Mutter Natur, die trickreich gezeichnet, ihren rechten Arm mit einer Geste der Mäßigung erhebt. Bei näherer Betrachtung sieht man jedoch, daß die erhobene Hand eigentlich zum linken Arm gehört.

Auf der rechten Seite des Tisches steht vermutlich eine Bauernfamilie mit zwei Kindern und einem Großvater. Während sich die linke Partei an den Zauberspielen ergötzt, scheint die rechte darunter leiden zu müssen. Das geschieht auch in der Gesellschaft, wenn sich einige im verschwenderischen Vergnügungswahn verlieren, und andere darunter leiden müssen, denen sprichwörtlich „das Geld aus der Nase gezogen wird“. Doch dabei scheint es dem Maler weniger um das körperliche Leiden zu gehen, denn die Kinder sehen wohlgenährt aus, sondern um das geistige Leiden, soweit man durch Illusion „mit falscher Hand (die hier wirklich verkehrt ist) an der Nase herumgeführt wird“. Diese geistige Verdummung könnte in Form des Bauern-Vaters dargestellt sein, der offenbar Handschuh trägt, was an seine eingeschränkte Handlungsfähigkeit erinnert, so daß er sich auch gegen den Griff des Gauklers nicht wehren kann. Wenn der Vater den Geist symbolisiert, dann wäre die Mutter die Natur, die ihre Augen zum Göttlichen erhebt und betet, daß der Geist nun endlich aus seinem Wahn erwacht und sich nicht mehr verführen läßt. Die Kinder, die von diesem Spiel noch abgeschreckt und nicht ergriffen werden, und der Großvater, der sich bedächtig im Hintergrund hält, erinnern an eine gewisse Entwicklung, die im Spannungsfeld zwischen Natur und Geist beabsichtigt ist.

Eine ähnliche Entwicklung kann man auf der anderen Seite des Tisches zwischen dem schillernden und aufgeputzten Ritter zu dem Weisen hinter ihm sehen, der sich von der sinnlichen Begierde zurückhält. Dieses Zurückziehen der Sinne von den Sinnesobjekten wird in den altindischen Puranas oft mit einer Schildkröte verglichen:

Man zieht seine Sinne von den weltlichen Genüssen zurück, wie die Schildkröte ihre Glieder einzieht. Denn die Begierde kann niemals durch den Genuß von Sinnesobjekten gesättigt werden. Sie wächst, wie ein Feuer, das mit geklärter Butter gefüttert wird. (Harivamsha-Purana 1.30)

Der Gaukler selbst am hinteren Ende des Tisches trägt eine Wappenkette, die darauf hindeutet, daß diese Gaukelkunst nur oberflächlich eine edle Kunst ist, wie es auch Petrarca im Text beschreibt. Auf dem Tisch vor ihm liegen verschiedenste Utensilien, die wohl damals für Gaukler üblich waren. Dazu gehört das Becherspiel (Video) mit den drei Bechern und Bällchen, das dem heutigen Hütchenspiel gleicht. Daneben liegt ein Zaubermesser und auf der anderen Seite vielleicht ein Zauberband, ein Zauberfaß und natürlich ein Zauberstab. Davor sieht man vermutlich zwei Zauberringe, eine Zauberschlange und einen Zaubertrinkbecher. Die Schlange wurde sicherlich nicht umsonst so auffallend im Zentrum des Bildes plaziert und auf das Kind gerichtet. Sie erinnert uns an das Wesen der Illusion, an den biblischen Sündenfall im Paradies und auch an das Gleichnis von Moses:

Der Herr sprach zu ihm: „Was ist's, was du in deiner Hand hast?“ Er sprach: „Ein Stab.“ Er sprach: „Wirf ihn vor dir auf die Erde.“ Und er warf ihn von sich; da ward er zur Schlange, und Mose floh vor ihr. Aber der Herr sprach zu ihm: „Strecke deine Hand aus und erhasche sie bei dem Schwanz.“ Da streckte er seine Hand aus und hielt sie, und sie ward zum Stab in seiner Hand. (2. Mose, 4.3)

Ein ähnliches Gleichnis wird auch in der uralten indischen Ashtavakra-Gita verwendet (um 500-400 v.Chr):

Die Welt erscheint aufgrund der Unwissenheit vom Selbst. Durch Selbsterkenntnis schwindet diese Illusion, so wie durch Unwissenheit über ein Stück Seil eine gefährliche Schlange erscheint, und durch Erkenntnis des Seils diese Täuschung verschwindet.

Gegenüber dem Gaukler sitzt ein weiterer Mann auf einem bäuerlichen Schemel mit einer Art Tasche auf dem Rücken, der uns natürlich neben den fünf Sinnen auf der einen Seite und dem Pärchen aus Geist und Natur auf der anderen an das Ichbewußtsein erinnert, daß für die Trennung all dieser Prinzipien verantwortlich ist und dem Gaukler mit offenen Händen, die vielleicht gerade Beifall spenden wollen, zuschaut. Dabei schaut das Ichbewußtsein in einen Raum, der von zwei dicken Wänden begrenzt ist, auf einen dunklen Hintergrund, vor dem der Gaukler sein Spiel der Illusion aufführt. Wenn dieser dunkle Hintergrund im Licht erstrahlen könnte, dann würde auch der Gaukler zwischen den Gegensätze verschwinden. Deshalb sprach Gott: „Es werde Licht!“

1.29. Von Kurzweil des Ringens und Wettkämpfens

Freude: Ich erfreue mich am Ringkampf.

Vernunft: Das Zuschauen ist unnütz, und das Mitmachen ist Unsinn.

Freude: Ich übe mich aber im Ringen.

Vernunft: In diesen Worten zeigt sich, wessen Herrn du leibeigen (bzw. versklavt) bist. Denn mit solcher Übung dienst du dem Leib. Wie ich schon mehrfach erklärt habe, gibt es heilsamere Wege ohne Gewalt und Lärm. Das ist die edle Übung des Geistes mit der Vernunft, die dich durch Erkenntnis aus (der Sklaverei) der Leibeigenschaft erlösen kann. Aber du behandelst deinen Geist wie einen verräterischen Feind und verehrst den Leib wie einen edlen und großzügigen Herrn. Für ihn säst du, für ihn erntest du, und für ihn ackerst du. Das ist zunächst nichts Unheilsames, aber es wird unheilsam, wenn du deinen Geist vernachlässigst und alles nur auf den Körper richtest. Dem Körper gelten deine schlaflosen Nächte, deine Sorgen, deine Wünsche und deine Übungen für Fähigkeiten. Damit dienst du dem gierigsten und undankbarsten Herrn, den es gibt, der nie genug bekommt und sich der empfangenen Wohltaten nie erinnert. Was dir dieser Herr gebietet, dem bist du gehorsam und trägst ihm alles zu, nicht nur das Nötige, sondern auch das Überflüssige, während dein Geist hungert und immer schwächer wird. Den Köper versorgst du mit Nahrung und Kleidung sowie mit Spielen und mancherlei Genüssen, über die wir bereits gesprochen haben. Dabei kannst du nicht erkennen, was die Wahrheit dazu sagt, wie sie auch aus dem Mund von Cicero erklingt: „Man verliert sich nicht selbst, wenn der Leib vernachlässigt wird. Aber wer seinen Geist vernachlässigt, der verliert sich wirklich.“ Und er spricht weiter: „Du bist nicht der äußere Körper mit der Gestalt, auf die der Finger zeigen kann, sondern der Geist (denn der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Johannes 6.63).“

Freude: Ich erfreue mich auch am Wettrennen.

Vernunft: Das Donnern der Hufe und der Wagenräder, das Hetzen der Pferde, das Anfeuern der Fahrer, das Gedränge auf engen Wegen, der Schweiß, der Schlamm und die Staubwolken, wie alles andere, was Augen, Ohren oder Nase erregt, sind doch deutliche Zeichen für die träge Dumpfheit deiner Sinne. Wären sie gesund und klar, würden sie nicht den schrecklichen Lärm und das wilde Getümmel solcher Orte suchen, sondern die Welt selbst beobachten, wie die Menschen darin geboren werden, wie sie im Leben aufwachsen, vergehen und sterben. Der Gewinn, den du hier finden kannst, wäre von weit größerem Wert.

Freude: Der Ringkampf zieht mich aber magisch an.

Vernunft: Nun, bei den Alten war der Ringkampf zwar von großer Bedeutung, aber nicht der höchste Ruhm, so daß ein alter Spartaner zu seinem Freund sprach, dem berühmten, aber nun gealterten Ringer Diagoras von Rhodos, als er eines Tages seine beiden Söhne als Sieger im Ringkampf sah und damit glaubte, das Höchste im Leben erreicht zu haben: „Oh Diagoras, alles, was du jetzt noch erreichen kannst, ist zu sterben. Denn du hast keine Chance mehr, in den Himmel zu kommen.“ Für ihn war es das Größte, daß es in seiner Familie drei so berühmte Ringer gab. Eine schwache Vorstellung von Ruhm, die aber in Griechenland weitverbreitet war und sogar von großen Geistern geteilt wurde. Selbst Platon, der großer Philosoph, war als Jüngling in dieser Kunst nackt und mit Öl eingerieben tätig und berühmt. Sein kraftvoller Körper (dem er angeblich seinen Namen verdankt) und die Hitze der Jugend verführten ihn dazu, seine Kraft zu erproben. Doch als er sich mit den Größten seiner Zeit gemessen hatte, erkannte er sein Tun, widmete sich edleren Zielen und zog es vor, lieber Sokrates anstatt Milon zu gleichen. Wahrlich, das Alter entschuldigt viele Dinge und vergibt leicht die törichten Taten der Jugend, aber für die Torheit eines Erwachsenen sollte es keine Entschuldigung geben.

Freude: Ich liebe den Ringkampf.

Vernunft: In diesem Spiel siegt oft der gewalttätigste Kerl, und die geistige Tugend wird von körperlicher Masse erdrückt. Welchen Fürsten oder Helden kannst du mir nennen, den Milo nicht bezwingen konnte, der sogar eine Stadionrunde mit einem Ochsen auf den Schultern lief, ihn mit einem Faustschlag tötete und ohne Probleme an einem Tag verschlingen konnte. Unglaublich, aber das berichten die Geschichtsschreiber. Wer könnte ihm an körperlicher Stärke gleichkommen? Doch eigentlich gibt es nichts Unwürdigeres, als zu sehen, wie edle Geister einem solch tierischen Wesen unterliegen. Deshalb sollten sich edle Geister mit Selbstvertrauen davor hüten, daß sie nicht auf diese Ebene herabsinken, wo sie von gemeiner Körperkraft besiegt werden können.

Wenn du wirklich am Wettkampf Freude hast, in dem der obere besser als der untere ist, dann wähle doch ein Turnier, wo es nicht um körperliche Kräfte geht und das Unheilvolle siegen kann. Wetteifere nicht um weltliche Reichtümer, Status oder Macht, sondern um Weisheit und Tugend, und das nicht mit dem Ziel, dich über andere ruhmreich zu erheben, sondern ganz ohne Neid nur um der Tugend Willen. Dazu gebe ich dir ein Beispiel vom jüngeren Cato, über den Sallust Crispus schrieb: „Er kämpfte weder mittels Reichtum mit den Reichen noch mittels Intrigen mit den Intriganten, sondern mittels Tugend mit Tugendhaften, mittels Selbstbeherrschung mit Selbstbeherrschten und mittels Wahrhaftigkeit mit Wahrhaftigen.“

Dies ist der ehrbarste Wettkampf, um deine Zeit zu nutzen. Darin kannst du dich nicht nur während der großen Olympiaden an anderen üben, sondern ebenso im Schlafzimmer, auf dem Markt, in der Freizeit oder im Geschäft, nicht nur mit den Anwesenden, sondern auch mit den Abwesenden, ja sogar mit allen großen Männern aller Zeitalter und Länder. Dazu achte ich auch stets den großartigen Spruch von Scipio aus Livius: „Ich bin sicher, daß sich jeder wirklich große Geist nicht nur mit den gegenwärtigen vergleicht, sondern mit allen ruhmreichen Menschen aller Zeitalter.“

Auch du solltest dir solche Vorbilder wählen. Doch ich glaube, in der Schar deiner Zeitgenossen wirst du kaum einen finden. So wähle dir aus den alten Geschichten einen, an dem du dich messen kannst, nicht mit Fäusten und Ringkampf, sondern mit Vernunft und Tugend, nicht für den vergänglichen Körper, sondern für die unvergängliche Siegerkrone. Das ist mein Rat zu solchen Kraft-Spielen, das sei mein Urteil (der Vernunft).

Petrarcameister - Von Kurzweil des Ringens und Wettkämpfens

Zu diesem Bild meint der Kunsthistoriker Walther Scheidig, daß die beiden Schwertkämpfer mit offenbarer Anteilnahme und Sachkenntnis gezeichnet wurden. Sie kämpfen mit schweren Waffen, dem langen Zweihänderschwert. Angesetzter Hieb und gegnerische Parade sind schulgerecht dargestellt. Oberflächlicher sind dagegen die Darstellungen der beiden Ringer und das Wagenrennen mit vermutlich vollbeladenen Frachtwagen. Während Petrarca noch von den antiken Wagenrennen wußte, hat es in Deutschland nichts Vergleichbares gegeben, und so vermitteln die Fuhrknechte, die ihre Pferde antreiben, eine komische Vorstellung vom antiken Wagenkampf. Die mit Lorbeer bekränzten Zuschauer beim Schwertkampf sind der im Text erwähnte Diagoras mit seinen beiden Söhnen...

Nun, ähnlich wie in Kapitel 1.27. kann man auf symbolischer Ebene den hinteren Teil des Bildes auf den körperlichen Kampf und den vorderen Teil auf den geistigen Kampf beziehen, wie auch Petrarca im Text den geistigen Kampf dem körperlichen vorzieht. Aus dieser Sicht ist die Symbolik mit dem vierrädrigen Frachtwagen wesentlich verständlicher und erinnert an unseren Körper, der von den vier Elementen getragen und vom Willen gezogen wird, der oft zweigeteilt und von den weltlichen Gegensätzen geprägt ist. Der Reiter oder Wagenlenker wäre dann unser Ichbewußtsein, das den Willen entweder zügelt oder antreibt. Eine ähnliche Symbolik findet man auch in den deutschen Märchen der damaligen Zeit, zum Beispiel im „Doktor Allwissend“. Dieser Kampf der Gegensätze kommt auch in dem Ringerpaar zum Ausdruck, das auf diesem Bild nicht umsonst mehr an ein Liebespaar erinnert und im Mittelpunkt des Bildes steht.

Von den beiden Schwertkämpfern versinnbildlicht der Linke offenbar die geschickte geistige Beweglichkeit und der rechte die gewaltsame Attacke der körperlichen Kräfte mit einer stolzen Haltung, die an „Hau den Lukas“ erinnert. In der Sprache der Schwertkämpfer nennt man so eine Stellung der Gegner z.B. „Mit dem Zwerch die Blößen angreifen“, also ein geschickter Angriff mit gleichzeitiger Abwehr eines drohenden Schlages. Damit ist der linke Kämpfer wohlbeschützt, während der rechte voller Stolz auf seine Schlagkraft wesentlich verletzlicher ist. Das kennt wohl jeder aus Erfahrung, denn ein stolzer Mensch ist gewöhnlich auch leicht verletzbar.

Entsprechend geht es im Kampf auf dem geistigen Weg auch darum, die körperlichen Angriffe geschickt abzuwehren und sich von den körperlichen Attacken nicht überwältigen zu lassen. Das heißt aber auch: Die Entwicklung der geistigen Kräfte zielt nicht darauf ab, den Körper im Kampf zu töten, sondern seine Kräfte zu benutzen und mit den geistigen zu vereinen, um die nötigen Fähigkeiten der Weisheit und Tugend zu entwickeln. Dazu sieht man auch die Gesten der drei Zuschauer mit der Siegerkrone, die zu Mäßigung und Zurückhalten ermahnen. Hier sollte man auf die wunderbar gezeichnete Symbolik achten, wie die Lorbeerkrone des Vaters in das Grün der Natur zurückfließt. Denn wie im Text berichtet, konnte er durch seine Art des Kampfes den Himmel nicht erreichen und blieb damit ein Teil der körperlichen Natur.

Von diesem inneren Kampf spricht wohl auch die Bibel, wenn es darum geht, sein Kreuz zu tragen und nachzufolgen, nicht durch passive Trägheit und Betäubung, sondern durch geschickte geistige Übung. Und Meister Eckhart sagt dazu:

Damit man dem Geiste in dieser seiner Fremde (in dieser körperlichen Welt) zu Hilfe komme und man das Fleisch in diesem Kampfe etwas schwäche, auf daß es dem Geiste nicht obsiege, darum legt man ihm den Zaum der Bußübungen an, und darum unterdrückt man ihn, damit der Geist sich seiner erwehren könne... So vermag er alles heiter zu ertragen und zu erleiden, was ihn anfällt und Gott über ihn verhängt, und kann auch gütig alles vergeben, was man ihm Übles antut.


Zurück Inhaltsverzeichnis Weiter