Heilung von beiderlei Glück - Francesco Petrarca

Das zweite Buch - Von der Heilung des Unglücks

Petrarcameister - Glücksrad
(Titelbild des zweiten Buches)

Petrarcameister - Glück und Unglück
(linkes Bild)

Petrarcameister - Glück und Unglück
(rechtes Bild)

Die Illustration zu Petrarcas pessimistischer Auslegung des heraklitischen Wortes vom universellen „Streit“ zerfällt in zwei Teile (linkes und rechtes Bild). Ein systematischer Aufbau ist besonders im linken Bild erkennbar: „Die gegenseitigen Vernichtungsformen sind in vier große Ordnungen gegliedert: Den Widerstreit der kosmischen Gewalten, die Kämpfe in der Tierwelt, die Vernichtung der Tiere durch den Menschen und die Streitigkeiten der Menschen untereinander“ (Fraenger a.a.O. S. 60). Sturm gegen Sturm, Sonne gegen Regen, darunter auf dem Meer Fische gegen Fische, ein Habicht, der Enten scheucht, Raubvögel, die zum Fischraub niederstoßen. Links in der Dorfgasse oben ein einander herausforderndes, darunter ein schon miteinander kämpfendes Paar von Feinden. Vor der Bauernhütte, die das Zentrum des Ganzen bildet, sitzt ein alter Mann, der gegen die Mücken kämpft, während ein Kind zum Schlag auf den kahlen Schädel des Alten ausholt. Ganz vorn eine Kombination des Kampfes der Tiere gegeneinander und des Menschen gegen die Tiere: die Jagd auf den Wolf, der einen Ziegenbock geraubt hat. - Auf dem Bild rechts geht es scheinbar vornehmer zu: statt der Hütte dominiert die Villa mit Balkon und Butzenscheiben. Aber schon sind links Einbrecher eingedrungen, während rechts unter dem Haus der Tod den Liebhaber von der Seite der Geliebten reißt. Darüber der Löwe, der von hinten den Hirsch anfällt; weiter oben der Unfriede im Taubenschlag, gemäß der von Petrarca mitgeteilten Beobachtung, die so sehr im Widerspruch steht zu der oberflächlichen Vorstellung, die Tauben seien „die harmloseste Tierart“. Ebenfalls dem Text Petrarcas entnommen sind „die Kriege der Wasserschlangen mit den Störchen“, ein Drama, das den Vordergrund füllt. - Dazu auf beiden Bildern noch vieles andere zum Thema „Allkrieg“, was, ohne daß es bei Petrarca steht, vom Holzschnittmeister selber beobachtet sein mag.

Vorrede zum Zweiten Buch

Von allem Gelesenen oder Gehörten, das meine Zustimmung fand, hat wohl kaum etwas so tief sich mir eingeprägt, so zäh in mir gehaftet, so häufig dem Gedächtnis Grund zur Wiederholung gegeben wie jenes Wort Heraklits: „Alles geschieht gemäß dem Streit.“ Ja, so ist es, und nahezu alles bezeugt, daß es so ist. In rascher Bewegung die Gestirne - ihr Gegensatz das Firmament! Die entgegengesetzten Elemente - ein Wechselspiel des Kampfes! Die Erde bebt. Die Meere fluten. Die Luft wird erschüttert. Es knistern die Flammen. Ewigen Krieg gegeneinander führen die Winde. Wetter streitet mit Wetter. Jedes Einzelne kämpft gegen sich selbst, alles zusammen gegen uns. Feucht der Frühling - trocken der Sommer; weich der Herbst - rauh der Winter. Und - was Wechsel heißt, ist Kampf! Eben das, worauf wir unsern festen Stand haben, worin wir ein umhegtes Leben führen, was uns mit soviel Verlockungen umschmeichelt - wie sehr dieses Selbe (wenn es erst einmal ergrimmt!) uns schauern macht, erweisen Erderschütterungen und heftigste Orkane, erweisen Schiffbrüche und Feuersbrünste, deren Wüten bald vom Himmel blitzt, bald aus Erdkratern bricht. Wie wild greift doch der Hagel an! Was für eine Gewalt haben doch Regengüsse! Welch Getöse der Donnerschläge, welch jäher Angriff des Blitzes, welch Wüten der Stürme! Was ist das für ein Sieden, für ein Brüllen der See! Welch Krachen der Wildbäche! Welch Hochwasser der Flüsse! Welch Jagen der Wolken hinüber, herüber und gegeneinander! Das Meer selbst hat, außer der offenen und rasenden Gewalt der Winde und den verborgenen Flutschwellungen, die in unsicherem Wechsel einander ablösen, auch sichere, festgelegte Strömungen von Ebbe und Flut, wie man es an vielen Stellen, am auffälligsten aber im Westen sieht - ein Vorgang, der sich zwar handgreiflich abspielt, dessen verborgene Ursache aber noch ge- sucht wird, so daß er in den Philosophenschulen einen Streit erregt hat, der nicht geringer ist als der Streit der Fluten auf dem Meere selber. Und weiter: kein Lebewesen ist vom Krieg ausgenommen - Fische, Wildgetier, Vögel, Schlangen, Menschen. Eine Tierart hetzt die andere. Keinem Menschen ist Ruhe gegönnt. Der Löwe verfolgt den Wolf, der Wolf den Hund, der Hund den Hasen. Es gibt sogar eine besonders mutige Hunderasse, die nicht nur Wölfen zu widerstehen, sondern auch Löwen, Panthern, Ebern, Bären nachzusetzen und sie anzugreifen pflegt. Manche sollen von so rassiger Wildheit und so hochfliegenden Mutes sein, daß sie die Jagd auf Bären oder Eber verschmähen und nur noch das Losstürzen auf Elefanten oder Löwen für ihrer würdig halten. Einer wurde - so habe ich gelesen - König Alexander übersandt; der aber verachtete das damals noch ungenügend bekannte Geschenk und ließ es töten. Erst zu einem zweiten, gehörig erprobten Exemplar faßte er eine so einzigartige Zuneigung, daß es sein Lieblingshund wurde. Der Hund gilt zwar als besonders anhänglich an den Menschen, aber wie groß diese Liebe ist, wenn keine Hoffnung auf Fraß sie stiftet, das beweist außer den Bissen und dem unversöhnlichen Gebell nicht nur die Aktaionsfabel, sondern durch seinen wirklichen Tod - er wurde von Hunden zerrissen - auch Euripides. Über Fuchslist eine Erzählung unter vielen! Als Fischer ihre Fische zur Stadt brachten, was sie im Sommer gerne nachts tun, fanden sie mitten auf einem Waldweg ein sich totstellendes Füchslein, das sie sich griffen in der Absicht, ihm zu ihrem Vorteil das Fell abzuziehen. Als sie es auf ihr Bündel geworfen hatten, habe es sich weidlich mit Fischen vollgefressen und sei dann plötzlich abgesprungen und zu ihrem Schaden und Arger entflohen. Und was gibt es, ich bitte dich, nicht sonst noch an füchsischer Schläue! Und welches Geheul der Wölfe! Was für Geknurr in den Käfigen! Was für ein Spähen von Raben und Falken rings um Taubenschläge und Kükennester! Wie zeigen sie doch auch untereinander einen natürlichen und ewigen Haß! Einer bricht ein in des anderen Nest, zerbricht die Eier und vernichtet die Hoffnung auf Brut. Der Kuckuck gar hat nicht bloß den einen oder den anderen zum Feind - fast alle Vöglein setzen ihm zu, so daß er immerfort flieht und klagt. Welche Tücken - und was für welche! - von Wieseln gegen Nattern! Wie scharf sind die Diebe auf die Gemächer der Reichen! Was stellt jeder woanders, jeder für sich innerhalb seiner eigenen Sippe an Posten auf, und wie groß und wie wachsam ist die Abwehr! Was kennen die Jäger, die Vogelfänger für Künste und Fallstricke! Wer käme zu Rande mit den Angelhaken und Netzen der Fischer, mit den Mühen und Nachtwachen aller dieser Leute! - aber wie erfinderisch hiergegen sind dann wieder die wilden Tiere, die Vögel, die Fische! Und was ist das insgesamt anderes als: lauter Hilfsmittel des Streits? Sieh dir an, wie Bremsen und Wespen mit ihren Stacheln die Kühe quälen und diese sich schwitzend wehren gegen das Geschmeiß! Und Hunde, Pferde oder andere Vierfüßler haben auch nicht mehr Ruhe und Frieden vor den ekelhaften Fliegen im Sommer! Die Schneeflocken erst, die man im Scherz „weiße Fliegen“ nennt, was fallen sie im Winter lästig! Was für eine Unruhe jahraus, jahrein mit den Mäusen, welche Heimsuchung durch die Flöhe nächtelang! Und tagsüber der Kampf mit den Mücken! Und die Kriege der Wasserschlangen und der Frösche mit den Störchen, der Pygmäen mit den Kranichen! Die Arimaspen und die Greifen entfacht zu Kämpfen der Durst nach Gold\ wobei ich nicht leicht entscheiden kann, wer niederträchtiger ist: die einen, wenn sie auf Raub aus sind, oder die anderen, wenn sie ihren Schatz hüten; die einen stachelt die Habgier, die anderen ihre Vogelnatur. Ob Hehlen, ob Stehlen - den gleichen Eifer finde ich am anderen Ende der Welt bei den Indern. Auch dort schützt Sippe gegen Sippe ihr Gold mit der gleichen Habgier durch eine Ameisenart von unglaublicher Masse und erstaunlicher Wildheit. Die Kobra schreckt die übrigen Tiere durch ihr Zischen, scheucht sie durch ihr Nahen, vernichtet sie durch den Basiliskenblick. Den Elefanten umschnürt die Riesenschlange mit ihren Windungen. Oder was mag ihm sonst noch an ihr besonders verhaßt sein? - man weiß es nicht genau. Es gibt ja bei manchen Tieren einen natürlichen Haß gegeneinander: eins dürstet in der Sommerhitze nach des andern kaltem Blut, wodurch dann, glaubwürdigen Berichten zufolge, der Kampf mit dem Tode beider endet, vorausgesetzt, es stimmt, daß das eine blutlos und ausgetrocknet stirbt, das andere zwar des geschlagenen Feindes Blut schlürft und gleichsam im Kriege Sieger bleibt, aber, vom wonnigen Genuß besiegt und durch zuviel Trinken geborsten, tot niedersinkt. Viel dergleichen gibt es: besonders den grimmigen Schmerz eines ausgesogenen Blutegels und ebenso den Ekel einer in Sicht- und Hörweite gekommenen Ratte vor ihm. Sonderbar: ein so großes Tier von solcher Kraft erschrickt beim Anblick eines so winzigen Feindes! So hat Mutter Natur eben nichts erzeugt, was ganz ohne Kampfes- und Angriffskraft wäre. Der Löwe selber, das hochgemuteste und unbekümmertste Tier, das zur Verteidigung seiner Jungen das blanke Eisen nicht scheut - als schreckte nicht auch ihn ein zufälliger Anblick, so daß er nicht einmal hinzuschauen wagt, wenn mit großem Getöse der Räder leere Wagen vorbeifahren; ja, er soll schon die Kämme der Hähne und erst recht ihr Krähen fürchten - wer staunte da nicht? (angenommen, der Bericht stimmt!) - und mehr als alles das Knistern der Flammen. Das also ist der dieser Tierart eigene „Streit“, außer der allen Raubtieren gemeinsamen Jagd. Seinen eigenen „Streit“ hat der Tiger, wenn er dem mit seinen geraubten Jungen geflüchteten Feind nachjagt, der sein Spiel mit ihm treibt. Dem Wolf ist ein einziger „Streit“: der mit seinem ewigen Hunger und mit den Bauern und Hirten, vorbehalten. Ich rede von giftigen und unbändigen Wesen - leben aber friedliche Herden in Ruhe? Wieviel Kraft, wieviel Haß bieten die Schweine auf, wenn sie miteinander kämpfen! wieviel die Leithammel! Was sind das für Wettkämpfe zwischen ihnen! mit wieviel Flucht, wieviel Siegerübermut, Schmerzen der Besiegten, Gedenken ans Unterlegensein, Wiederantreten zur Rache! Wem wäre nicht beim Lesen der Gedanke an die Dichter gekommen wie sehr doch kriegerische Stiere und mit gegeneinander gekehrten Hörnern sich bekämpfende Böcke ihren Geist erregen! Und auch sonst - es herrscht überall ein einziger „Streit“, und nichts ist, was nicht „gemäß dem Streit geschieht“. Wann hätte ein Pferd als Gast neu an der Krippe, wann ein Hähnchen als Neuankömmling unter seinesgleichen in Ruhe sein Futter verzehrt? Wer hat nicht schon beobachtet, was die Glucken für ihre schwache Brut aufbringen an Leidenschaft, die sich nichts gefallen läßt! Das ist freilich etwas allen Gemeinsames: es gibt kein noch so sanftes Tier, das nicht zu erbittern wäre durch die Liebe zum Nachwuchs und die Furcht für ihn. Die Hähne gehen mit den Fußsporen aufeinander los, packen einander bei den schon von Natur und nun von Blut geröteten Kämmen, trotz der Wunden mit dem ganzen Leib ineinander gestemmt. So großer Haß, so großer Stolz herrscht in so kleiner Brust, so groß ist die Gier nach dem Sieg, die Scham vor dem Nachgeben bei den Erpeln; und die Hartnäckigkeit der Ganter! - wer hätte nicht schon zugesehen, wie sie sich mit den Brüsten bedrängen, mit Geschnatter beschimpfen, einander mit den Flügeln peitschen, mit den Schnäbeln ineinander hängen! Bei den wilden Tieren wundert man sich schon weniger, da ist es ja gebräuchlich und gewöhnlich, (daß die größeren die kleineren zu Leichen zermalmen. Raubtier zehrt an Raubtier, Vogel an Vogel, Fisch an Fisch, Wurm an Wurm. Und wie erst die Strandvögel und die Wassertiere Meer, Teiche, Seen und Flüsse durchwühlen, ausschöpfen und unsicher machen, so sehr, daß mir von allen Dingen das unruhigste das Wasser zu sein scheint, das ebensosehr von seinen eigenen Bewegungen wie vom ständigen Aufruhr seiner Bewohner erregt ist. Zweifellos ist es an neuartigen Lebewesen und Ungeheuern am fruchtbarsten; daher sind auch die Gelehrten der Volksmeinung nicht abgeneigt, die annimmt, daß ungefähr alle Formen der auf der Erde oder in der Luft lebenden Wesen auch im Wasser zu finden sind, während dort unzählige Arten leben, die es in der Luft und auf der Erde nicht gibt. Und hier bringen durchweg Beute oder Haß den Streit hervor!

Was dann aber, wenn da, wo sie fehlen, doch der Streit nicht fehlt?! Sieh einmal hin: in der Liebe! - wie groß ist da die Eifersucht! wie schwer sind da die ehelichen Konflikte! unter den Liebenden wieviel Streitigkeiten, Verdächtigungen, Schmerzen! Und zwischen Herren und Knechten: da wird die Feindschaft nicht etwa deswegen weniger erbittert, weil die Feinde in häuslicher Gemeinschaft leben; Frieden ist da nicht zu erhoffen, es sei denn der Tod oder die Verarmung der Herren stellt ihn her. Und zwischen Brüdern? - wie selten da der Dank ist, bezeugt die Wahrheit selber durch den Mund Ovids, desgleichen den Undank der Söhne gegen die Väter, den ein Gedicht desselben Dichters besingt. Umgekehrt ebenso: was sind doch Väter über ihre Söhne, bei aller Affenliebe, oft entrüstet, wünschen sich gute und trauern über schlechte Söhne, so daß gerade aus der starken Liebe zu ihnen eine Art von Haß wird. „Brüderlich“, „väterlich“ sind zwar Namen für engste Bindung, aber oft sehen wir dahinter Lieblosigkeit, oft sogar Gehässigkeit. Nun zu dem geheiligten Wort „Freundschaft“; „amicitia“ kommt zwar von „amare“ und kann jedenfalls ohne das, was „amor“ heißt, weder existieren noch begriffen werden; aber was gibt es unter Freunden, mögen sie über die Ziele noch so einig sein, trotzdem für Uneinigkeit über Wege und Taten! wie groß ist das Gegeneinander der Meinungen und Ratschläge! Darum läßt sich Ciceros Definition kaum halten: angenommen nämlich, es bestehe zwischen Freunden Wohlwollen und Liebe, so fehlt doch jene „Übereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen'„, die er seiner Definition zugrundelegt. Was soll man sich nun aber vom Haß erhoffen? - und es steckt in der Liebe Haß, im Frieden Krieg, in der Übereinstimmung Widerspruch. Daß es sich so verhält, will ich dir direkt an Dingen zeigen, die wir ständig vor Augen haben. Sieh dir die wilden Tiere an: die das Schwert nicht bezwingt - die allmächtige Liebe bezwingt sie. Achte einmal auf Löwinnen, Tigerinnen, Bärinnen: mit wie grimmigem Knurren sie an das gehen, was sie am begierigsten tun! Nicht für begierig - für gezwungen könnte man sie halten. Einige wilde Tiere begatten sich unter lautem Zischen, andere reißen einander mit den Krallen vor Aufregung. Nun erst, wenn wir glauben, was bedeutende Männer über die Schlangennatur schreiben: welche Gegensätzlichkeit herrscht da, welcher Zank! Den Kopf des Männchens, der mit an sich natürlicher, aber hemmungsloser Wollust ins Maul des Weibchens gleitet - in jäher Überhitze des Lustverlangens beißt sie ihn ab. Wenn sie dann, trächtig und verwitwet zugleich, in die Zeit des Gebarens kommt, will die zahlreiche und viel zu schwere Brut, wie um den Vater zu rächen, auf einen Schlag ausbrechen - und die Mutter zerbirst. So zielt bei zwei Lebewesen zwar der höchste Wunsch auf Fortpflanzung und Begattung, bei dieser Tierart aber erweist sich das als schlechthin tödlicher Unglückswunsch, wenn doch den Mann die Begattung, die Mutter die Geburt vernichtet. Betrachte die Bienenstöcke! - was ist das für ein Hin- und Herrennen! was für ein Gesumme! Was tragen sie für Kämpfe aus, nicht nur mit den Nachbarn, nein, auch - sozusagen - Bürgerkriege, häusliche Zwistigkeiten! Bitte sieh dir die Nester der Tauben an, der harmlosesten Tierart, der sogar, wie berichtet wird, die Galle fehlt! - wieviel Schlachten, wie großes Geschrei, womit sie ihr Leben hinbringen! Du könntest meinen, in einem undisziplinierten Barbarenlager zu sein - so wenig Frieden kannst du bei Tage, ja selbst in der Nacht bemerken. Ich will nicht weiter von ihren gegenseitigen Angriffen reden, nur von der gleichstarken Zuneigung, die sie in wechselseitiger Wollust so aneinander kettet, daß ihre Liebe als der Venus heilig gilt! - aber welche Klagen des sehnlichen Wunsches! wie oft umschwirrt der Liebhaber seine Taube, wie oft verfolgt er sie mit Schnabel und Flügeln!

Ich möchte dich auch auf Vorgänge kleinsten Ausmaßes verweisen, die deswegen, weil sie weniger Raum einnehmen, nicht etwa weniger sehenswert oder weniger mühevoll sind. Denke also an die Tücken der Spinnen, an ihre gespannte Wachsamkeit! Was sind das für Vorführungen von Waffen zum Fangen der Schwächeren, was für Truggespinste von Netzen zu List und Raub! Und die Motten im Tuch! das Morschwerden von Holz, wenn nachts die Würmchen sich mit widerwärtigem, dumpf raschelndem Geräusch durch das Innerste der Balken graben, besonders wenn beim Baumschlag Mondphasen und Monate, statt aufmerksam beobachtet zu werden, vernachlässigt worden waren. Was ist das für eine heimliche Pest, die nicht nur die rauchgeschwärzten Dächer der Bauern, sondern ebenso die vergoldeten Zimmerdecken der Könige angreift, geweihte Tempel und Altäre so wenig schont wie die heiligen Schätze der Philosophierenden, in deren Pergamenten und Buchstaben das Verderben bohrt! Ich möchte noch hinzusetzen, daß der Holzwurm, wenn man ihm nicht mit flüssigem Pech und durch Abbrennen entgegenwirkt, manchmal zur Ursache von Gefahr und selbst von Schiffbruch wird, ja, daß er dreist auf die Meere übergegriffen, Schiffskiele durchgebohrt und so schon oft einen schweren Angriffskrieg gegen Ahnungslose geführt hat. Überdies: was tut die Heuschreckenlarve dem Gemüse an! was den Saaten die Heuschrecke! was den Ernten die Gans, die dort Besuch macht, der Sperling, der dort zu Hause ist, der Kranich, der unstet wohnt, und alle möglichen lästigen Vogelarten! Da hat es ja Vergil her (in seiner Dichtung „Vom Landbau“), wie man Vögel durch Lärm erschreckt - eine Schilderung, die mich nicht mehr, wie sonst beim Lesen, verwundert. Ich wohne nämlich jetzt in Italien auf dem Lande, und zu dem vielen sommerlichen Ärger ist einer hinzugekommen: bis zum späten Abend dauern die Einbrüche der Vögel, das Aneinanderschlagen der nach ihnen geworfenen Steine und das Geschrei des Pächters. Und der Igel an den Trauben? der Rost auf den Kräutern? die Raupe im Laub? der Maulwurf an den Wurzeln? Ferner die Ameise, die, mit Vergil zu reden, „vor der Armut des Alters sich fürchtet“. Was für eine siedende Unruhe in dem winzigen Tierchen: gewiß, für seinen eigenen Winter sorgt es vor, aber dafür stört es unseren Sommer! Anderen es zu glauben würde ich zögern, aber ich weiß aus Erfahrung, wie groß nicht nur der Ekel, sondern auch der Schaden ist, der von jenen staubigen, immerfort in hastiger Unternehmung umhereilenden Kolonnen herrührt, die nicht nur die Felder, sondern auch die Truhen, Stuben und Vorratskammern verheeren. Ich möchte nachgerade glauben, daß es im Gebiet von Pisa ein Kastell unweit des Meeres gibt- es wird den Vorbeisegelnden gezeigt -, das verlassen wurde, weil eine Hochflut von Ameisen es übersprudelt hatte. Etwas Derartiges wird auch aus dem Gebiet von Vicenza berichtet, und ich glaube gern, daß es an beiden Plätzen, ja, überall geschieht. So haben sie mich kürzlich nicht aus meinem Landhaus, sondern aus meiner Stadtwohnung beinahe vertrieben, so daß, wenn nicht alles aufgefressen werden sollte, Feuer und Kalk helfen mußten. Ich möchte jetzt auch dem Apulejus Glauben schenken, bei dem zu lesen steht, sie hätten auch schon einen Menschen - an dem doch kein Honig ist - verspeist. Wundern kann ich mich, muß ich sagen, nur darüber, daß manche die Ameise als ein Muster von „Sorgsamkeit“ hinstellen/ Andere wieder haben lange Predigten fabriziert, in denen sie „Ameisensparsamkeit“ und „Ameisenfleiß“ anpriesen. Ach ja! - vorausgesetzt daß alle „Sorgsamkeit“ Lob verdiente! Ein Muster für Piraten vielleicht! aber nicht für Leute, die von ihrem Eigenen leben wollen, ohne irgendwem Unrecht anzutun. Jaja, sorgsam ist das Tierchen schon, wer wüßte das nicht! - nur: auf Schurkenart, wider das Recht, zu einem Räuberleben. Der Fleiß dient da nur zum Schlimmen, zu niemandes Nutzen, dafür aber zu Nachteilen und Widerwärtigkeiten verschiedenster Art. Warum man also dies Muster gewählt, dies Lebewesen gelobt hat, darüber muß ich mich - nochmals sei es gesagt! - wundern, um so mehr, als es ja die Biene gibt, ein Wesen voller Vorsorge, das niemandem schadet, vielen nützt, indem es sich und anderen Hilfe leistet durch eine auf natürliche Weise ihm innewohnende Kunst und durch eigene Arbeit, die es mit Mühe und in Ehren verrichtet.

Soll ich mich auslassen über die verlustbringende Überfülle und das üppige Wuchern des Unkrauts? Hiergegen auf schärfster Wacht, setzt der Landmann nebst den harten Fingernägeln sein Gerät ein, und rächend gegen das Laub schwingt sein Messer der Gärtner. Und dazu die Kletten und Dornkräuter! und der alljährliche Ansturm neu aufkeimender Schößlinge und Wurzeln! - eine Materie von Streit und Mühen, die nie ausstirbt. Und die Kriege der rasenden Wolkenbrüche und der weichen Schneemassen! und der beißende Reif, die Härte und Gewalt des Eises, der Ansturm der Sturzbäche, das unbestimmbare Steigen der Flüsse, die schon oft ganze Landschaften und große Volksmassen, besonders aber die Gehege der Bauern zerrüttet haben! Inmitten so vieler Überschwemmungsnöte ist das Leben, das man führt, kaum noch ein Leben „auf Erden“ und, soweit auf Erden, immer stützbedürftig.

Auch über die Widerwärtigkeiten für verwöhnte und reiche Leute sollte ich noch etwas sagen. Wer hat nicht schon die nächtlichen Kriege der Vögel ausstehen müssen! Die Uhus und Eulen und das sinnlose Wachen der Hunde, die den Mond anbellen! und Katzen, die sich auf Dächern herumtreiben und die Stille der Nacht mit ihrer entsetzlichen Musik und ihrem höllischen Kreischen vergiften! und was für mißtönende Nachtvogelklagen! und was sonst noch alles im Finstern Lärm macht! Es kommt ja hierzu noch das nächtliche Gequake der Frösche und frühmorgens das Jammern und Drohen der Schwalben, so als wären Ithys und Tereus gegenwärtig. Tagsüber nämlich kommt die Vogelwelt auch nicht zur Ruhe, daran hindert sie das Zirpen der Grillen, das Krächzen der Raben, das Iah der Esel, das Geblöke der Schafe, das Gemuhe der Kühe und das nie endende Durcheinandergackern der Hennen, deren kleine Eier hohe Preise einbringen sollen. Schlimmer als alles aber ist das säuische Grunzen oder pöbelhafte Gebrüll oder blöde Gelächter - das Albernste vom Albernen, wie Catull sagt -, noch dazu, wenn es Betrunkene sind, die vor Freude gröhlen: das Widerlichste, was es gibt. Schlimm auch das Gezänk von Streitenden, das Geschimpfe und Geschnatter alter Weiber; und bei den Kindern Prügeleien, mit Gejammer abwechselnd. Bald kommt der Lärm von den Hochzeitsschmäusen, wo es hoch hergeht, bald von Frauen, deren „innige Trauer“ um ihre Männer eher ein Freudengeheul ist; dazu das echte Aufheulen von Eltern beim Tode ihrer Kinder!

Ein Blick in die Öffentlichkeit: Gewirr und Lärm auf dem Markt, wenn die Händler mit den Kunden streiten, die Käufer die Ware heruntermachen, die Verkäufer ihre Qualität beschwören; in die Werkstätten: aus einer kommt das traurige Getön einer Arbeit, die sich die Arbeiter mit Liedern erleichtern, aus einer anderen die unangenehme Musik vom Draufschlagen mit Stricken auf Woll- und Fellballen und vom wirren Rennen des Kammes durch die Webstühle, aus einer dritten das dumpfe Schnauben der Blasebälge und das durchdringende Klopfen der Hämmer, obendrein in den Überstunden einer in gleiche Teile zerrissenen Winternacht, wodurch es dann keine der Ruhe vorbehaltene Zeit mehr gibt, die vor jeder Form von „Streit“ geschützt wäre.

Ein Wort noch über den Bereich der gefühllosen Dinge! Wie verhält sich der Magnetstein zum Eisen, der Stahl zum Magnetstein? - da herrscht doch, mag die Streitursache auch tiefer verborgen sein, offener Streit. Zieht der Magnetstein das Eisen an, so bringe Stahl in die Nähe! - und er wird aufhören und loslassen, wo er vorher angezogen hat. Auf beiden Seiten eine staunenswerte Kraft, sei es daß die Natur einem trägen und formlosen Stein gleichsam Hände und Krallen verliehen hat gegen ein starres und überaus starkes Metall, oder daß er sich diese Mittel von einem anderen, in der Nähe befindlichen Stein geholt hat: das wäre dann nicht ein Ende des ersten Streites, sondern ein neuer Streit; letzteres verneinen allerdings viele. Mir selbst fehlte es bisher an Gelegenheit und auch am Willen zum Experiment“, daher behaupte ich hierüber nichts. Die zuerst genannten Tatsachen selbst aber sind so bekannt, daß es keiner ausdrücklichen Behauptung bedarf.

Aber ich sehe schon: ich habe in allzu kurzer Zeit und auf zu engem Raum ein ungeheures Werk mit solchem Ungestüm in Angriff genommen, daß ich dazu mehr den guten Willen als die Kräfte mitbringe. Weder ich noch sonst jemand wird so leicht in der Lage sein, den einzigen Vorsatz auszuführen: hier bis in alle Einzelheiten zu gehen, aus denen ersichtlich wird, daß alles „gemäß dem Streit geschieht“, und wie groß bei diesem Geschehen, im großen wie im kleinen, das Wunder ist. Doch fehlt noch der Hinweis auf ein Allererstaunlichstes, was zu den höchsten und äußersten Seltsamkeiten der Natur zählt. Ich will kurz darauf eingehen. „Schiffsaugfisch“ heißt ein Fischlein von der Größe eines halben Fußes, das ein ungeheures, von Winden, Rudern und Segeln getriebenes Schiff festhält und allein der Gewalt der Elemente und der Menschen trotzt, durch keine andere Tätigkeit als die, daß es sich am Schiffsholz festsaugt, wobei es sich gar nicht anstrengt, sondern nur seiner Natur folgt. So steht es zwar bei berühmten Schriftstellern zu lesen, man würde es aber doch zu all' dem vielen Unglaubwürdigen zählen, wenn es ein Bericht vom Indischen Ozean oder vom skythischen Nordmeer wäre und die Ungeheuerlichkeit nicht vielmehr in unserem Mittelmeer römischen Kaisern zugestoßen wäre. Man war nämlich aufmerksam geworden auf den Verzögerungsgrund, der bewirkte, daß bei glatter Fahrt einer ganzen Flotte ein einziges Schiff wie vor Anker stand und überhaupt nicht von der Stelle rückte; die Schiffahrtexperten wurden beiseite geschoben, und mit der Hand - so heißt es - kam man auf die Wahrheit: ein Fisch wurde gefunden, der wie eine Schnecke am Steuerruder festsaß. Man zeigte ihn dem Kaiser, den es zwar ärgerte, daß ein so winziges Tierchen so Großes gegen ihn vermochte, der sich aber besonders darüber wunderte, daß es im Innern des Schiffes jene gewaltige Kraft des äußeren Festklebens eingebüßt hatte.

Es gibt da noch eine andere Monstrosität, die ich weder verschweigen noch als Tatsache vortragen möchte; wie wenig sie auch bei uns als erwiesen gilt, so ist es doch eine jedenfalls neue und mir gerade darum verdächtige Geschichte. Es soll in der Gegend des Indischen Ozeans einen Vogel von unerhörter Größe geben, „Rochus“ in unserer Sprache genannt, der nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Schiffe von oben mit dem Schnabel angreift und mit sich in die Wolken hebt, der also nur heranzufliegen braucht, um die unglücklichen Seeleute in der Luft aufzuhängen und einem schrecklichen Tode zu überliefern. Wie groß muß bei Leuten, die dorthin segeln, die Habgier sein, wenn weder die sonstigen zahlreichen Risiken noch diese eine ganz ungeheuerliche Gefahr sie von der Fahrt abschreckt und sie so, indem sie der Beute nachjagen, selber zur Beute werden!

Nun will ich auch vom Unsichtbaren etwas für meine These heranziehen. Durch was für eine gewaltige Zusammenmischung von Gegensätzlichem entsteht doch das erwünschte gemäßigte Klima! Zwischen welchen Gegensätzlichkeiten, die sich aufs äußerste bekämpfen, kommt man doch zur Tugend! durch welche Unterschiede, ja, Dissonanzen zur musikalischen Harmonie! Durchprüfe und durchlaufe im Geist alles, was da ist: Himmel, Erde, Meere! - ebenso wie hoch oben im Äther wird auf dem Meeresgrund und im Erdinnern der Rachen zum Wettkampf aufgerissen; in Wald und Feld und in den Sandwüsten herrscht ebenso wie in den Straßen der Städte ewiger Streit.

Um nun nicht durch die Mannigfaltigkeit des Stoffes vom eingeschlagenen Wege abzukommen, übergehe ich, daß schon unmittelbar bei Entstehung der Welt zwischen den Geistern des Äthers in der Himmelsfeste selber gekämpft worden ist, ein Kampf, der, wie man glaubt, noch heute in der Dunstschicht unserer Luft weitergeht“; ich übergehe auch, daß die bei jenem himmlischen Zusammenstoß besiegten Engel zwar den Siegern nicht mehr gewachsen, dafür aber bestrebt sind, an uns sterblichen Erdbewohnern ihre Rache zu nehmen, so daß sie uns seitdem einen nie endenden Krieg der verschiedensten Versuchungen - eine harte und mißliche Aufgabe! - bereitet haben; ich übergehe schließlich, daß - um alles Bewußtlose und Bewußte in einen Satz zu fassen - von dem (schon genannten) Himmelsgipfel bis zur untersten Erdmitte und vom Fürsten der Engel bis zum geringsten und niedersten Wurm ein unaufhörlicher und unversöhnlicher Kampf herrscht.

Zum Menschen selbst! - er, der Führer auf Erden und Lenker der Tiere, der, sollte man meinen, als einziger Maat am Steuer der Vernunft diese Lebensreise auf schäumender und stürmischer See voller Ruhe durchführen könnte; wie lebt er doch in ständigem Streit nicht nur mit anderen, sondern auch mit sich selber (wovon bald mehr!). Zunächst zum ersten Punkt! Gibt es doch nichts Böses, was nicht der Mensch gegen den Menschen veranstaltet, so daß alle sonstigen Übel, die den Menschen von überallher durch Natur oder Verhängnis befallen, mit dieser einen Quelle verglichen als verhältnismäßig geringfügige Nachteile erscheinen! Wollte ich da alles offenbaren - ich will es nicht, zumal es mich weit von meinem Vorhaben abführen würde - , so müßte ich die Szene aller menschlichen Handlungen aufdecken und die Geschichte aller Zeiten aufdröseln; darum sei es an dieser einen Feststellung genug! Hätte es auf der ganzen Erde niemals andere Kriege gegeben als die der Römer, so wäre das schon ein überreichliches Maß von Krieg und Streit. Nimm hinzu die Dissonanzen der Meinungen und die unentwirrbaren Verknotungen der Dinge selbst! Wer könnte die Spielarten der Sekten oder die Kriege der Philosophen vollständig aufzählen! Nach Schlachten zwischen Völkern, zwischen Königen ist auch schon Ruhe eingekehrt - die Philosophen geben keine Ruhe. Und während sonst der Kampf um das geht, was, sobald im Besitz des einen, jedenfalls nicht mehr im Besitz des anderen ist, streiten die Philosophen um die Wahrheit, die doch gleichzeitig allen gehören kann, und diesen Streit hat weder der gesuchten Wahrheit noch der akademischen Würde Glanz je zu beenden vermocht. Carneades bemühte sich zwar als Vermittler um philosophischen Frieden, aber man hörte so wenig auf ihn, daß ich den Scherz recht geistreich finde, den Annaeus Seneca dort macht, wo er die Uhren mit den Philosophen vergleicht': den Vergleichspunkt bietet das „Auseinandergehen“. Wie wahr das ist, hat jeder merken können, der schon einmal auf die Philosophen mit dem Geist und auf die Uhren mit dem Ohr geachtet hat. Aber in der Gelehrsamkeit anderer Fächer geht es nicht ruhiger zu: was besteht doch unter den Schriftgelehrten bis heute ein „immer noch schwebender Streit“! wie befehden sich die Rhetoren! was für Wortgefechte führen die Dialektiker! überhaupt was für Zwistigkeiten in allen Künsten! was für ein Gegeneinanderschreien der Anwälte! wie zuträglich das ist, beweist die unendlich lange Dauer der Prozesse. Von der Eintracht unter den Ärzten können die Patienten ein Liedchen singen; das Leben, von dem es ohnehin heißt, es sei so kurz, haben sie schon oft durch ihre Streitigkeiten vollends abgekürzt. Wie groß ist zudem die Entzweiung der Gemüter über das Heilige und die Religion! da geht es weniger um den Wortstreit von Literaten, vielmehr überläßt man da meist den Völkern den Kampf, damit sie ihn auf dem Schlachtfeld statt im Schulraum austragen. Wenn also trotz der Einheit der Wahrheit und trotz des überall nur Einen Wahren, mit dem, wie Aristoteles sagt, alles harmoniert, doch gerade bei diesem Thema die disharmonisch einander bekämpfenden Meinungen die Bekenner der Wahrheit erregen, was soll ich da erst zum gewöhnlichen Leben und Handeln der Sterblichen sagen?! Daß kaum zwei in einer Großstadt einig sind, beweist ja neben vielem anderen besonders die Mannigfaltigkeit der Häuser und der Kleidung. Denn wer wäre wohl je nach einem wohlhabenden und verwöhnten Vorbesitzer in den Besitz eines Hauses gekommen, ohne daß er das vom anderen mit Eifer Errichtete mit Wonne abgetragen hätte! Das bezeugen die öfters veränderten Fenster, die verrammelten Türen; und öffentlich zu sehen ist es an den frischen Narben in alten Wänden. Und nicht nur an fremden Häusern, sondern sogar im eigenen Haus erleben wir das, wenn im Besitzer selber Meinung gegen Meinung kämpft und er, wie Horaz es ausdrückt, „Einreißt, baut, umbaut aus quadratischer Form in die runde“ - ein sonnenklarer Beweis dafür, daß sich jeder von uns wie zu anderen so auch zu sich selber verhält. Ferner die Kleidermode: wer trägt wohl in unseren Städten drei Tage hintereinander das gleiche Kleid? Endlich: die Gemeindebeschlüsse - sie haben, um nur ja nicht langlebig zu sein, mit dem Tode derer, die sie beantragt hatten, ihre Geltung verloren. Ob man Heerführer beim Aufstellen von Truppen, Beamte beim Einbringen von Gesetzen, Schiffer auf See bei der Beschlußfassung betrachtet - welche Ungleichheit, ja, Uneinigkeit! Letzteres habe ich oft unter eigener großer Gefahr selbst erlebt: während Meer und Himmel Tod androhten, Nacht und Wolken vereint alles Land und sämtliche Gestirne verhüllten, das Schiff schon Risse bekam und halb überflutet war - wie da die Seeleute mitten in der höchsten Not und im Angesicht des Todes den Streit ihrer entgegengesetzten Neigungen und Meinungen mit größter Hartnäckigkeit betrieben. Nimm hinzu die Situationen, wo es Streit, aber keine Widersacher gibt! Was haben doch die Schreiber zu kämpfen mit Pergament, Tinte, Feder, Papier! die Schmiede mit den Hämmern, den Zangen, dem Amboß! die Pflüger mit dem Handgriff, mit der Pflugschar und auch mit den Erdschollen selbst und den Rindern! die Soldaten - vom Feind gar nicht zu reden! - mit den eigenen Pferden und Waffen, wenn die Tiere sich bäumen, die Rüstung zu schwer ist oder drückt! Was macht doch den Diktierenden und Schreibenden ihr Produkt zu schaffen: wer schreibt, der empfindet einen Zwang, noch vieles hinzuzusagen zu dem, was dasteht; wer diktiert, darf das, was fertig ist, nicht genießen, daran hindert ihn teils seine gerechte Strenge gegen sich selbst, teils sein rascher und unbeständiger Sinn, der immer schon weiterdenkt über das hinaus, was er gerade vorhat. Aber was gehe ich ins Detail! - keine Kunst, die mit Mechanismen zu tun hat, ist frei von je eigenen Schwierigkeiten.

In den übrigen Dingen aber ist außer dem Anteil merklichen Wohlgefühls doch auch viel verborgene Bitterkeit, und selbst das, was Vergnügen macht, spielt sich nicht ohne Streit ab. Schon das kleine Kind kämpft mit dem Hinfallen, das Schulkind hat seine liebe Not mit den Buchstaben, die auf so bittere Weise säen, was als Erntefrucht so köstlich schmeckt. Und dann erst die jungen Leute! - was haben die mit ihren Lüsten, nein, richtiger gesagt, mit sich selbst für Streit, was ist das für ein Gegeneinanderrasen der Gefühle! Mit den Lüsten besteht ja eigentlich kein Streit, sondern Übereinstimmung, aber die ist verhängnisvoller als aller Streit. Aus Erfahrung glaube ich, daß der Mensch in keiner Umgebung und keinem Lebensalter soviel Streit hat, vor so unlösbaren und mühseligen Problemen steht und, wie fröhlich er auch scheint, doch in Wahrheit so unglücklich und traurig ist. Endlich: wie schwer macht den Frauen die Entbindung zu schaffen, was sind das für Kindsnöte! Die Männer wiederum! - was haben die für Kämpfe mit der Armut und mit dem Ehrgeiz zu bestehen! Wie groß ist die Unruhe, mit der man sich im Leben mehr als nötig abängstigt! Und schließlich die Greise im Kampf gegen Alter und Krankheit, wenn der Tod näherrückt! und beschwerlicher als der Tod selbst ist der Kampf mit dem ewigen Schrecken, den der Tod verbreitet.

Ich könnte diese Erörterung noch durch tausend Sachargumente in die Länge ziehen. Aber wenn du (wie beim ersten Buch) auch hier den Brief anstelle einer Einleitung annehmen und als Teil dieses zweiten Buches gelten lassen willst, sehe ich nun, wie diese Vorrede ihr Maß innerhalb des Buches nachgerade überschreitet. Daher muß ich meinen Eifer zügeln und dem Schreibgriffel Einhalt gebieten. Alles in allem also: die Dinge insgesamt, besonders aber das ganze Menschenleben ist eine Art von „Streit“. Doch um von diesem äußeren Streit einmal abzusehen: ich habe ja schon (etwas weiter oben) den Streit erwähnt - o wäre er doch geringer und deswegen allen weniger bekannt! -, der innerlicher Art ist. Wie groß ist er doch! denn nicht gegen die fremde, sondern, wie ich schon sagte, gegen die eigene Art geht er, und nicht gegen ein anderes Individuum, sondern gegen einen selbst. Diesen Krieg führt jeder beständig sowohl im Bereich der Körperhülle, die der an Wert geringste und letzte Teil unser selbst ist, als auch im tiefsten Inneren der Seele. Denn wie unser Leib sich mit dem einander Entgegengesetzten plagt und welche Not er mit seinen Säften hat, das erfrage vom „Physikus“! Wie aber die Seele infolge der verschiedensten widrigen Affekte mit sich kämpft, darüber muß jeder einzelne keinen anderen als sich selbst befragen und sich selbst auch die Antwort geben. Wie wird doch der Geist durch so mannigfache und gegen ihn selbst zurückschnellende Antriebe bald hierhin, bald dorthin gerissen! Nirgends ist er ganz, nirgends einheitlich; mit sich selbst ist er zerfallen, sich selbst zerreißt er. Denn (um von den übrigen Gemütsbewegungen zu schweigen): wollen, nicht wollen, lieben, hassen, schmeicheln, drohen, höhnen, täuschen, erdichten, scherzen, weinen, bemitleiden, schonen, zürnen, sich versöhnen lassen, straucheln, sich umwerfen lassen, gehobenen Mutes sein, schwanken, stehenbleiben, voranschreiten, zurückgehen, beginnen, aufhören, zweifeln, irren, nicht wissen, lernen, vergessen, sich erinnern, beneiden, verachten, hochmütig sein, herabblicken, aber auch aufblicken und dergleichen - was läßt sich wohl Ungewisseres ausdenken als all' dies, wodurch das menschliche Leben ohne jedes Ausruhen von Anbeginn bis zum Ende hin- und herwogt! Was ist es denn mit der stürmischen Wut der vier Leidenschaften: Hoffnung (oder Begierde), Freude, Furcht und Schmerz, die zwischen den Riffen der Wirklichkeit weit vom Hafen mit abwechselndem Blasen die Seele heftig erregen! Das haben Dichter verschieden ausgedrückt, aber in einen einzigen kleinen, nicht einmal vollständigen Vers von (wie Augustinus sagt) allbekannter Wahrheit hat es Vergil zusammengedrängt. Es sind Dinge, die sich, wie ich wohl weiß, so oder so, in längerer und in kürzerer Ausführung sagen lassen. Ich selbst habe mich weder um Knappheit noch um Fülle besonders bemüht, vielmehr Fragen aus dem allgemeinen Menschenleben in der Ordnung, wie sie sich mir ergaben, in schriftliche Form gebracht, um den Leser weder durch Dürftigkeit noch durch Übersättigung zu ermüden. Laß dich aber nicht dadurch beirren, daß der Name „Fortuna“ nicht nur in den Überschriften, sondern auch im Werk selbst wiederholt vorkommt! Oft hast du von mir gehört, was ich über „Fortuna“ denke. Da ich aber besonders an das für weniger geschulte Leser Erforderliche vorausdachte, habe ich die ihnen bekannte und allgemein geläufige Vokabel verwendet, wobei ich mir bewußt bleibe, wie hierüber ausführlich von anderen, am kürzesten von Hieronymus gehandelt wird dort, wo er, statt von „Fatum“ oder „Fortuna“ zu reden, sagt: „Demnach soll die Aufmerksamkeit des gewöhnlichen Lesers hier den eigenen Sprachgebrauch wiedererkennen.“ Die Gelehrten aber, die ja sehr selten sind, werden verstehen, was ich meine, und sich nicht durch eine volkstümliche Benennung stören lassen. In meinem zweiteiligen Werk über Leidenschaften und Fortuna habe ich im ersten Teil über das Glück bereits gesagt, was ich denke, und werde nun im zweiten Teil über das Unglück das, was mir dazu richtig erscheint, sagen.


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