Heilung von beiderlei Glück - Francesco Petrarca

2.35. Vom Neide

Schmerz: Ich werde von vielen beneidet.

Vernunft: Es ist besser, beneidenswert zu sein als erbarmungswürdig.

Schmerz: Vom Neide meiner Rivalen werde ich heimgesucht.

Vernunft: Und welcher Freund der Tugend war je von dieser Heimsuchung frei? Durchlaufe im Geiste alle Länder, alle Jahrhunderte, wälze alle Geschichtsbücher! - einen gegen diese Pest immunen Mann wirst du kaum finden. Ich will jetzt nicht in eine Erzählung eintreten, die uns allzuweit vom Thema abführen würde; aber wenn dir noch etwas erinnerlich ist von alldem, was du gelesen hast, können dir sehr, sehr viele nicht unbekannt sein, deren Gesellschaft nicht nur dein Trost, sondern sogar dein Stolz sein könnte.

Schmerz: Man beneidet mich.

Vernunft: So laß ab von Ehren und öffentlichen Ämtern, hör auf damit, wegen aufgeblasenen Einherschreitens und hochmütigen Gefolges bei den Mitbürgern im Geflüster zu sein! Trenne deine Person so sehr wie möglich von den Augen der Neider, gib nicht in Mienen, nicht in Worten, nicht in der Kleidung Anlaß dazu, daß man mit Fingern auf dich zeigt! Pöbel und Mißgunst wohnen auf der Straße, so auch fast alle Übel. Gewisse Feinde werden auf keine Weise besser besiegt als durch Flucht und Versteck.

Schmerz: Auch wenn ich flüchte und mich verstecke, verfolgt mich die Mißgunst.

Vernunft: Nimm dem Übel den Zündstoff, so hast du alles Übel beseitigt! Setze dem übergroßen Aufwand ein Maß! Alles, was allzusehr in die Augen springt und dadurch die Gemüter erhitzen kann, wirf entweder weg oder verbirg es! Gibt es etwas, was du nicht entbehren kannst oder willst, so mache davon einen maßvollen Gebrauch! Neid, den Überheblichkeit erbittert, - Bescheidenheit beschwichtigt ihn. Es gibt auch Radikalmittel gegen ihn, nur sind sie zwar wirksam, aber schlimmer als die Krankheit selbst, nämlich erbärmliche Lage und, zweitens, schandbares Leben. Erbärmliche Lage, weil - wie schon gesagt - „erbarmungswürdig“, erregt als einziger Zustand keinen Neid. Über den zweiten Punkt gibt es von Sokrates eine Antwort an Alkibiades auf dessen Frage, mit welchen Mitteln er dem Neid die Spitze abbrechen könnte: „Lebe wie Thersites!“ (solltest du dessen Leben nicht kennen, so lies in Homers Ilias nach!). Nein, das ist ja kein „Rat“: die Tüchtigkeit zu vermeiden, um den Neid zu vermeiden. Das war eine ironische und echt sokratische Antwort. Lieber ein beneideter Achilles sein als ein unbeneideter Thersites! Allerdings steht fest, daß große Männer manchmal, um in Ruhe zu leben, Tüchtigkeit und Geist, je nach der Zeit, verborgen haben.

Schmerz: Viele beneiden mich.

Vernunft: Dem Neid wirst du außer durch Feigheit oder Elend kaum entgehen; bist du ihm aber so entgangen, - dann wirst du der Verachtung anheimfallen. Beides: weder beneidet noch verachtet zu werden, ist sehr schwer.

Schmerz: Der Neid vieler bedrückt mich.

Vernunft: Es gibt - so habe ich mir sagen lassen - , um den Neid zu zerstampfen, noch einen anderen Weg: er führt über herausragenden Ruhm; aber da sind die Markierungen so überaus selten, daß mehr als einer, der auf diesem Pfade wandelt, dorthin, wovor er flieht, zurückgleitet.

Petrarcameister - Vom Neide

Der vielköpfige Drache konnte nach mittelalterlicher Vorstellung sowohl durch seine Umschlingung als auch durch seinen giftigen Hauch den Tod bringen. Der Petrarca-Meister wählt ihn als Allegorie des Neides. Links stellt er ein in der Umringelung schon ersticktes Opfer dar, einen König, dem Krone und Zepter bereits entfallen sind, rechts einen Herzog, der sich noch sicher wähnt, den aber der verderbenbringende Anhauch des Untiers im nächsten Augenblick fällen wird.

2.88. Vom lästigen Gefeiertwerden des eigenen Namens

Schmerz: Ich werde mehr gefeiert und bin bekannter, als ich möchte.

Vernunft: Verachtest du denn das, was sie alle sich gewünscht haben: Heerführer und Fürsten, Philosophen und Dichter? worauf sonst laufen denn soviel Mühen, so große Kriege und Studien hinaus? Und auch den hervorragenden Künstlern geht es um nichts Anderes. Klar bringt Phidias das zum Ausdruck in seinem Athena-Standbild, demjenigen unter allen von Menschenhand geschaffenen Werken, das ich an erste oder doch mit an erste Stelle setzen würde. Nur weil ihm sein Namenszug verwehrt worden war, hat er sein Antlitz dem Schild der Statue so eingemeißelt, daß es sowohl von allen erkannt wurde als auch, es sei denn um den Preis der Zerstörung des ganzen Werkes, durch keinen Trick gewaltsam entfernt werden konnte - so sehr wünschte er sich das als Belohnung seiner Arbeit. Würde einer behaupten, nicht an ihren Ruf, sondern ans Geld dächten die Künstler, so könnte ich das für die gewöhnlichen vielleicht zugeben, für die überragenden müßte ich es bestreiten. Viele Anzeichen hierfür gibt es: so sehr beharren sie oft mit Zeitverlust, ja, sogar zum eigenen Schaden bei ihrem Werk; und damit ihr Ruf keinen Abbruch erleide, verschmähen sie oft den Gewinn. Am stärksten bewiesen hat dies die edle Beständigkeit jener vier Künstler (des Altertums): sie waren für das hochberühmte Werk, das Artemisia, die Königin von Karien, zum Gedenken an ihren vielgeliebten Gatten errichten ließ, zwar mit dem hohen Preis geworben worden, haben aber, als vor der Vollendung des Werkes die Königin selbst, von der der Preis für das Werk erwartet wurde, gestorben war, es trotzdem beharrlich und einmütig zu Ende geführt - sie hatten eben nur noch ihre eigene Künstlerwürde und die Erinnerung an ihre Tat im Sinn. Ebenso ersehnen alle Menschen Ansehen und guten Ruf - und du als einziger willst dafür nicht einmal mit ein wenig Unannehmlichkeit zahlen?

Schmerz: Nun ja, bei den Nachkommen möchte auch ich gern berühmt sein, bei den Zeitgenossen aber gar nicht gern.

Vernunft: Wie das? meinst du, weil dies größer und darum seltener und schwieriger ist und dadurch gehemmt, daß der Neid es ist, der bei Lebzeiten den Ruhm stört?

Schmerz: Ja, weil in Abwesenheit der Ruhm ungemischt ist, ohne daß einer dagegen lärmt oder angeht, unter Zeitgenossen aber gibt es Widerspruch und Mühsal, denn „Groß sind Mühe und Wacht, den großen Namen zu schützen“, wie jemand recht hübsch sagt.

Vernunft: Allzu zimperlich oder lässig ist, wer ohne Mühe etwas Großes für sich erhofft, wo doch schon Kleinstes so viele Mühen kostet.

Schmerz: Ich scheue ja nicht die Mühen, sondern die Belästigungen. Denn wer soll das aushalten, ständig besucht, belagert, verlangt, aufgescheucht zu werden und, statt sich ums Eigene zu kümmern, ganze Tage und einen großen Teil des Lebens anderen zu geben? Was für dich selber nötig ist, sollst du hintanstellen und fremdem Vergnügen dienen! - hätte dies Übel gleich anfangs platzgegriffen, so wäre es niemals zu ebendiesem Ruhm, der mich quält, gekommen, aber auch jetzt noch ist es lästig genug, um herrliche Ansätze und vortreffliche Beschäftigungen des Geistes zu behindern.

Vernunft: Daß es so ist, leugne ich nicht; es ist freilich hart, aber immerhin erträglich, ebenso neiderregend wie wünschenswert, im übrigen aber, wie auch immer du darüber urteilen magst, beinahe unvermeidlich. Denn wohin soll man ausweichen, es sei denn in den Hochmut oder in die Feigheit? Hochmut wird auch jedes sittlich berechtigte Verlangen solcher, die dich aufsuchen wollen, verscheuchen, Feigheit es vollends ersticken. Ist sonst die Flucht aus den Städten ein Heilmittel, so wird im Falle echter Berühmtheit die Flucht nicht ausreichen. Berühmtheit folgt ihrem Besitzer, wohin er auch weiterzieht, und überall, wo er sich niederläßt, wird sie bei ihm sein; nicht einmal auf dem Lande oder in Wäldern - nie wird einer aufhören, berühmt zu sein, der in den Städten berühmt gewesen ist. Der Glanz des Ruhmes läßt sich nicht verbergen, er leuchtet aus Finsternissen hervor und zieht Augen und Herzen an. Hast du nicht gehört, daß der hochberühmte alte Brahmane Dandanus vom Makedonen Alexander bis in die letzten Einöden Indiens' und der Kyniker Diogenes vom selben König bis zu seiner Tonne, die ihm als rollende Herberge diente, aufgesucht worden ist? Oder wie bis zum verfallenen und öde gelegenen Landhäuschen in Liternum Räuber dem Scipio Africanus nachsetzten, die sich einzig durch die Verehrung für die Größe seines Charakters versöhnen ließen? und wie demselben Mann sogar Anführer seiner Feinde übers Meer gefolgt sind? Oder wie man zu Titus Livius vom äußersten Ende Galliens und aus den fernsten Ecken Spaniens bis in die Stadt Rom kam? Und schließlich auch, wie heilige Väter in den innersten und abschreckendsten Schlupfwinkeln der Wüste von römischen Kaisern aufgesucht worden sind? Ganz zu schweigen von Salomo!'' Aber welcher berühmte Mann hätte je durch solche Besuche glänzen wollen? Seine Freunde und Bekannten erfreuen sich am Wechselgespräch und gemeinsamen Plaudern; Unbekannt aber erquickt sein bloßer Anblick. Es hat nämlich die Gegenwart berühmter Männer etwas Wohltuendes, was nur der spürt, der es selber genießt; das solltest du nicht „mühselig“ nennen - arbeitsreich ist es, das gebe ich zu, aber auch ruhmreich.

Schmerz: Mein gefeierter Name reibt mich auf.

Vernunft: Willst du ihn wegwerfen, dann mußt du auch deinen persönlichen Wert wegwerfen, denn aus dieser Wurzel stammt er. Scheust du davor mit Recht zurück, so ist es notwendig, diese Last mit Gleichmut zu tragen. Viele erstreben sie vergeblich mit allem ihrem Studium, ja, mit Einsatz des Lebens, und auch du hast das vielleicht getan. Laß dich anschaun von denen, die das nicht wünschen würden, wenn sie dich und deinen Namen nicht liebten!

Schmerz: Viele kommen von überallher, um mich bis zum lästigen Überdruß zu verherrlichen.

Vernunft: Und du? möchtest du lieber verachtet und verworfen werden?

Schmerz: Unzählige ehren mich bis zum Überdruß.

Vernunft: DU aber solltest Gottes Geschenk anerkennen. Er ist es, der dich ehrt, damit es dich erfreue, Ihn zu ehren, und dich gereue, Ihn nicht geehrt zu haben. Jede Ehre und überhaupt alles Gute, was dem Menschen vom Menschen geschieht, ist von Gott.

Schmerz: Eine höchst lästige Sache ist die Ehre und der unmäßig häufige Besuch.

Vernunft: Auch dies gebe ich zu, aber sehr süß sind die Wurzeln dieser Belästigung: die Liebe und die Verehrung. Wenn du deinen Geist daran seinen Geschmack erproben läßt, wird Wohlgeschmack bekommen, was lästig fällt. Lindere Bitteres durch Süßes! - nicht hierin allein, sondern in allem, was das gegenwärtige Leben bringt, wo du nicht leicht Honig finden kannst, dem nicht Galle beigemischt wäre, ja, wo öfters das Bittere überwiegt.

Schmerz: Das Übermaß an Berühmtheit überanstrengt mich.

Vernunft: Oft ereignet sich das, was uns vom „Gottkaiser“ Vespasian bekannt ist: er beklagte sich über seinen Triumph, es verdroß ihn, auf die feierlichen Vorbeimärsche zu warten, und er schalt sich selbst, weil er keinen solchen Triumph, wie er seinen und seiner Vorfahren Ansprüchen oder Hoffnungen entsprochen hätte, sondern einen leeren Alterstriumph erstrebt habe. Wie wenig man Berühmtheit um ihrer selbst willen auch wünschen soll - man soll sie doch ertragen und lieben! Ihre Ursachen sind Tüchtigkeit und Fleiß - und denen darf man nichts am Zeuge flicken, nur um von ihr loszukommen. Um vieles mehr ist ruhmvolle Arbeit zu wünschen als träge Ruhe.

Schmerz: Die Leute, die mich auf der Straße begrüßen, sind mir ein Ärgernis.

Vernunft: Einen, der diesen Ekel mit dir teilt, hast du in dem Philosophen Crispus, überhaupt in jedem, nur nicht in denen, die - mit Vergil zu reden - „am Volksgesäusel sich freuen“. Crispus ist nur besonders bekannt für diese Klage, wohl deswegen, glaub' ich, weil diesen äußerst scharfsinnigen Mann (das soll er gewesen sein), der seinen eigenen Studien mit größter Energie nachging, die häufige unvorhergesehene Begrüßung immerfort störte und, wie er selber sagt, „dem Tode näherbrachte“. Da gibt es aber nichts zu klagen; was du dir wünschtest, ist eingetreten, du wolltest ja bekannt beim Volke werden, sonst würden dir nicht so viele Leute, die du begrüßen mußt, über den Weg laufen. Du konntest verborgen bleiben, konntest Ruhe haben, konntest es dir (wie man so sagt) „im Schöße der Familie“ Wohlsein lassen, was manche als die beste Lebensform definieren. Aber ihr wollt in den großen Städten bekannt und berühmt sein und doch zugleich Muße haben und frei sein und in Ruhe gelassen werden. Das ist gerade so, als wünschte man sich den Ozean im Sturm schön glatt. Und schließlich dürfte es falscher Stolz sein, die Stimmen anhänglicher Freunde nicht mit Gleichmut ertragen zu können, wo man doch die Beschimpfungen der Feinde ertragen muß.

Petrarcameister - Vom lästigen Gefeiertwerden des eigenen Namens

Daß niemand einen durch Leistung erworbenen Ruhm zunichte machen kann, zeigt der Meister zweimal: im Vordergrund an dem Mann, der ein Licht vergeblich unter einen zu kleinen Scheffel stellt, oben im Hintergrund an dem lächerlichen Versuch eines Mannes, der Kirchtürme durch ein Löschhütchen verdecken will. Daß es auf das Werk, nicht aber auf die Person seines Schöpfers ankomme, veranschaulicht rechts auf dem Katheder der Autor, der mit dem Lichtschirm sein Gesicht verdeckt und nur die vor ihm liegende Schrift den Blicken freigibt.

2.93. Von Traurigkeit und Elend

Schmerz: Ich bin traurig.

Vernunft: Es kommt darauf an, aus welchem Grunde du traurig oder fröhlich bist. Für ein Mittelding nämlich würde ich das - wie vieles andere - erklären, was bei leichter Schwankung zum guten wie auch zum Schlimmen ausschlagen kann. So ist die Traurigkeit über die eigene Sünde freilich von Nutzen, nur darf sie nicht der sich einschleichenden Verzweiflung heimlich Vorschub leisten. Hingegen ist die Freude über die eigene Tugend beim Zurückdenken an gute Werke wohl etwas Schönes, nur darf sie dem sieh aufdrängenden Hochmut nicht die Türen öffnen. Soviel vorweg von den Gründen dieser Gefühle - Tadel könnte da das Lob verdrängen -; nun denke du darüber nach, weswegen du traurig bist!

Schmerz: Über das Elend dieses Lebens bin ich betrübt.

Vernunft: So möge dich die Glückseligkeit jenes anderen Lebens froh machen! Denn selbst bei allertiefstem Elend kann dies Leben nicht so elend sein, wie jenes glückselig ist.

Schmerz: Ich bin betrübt.

Vernunft: Dieses Übel hat soviel Wurzeln, wie es Fälle gibt, für die ihr den Sammelnamen „Unglück“ habt. Darüber habe ich schon vieles gesagt, und da ich dich zu Klagen geneigt sehe, muß ich auch jetzt noch vieles sagen. Es gibt, auch wenn keinerlei offensichtlicher Grund vorliegt, wenn weder Krankheit noch Verlust, weder Unrecht noch Schande noch Irrungen ihr Wesen treiben und schlechterdings über nichts dergleichen auch nur ein unerwartetes Gerücht umläuft, dennoch eine Art „Lust am Schmerz“, die die Seele traurig macht. Eine Seuche ist um so unheilvoller, je größer die Unkenntnis ihrer Ursache und somit die Schwierigkeit ihrer Behandlung ist. Daher muß man dieser „Klippe“ der Seele mit Hilfe aller Segel (wie man zu sagen pflegt) und aller Ruder ausweichen, meint Cicero, dem ich hierin wie in vielem zustimme.

Schmerz: Der Gedanke an das gegenwärtige Elend betrübt mich.

Vernunft: Das Elend der „menschlichen Situation“ ist groß und vielfältig, das bestreite ich nicht, und manche haben es schon in ganzen Bänden bejammert. Aber blick' auch in die andere Richtung, und du wirst gleichfalls vieles sehen, was das Leben glücklich und angenehm macht. Allerdings hat hierüber, soviel ich weiß, bisher noch niemand geschrieben, höchstens haben einige es zwar in Angriff genommen, aber wieder aufgegeben, weil sie einsahen, daß ein so schwieriges Unternehmen vom Schriftsteller Beständigkeit verlangt und sie damit an eine weit weniger ergiebige, vergleichsweise undankbare Materie geraten waren insofern, als das menschliche Elend in seiner Fülle geradezu in die Augen springt, das Glück aber so klein und verborgen ist, daß man mit dem Schreibgriffel schon tiefer graben muß, um es denen zeigen zu können, die nicht daran glauben. Um zunächst aus vielem die Summe zu ziehen: habt ihr denn so wenig Grund zur Freude? da ist jenes Bildgleichnis Gottes, des Schöpfers, im Innern der menschlichen Seele; da sind Talent, Gedächtnis, Voraussicht, beredter Ausdruck, so viele Erfindungen, so viele Künste, die, teils dem Geist, teils dem Körper behilflich, infolge göttlicher Wohltat alle eure Bedürfnisse umfassen! ferner: soviel Gunst der Umstände und der Bedürfnisbefriedigungen, dazu die ganze Mannigfaltigkeit der Dinge, die euch nicht nur der Notdurft wegen, sondern auch zur Ergötzung dienen und das auf wunderbare und unaussprechliche Weisen! all' die Kraft der Wurzeln, all' die Kräutersäfte, die ganze bunte Pracht der Blumen! m so vielen Gerüchen, Farben, Geschmäcken, Tönen die aus Gegensätzen hervorgegangene Harmonie! so viele Lebewesen am Himmel, auf der Erde, im Meer, die nur zu eurem Gebrauch bestimmt sind und um einzig dem Menschen zu gehorchen erschaffen wurden! Wäret ihr nämlich nicht aus eigenem Antrieb unter das Joch der Sünde gegangen, so hättet ihr die Herrschaft über alles unter dem Himmel.

Nimm hinzu die Aussichten von den Hügeln, das Sichsonnen in den Tälern, die schattigen Wälder, die frostkalten Alpen und die warmen Küsten! Dazu so viele sprudelnde Heilbrunnen, all' die schwefelhaltigen und rauchenden, die schimmernden und kalten Quellen, die in und um das Land sich ergießenden Fjorde und Meerbusen und all' die Ströme, die in ständiger Bewegung sind und doch kraft ihrer unverrückbaren Beständigkeit die sichersten Reichsgrenzen bilden! Dazu Seen in der Art von Binnenmeeren und stehende Gewässer und Bäche, die zwischen Gebirgsketten herabstürzen und blumenreiche Ufer und, mit Vergil zu reden, „Schwellendes Uferland und frischdurchrieselte Wiesen“. Und wie schäumt am umbrausten Gestade die Brandung gegen die Felsen! was gibt es für taufrische Grotten, für weizenblonde Felder, für knospentreibende Weingärten! und wieviel Annehmlichkeiten in den Städten, Muße auf dem Land und Freiheit zum Alleinsein! Und dann: aller Schauspiele lichtestes und erhabenstes - am bestirnten Himmel der Umlauf, der in unbegreiflicher Geschwindigkeit abrollt mit seinen Fix- und Irrsternen, wie ihr sie nennt, oder eigentlich Wandelsternen, allen voran Sonne und Mond, „die herrlichsten Lichter im Weltall“ (Vergil) oder „die leuchtende Zierde des Himmels“ (Horaz) ; von ihnen stammen die Früchte des Bodens, die strotzende Kraft der Lebewesen, der Wechsel des Wetters; nach ihnen messen wir das Jahr, die Monate, die Tage und Nächte und Minuten - Einteilungen, ohne die das Leben ekler Öde anheimfiele.

Hierzu kommt: unser Leib, der sich, mag er auch hinfällig und zerbrechlich sein, doch dem Auge souverän darbietet und heiter und in aufrechter Haltung, die ihn zur Himmelsbetrachtung befähigt. Dazu: die Unsterblichkeit der Seele und ihr Weg zum Himmel hinauf als unschätzbarer Lohn um geringen Preis (das habe ich bewußt ans Ende verschoben, weil es so groß war, daß ich es nicht aus eigener Kraft, sondern nur unter Anleitung des Glaubens zu erfassen vermochte) und die Hoffnung auf die Auferstehung der Seele und unser Leib selber nach seinem Untergang: tätig, licht, unverletzlich, in der vollen Glorie des Auferstehens. Und, was hoch überlegen nicht nur jeglicher Menschen-, sondern auch Engelswürde ist: die Menschheit selber, der Gottheit so verbunden, daß er, der da Gott war, zum Menschen wurde und, indem er, derselbe an Zahl Eine, zwei Naturen vollkommen in sich vereinigte, eben damit anhub, Gott und Mensch zu sein, um menschgeworden, den Menschen zum Gott zu machen. Unaussprechliche Gnade und Demut Gottes, höchste Seligkeit und Glorie des Menschen, tiefes und allerwege verborgenes Mysterium, wunderbarer und heilsamer Verkehr, an den vielleicht eine himmlische, aber gewiß keine sterbliche Sprache heranreicht! Kann dir, und wär's auch nur durch dieses Eine, die „menschliche Situation“ zu wenig ausgezeichnet, zu wenig vom Elend gereinigt erscheinen? oder - ich bitte dich! - was konnte der Mensch Höheres, soll ich sagen erhoffen? nein, wünschen, nein, denken als: Gott zu sein! - und siehe, er ist nun Gott! Was bleibt nun noch - ich bitte dich! -, wozu eure Wünsche aufseufzen könnten? ist denn da noch ein Rest, den du entdecken, ja, auch nur ausdenken möchtest? Hat doch die Gottheit, als sie sich zu eurem Heil hinneigte, nicht etwa - obwohl sie es konnte! - einen anderen Leib als den menschlichen samt der menschlichen Seele angenommen; nicht einer engelhaften, sondern der menschlichen Art wollte sie eingereiht werden, damit du so die Tiefe der Liebe, mit der dein Herr dich liebt, erfassen und dich daran erfreuen mögest. So nämlich hat er, wie Augustinus es vortrefflich ausdrückt, uns fleischlichen Wesen, die wir nicht mit dem Geist die Tugend zu schauen vermögen, sondern auf die körperlichen Sinne angewiesen sind, anschaulich gezeigt, was für einen erhabenen Platz unter den Geschöpfen die menschliche Natur einnimmt. Und wie hat doch ebenderselbe euch, die er durch diese seine wunderwirkende Hochschätzung sogar den Engeln vorgezogen hatte, gerade die Engel zu Wächtern bestellt, um auf alle Weise euren Vorrang unter den Geschöpfen zu beweisen! Hieronymus jedenfalls erklärt die Würde der Seelen für so groß, daß jeder einzelnen von der Entstehung an ihr eigener Schutzengel zugeteilt sei. Väterlich fürwahr und mehr als väterlich ist Gottes Sorge um euch, so daß ich mit leichter Veränderung des Satirikerwortes sagen möchte: „Wahrlich, Ihm ist der Mensch lieber als dieser sich selbst.“ Wo bleibt da noch Raum für Traurigkeit oder Klage? Nicht eure Natur also, sondern eure Schuld macht euch betrübt und beschwerdeführend.

Schmerz: Betrübt machen mich die Gemeinheit der Menschenentstehung, die Gebrechlichkeit der Menschennatur, die Entbehrung, der Mangel, das harte Los, die Kürze des Lebens, die Ungewißheit übers Ende.

Vernunft: Du holst mit Eifer vieles zusammen, um betrübt zu sein, statt daß du beharrlich suchst, in schöner Freude zu frohlokken. Ich kenne diese Art: voll Gier versenkt ihr euch in eure Übel. Drum was die Gemeinheit des Ursprungs angeht oder die Schmutzigkeit des Leibes - was dazu alles von den Köpfen gewisser Leute angehäuft wurde, das wird weggewischt nicht nur durch den Hinweis auf jene Auferstehung, die der wahre Glaube der Sterblichen erhofft und in der zugleich der Leib die Auszeichnung erfährt, verklärt zu werden, sondern es verliert an Gewicht auch durch einen schon gegenwärtigen holden Reiz und eine unter allen Werken der göttlichen Hand ganz einzige Hoheit des Menschen. Was nimmt die Unsauberkeit der Entstehung denn weg von der menschlichen Würde? Kommen nicht aus schmutziger Wurzel schlanke, belaubte Bäume und decken den moosigen Boden mit wohltuendem Schatten? Werden nicht aus schmutzigstem Dung lachende Saaten? Nun, gerade sowenig verschmäht wird der ganz gemeine Ursprung des Besten, was es gibt. Ihr seid die Saaten Gottes, die in der Tenne des Gerichts geschwenkt, in der Scheune des höchsten Hausvaters aufbewahrt werden sollen. Mag der Ursprung irdisch sein, wie er es freilich trotz des edlen und himmlischen Anteils vom Vater her ist, mag also die Entstehung sein, wie sie will, und der Fortschritt noch so schwierig - der letzte Sitz ist doch der Himmel!

Und wie steht es um die Nacktheit und Schwäche des Körpers und das schwere Notleiden an vielen Dingen, womit man der „menschlichen Situation“ einen schlechten Ruf macht? Springen da nicht mannigfache Künste mit vielfältigen Heilmitteln hilfreich ein, so daß man es eher zu des Menschen Ruhm als zu seinem Elend rechnen kann, wenn Mutter Natur zwar alle übrigen Lebewesen, denen die Vernunft ja fehlt, dafür mit besonders derber Haut und Krallen und zottigem Fell ausgerüstet, dem Menschen aber den Verstand, den einzigen Allesentdecker, zugewiesen hat? Die Tiere sollten eben durch äußerlichen, der Mensch aber durch eigenen innerlichen Schutz gesichert sein; und während alles Übrige das besitzen durfte, was ihm bei der Geburt zugefallen war, aber mehr auch nicht, sollte er als einziges Wesen soviel haben, wie er im Laufe seines Lebens und Nachdenkens mit scharfsinnigem Geist erreichen könnte. So verfährt auch ein Herr, wenn er gelegentlich etwas besonders Feines spendiert, mit seinen Knechten und Hirten: er teilt an jeden seine Essensportion aus - nicht aber an Weib und Kind, denn vom Gesinde soll jeder nur gerade sein Teil bekommen, von der Familie aber mag jeder, ganz wie er es verträgt, mehr oder weniger genießen; in dieser Weise wird den einen der Zügel, den anderen die Freiheit verordnet. Auch gibt es für Tiere, die - welch' Anblick! - durch Alter oder Räude haarlos geworden oder augenleidend oder fußlahm sind, kein Heilmittel, es sei denn der Mensch bringt es ihnen. Der Mensch aber, von sich aus nackt, kommt durch seinen Geist zu Kleidung und Schmuck und, wenn es sein muß, auch zu Rüstung. Ist er lahm oder entkräftet, so hat er Pferd, Schiff oder Wagen zur Beförderung, oder er stützt sich auf den helfenden Stock. Überhaupt hilft und hebt er sich auf allerlei Weisen; er hat sogar gelernt, sich nach Verlust von Gliedmaßen Füße aus Holz, Hände aus Eisen, Nasen aus Wachs herzustellen und so den Unfällen zu begegnen. Die nachlassende Gesundheit richtet er mit Arzneien auf, den ermattenden Gaumen erregt er durch Wohlgeschmack, die schwächer werdende Sehkraft unterstützt er durch Augengläser (darüber habt ihr schärfer nachgedacht als eure Vorfahren, die hierfür, Seneca zufolge, wassergefüllte Gläschen benutzten''). Die Natur treibt da fast ein ergötzliches Spiel mit euch, wie eine liebevoll neckende Mutter, die ihrem Sohn etwas mit der einen Hand entreißt, ihm aber mit der anderen etwas dafür wiedergibt und ihn so in der Betrübnis, die sie ihm verursacht hatte, doch auch tröstet.

Und nun dies noch: Pferd, Rind, Elefant, Kamel, Löwe, Tiger, Panther und ähnliche Tiere, wie gewaltig auch an Kräften, - wenn sie altern, werden sie verachtet, wenn sie verendet sind, ist es aus mit ihnen, sie weichen dem Alter, erliegen dem Tod. Den Menschen allein, dem als einzig ihm, dem Menschen eigene Gabe die Tugend wurde, macht das Alter ehrwürdig, der Tod ruhmreich und glückselig, indem er ihn verwandelt, nicht aber auslöscht. Alles zusammengenommen: manche Lebewesen sind stärker als der Mensch, manche schneller, manche haben schärfere Sinne, aber an Würde überragt ihn keines; es gibt keines, auf das der Schöpfer die gleiche Sorgfalt verwendet hätte. Er hat dem Menschenkopf die sphärische Rundung verliehen, ein Abbild des Gestirnekreislaufs, und, „Während die Erde gebückt ansehn die andern Geschöpfe, Gab er erhabnes Gesicht dem Menschen und ließ ihn den Himmel Schauen und richten empor zu den Sternen gewendet das Antlitz“, wie Ovid so schön sagt, mag er es auch von Cicero haben. Er gab ihm die Augen, gab ihm die Stirn, wo die Geheimnisse der Seele aufleuchten sollten, gab ihm Weinen und Lachen als Zeichen verborgener Gefühle, woraus freilich irgend jemand ein Argument für das Elend herholt, weil das Weinen vorschnell, das Lachen spät kommt, denn der Mensch weint gleich nach der Geburt, lacht aber nicht vor dem vierzigsten Tag. Aber das erweist ihn wohl am stärksten als ein kluges Lebewesen, welches das Kommende vorausweiß - abgesehen vom Ende, das ich, wenn die Tugend regiert hat, für glücklich erkläre -, nämlich den schwierigen Eintritt in die Rennbahn mit den nahe bevorstehenden Anstrengungen.

Schließlich ist alles, was andere Wesen an Kraft, Schnelligkeit, Angepaßtheit, Bequemlichkeit haben, ganz und gar dem Menschen Untertan. Er zwingt die unbändigen Stiere unters Joch, die wilden Rosse unter den Zügel. Mag der Bär durch Klauen, der Eber durch Hauer, der Hirsch durch Hörner Furcht erregen - er hat aus ihnen die Zierde seiner Tafel gemacht. Luchse, Füchse und unendlich viel solches nicht eßbare Getier hat er sich zum Gebrauch von Haut und Fell vorbehalten. Mit Netzen hat er die Meere, mit Hunden die Wälder, mit Zuchtvögeln den Himmel durchmustert; und Wesen, die dem Menschen keinen Handelsgewinn boten, hat er dazu abgerichtet, menschliche Stimmen zu verstehen und menschlichen Winken zu gehorchen. So hat er sich aus jedem Teil der Natur etwas verschafft. Du hast nicht die Kraft des Ochsen - aber der Ochse ist dein. Du hast nicht die Schnelligkeit des Pferdes - aber das Pferd rennt für dich. Du kannst nicht fliegen wie Herodius - aber Herodius fliegt für dich. Du hast nicht die Masse des Elefanten oder des Kamels, aber der eine befördert dir den Turm, das andere die Last. Du hast nicht die Lederhaut des Hirsches, nicht das Fell des Lamms oder des Füchsleins, aber was sie haben, besitzen sie in deinem Namen. Gebührt also nicht denen, die euch den Mangel an alledem vorhalten, die geistvolle Antwort, die ein römischer Heerführer gab: „Das alles will der Mensch gar nicht für sich, wohl aber will er denen, die es haben, befehlen!“? Dies wollte ich in aller Kürze, teils philosophisch, teils christlich argumentierend, sagen.

Um aber (erstens) die „Betrübnis der Seele“ - so nennen es die Philosophen - zu vertreiben und (zweitens) die Seelenruhe zurückzubringen, wird es von Nutzen sein zu wissen, was Cicero im dritten Buch seiner „Tusculanen“ zum ersten Punkt ausführt und was Seneca in seiner Schrift „Von der Ruhe der Seele“ zum zweiten Punkt beibringt. Mir, der ich zu anderem eile und schon das Laufziel sehe, bleibt nicht die Muße zu umfassender Erörterung. Immerhin: soweit es meine Zeit erlaubte, habe ich die Wunde verbunden und auf die Seelenärzte hingewiesen, die du, wenn dir dies nicht genügt, hinzuziehen kannst.

Deine letzten drei Beschwerdepunkte habe ich einer Antwort nicht erst für wert gehalten, weil das „harte Los“ ja gerade das Thema des größten Teils dieser unserer zweiten Unterredung ist und bleibt, weil ferner die „Kürze des Lebens“ ja eben diese „Härte“ lindern und verkleinern muß, und weil schließlich die Natur das „ungewisse Lebensende“ mit Absicht so eingerichtet hat: man soll eben glauben, es sei immer gegenwärtig oder doch sehr nahe.

Petrarcameister - Von Traurigkeit und Elend

Der Illustrator hat sich mehr an den Titel als an den Inhalt gehalten. Keiner der Trostgründe der „Vernunft“ findet auf dem Bild sein Äquivalent; um so bewegender ist die Not der Armen dargestellt, die vor dem Kirchenportal betteln. Auf ein Dokument hin wird einem der Bittsteller eine Gabe zuteil, die anderen flehen vergebens.

2.106. Von Neid und Mißgunst

Schmerz: Ich bin neidisch.

Vernunft: Der vorher genannte Affekt (der Geiz) wünschte, daß es dir gut, dieser, daß es anderen schlecht gehe; umsoviel ist dieses Nichtgönnen: der Neid, schlimmer als jenes: der Geiz. Treffend also sagt derselbe Weise, den ich soeben zitierte: „Nichtswürdig ist das Auge des Neidischen, unersättlich das Auge des Gierigen.“

Schmerz: Der Neid quält mich.

Vernunft: „Neid, verglichen mit dem, was Tyrannen Siziliens erfanden, Ist die schlimmere Folter . . .“ sagt Horaz; und zu euren Tyrannen hat ein Pestwind von Süden sie herübergetrieben.

Schmerz: Der Neid martert mich.

Vernunft: In einem Atem sündigst du und wirst gestraft - so geschieht der Gerechtigkeit Genüge.

Schmerz: Das Glück des Nachbarn erzeugt bei mir Neid.

Vernunft: Keiner von euch, das glaub' ich dir aufs Wort, beneidet den König der Parther oder der Perser, und ebensowenig sind sie auf euch neidisch. Aber es gab einst den gegenseitigen Neid zwischen euch, weil die Größe des römischen Reiches anwuchs, bis ihr Nachbarn wurdet. Genügt es euch denn aber nicht, von eigenen Übeln, die ja so zahlreich sind, gepeinigt zu werden? - nein, ihr zermartert euch obendrein über fremde Güter, so daß ihr von allen Seiten unglücklich und toll werdet.

Schmerz: Ich bin neidisch auf meine Nachbarn.

Vernunft: Eine alte Sache! - der Neid ist triefäugig, Entferntes sieht er nicht. Nachbarschaft und Wohlstand sind des Neides Eltern.

Schmerz: Ich bin neidisch auf fremde Güter.

Vernunft: Wenn du neidisch bist, dann bist du notwendigerweise auch kleinmütig. Von allen Lastern ist der Neid der faulste, in hochstehende Seelen steigt er nicht hinauf. Auch das unglücklichste ist er: alle übrigen Laster haben doch eine, wenn auch falsche, Vorstellung von etwas Gutem, er aber nährt sich ausschließlich von Übeln und quält sich herum mit Gütern, und das Schlimme, was er anderen wünscht, das hat er schon bei sich selbst. So ist denn dem Ausspruch des Makedonen Alexander zuzustimmen: „Neider sind weiter nichts als Foltern oder Selbstfolterer“ - eines unbeschwerten Jünglings schwerwiegendes Wort!

Petrarcameister - Von Neid und Mißgunst

Der Illustrator geht aus von dem altdeutschen Sprichwort: „Der Neid mag nichts essen außer sein Herz“ (vgl. Fraenger a.a.O. S. 114). Die verstört daherschleichende alte Frau („Invidia“ als Femininum!) beißt in ihr eigenes Herz, das sie gierig mit beiden Händen zum Munde führt. „Das andere Symbol für das Selbstzerstörerische des Neides soll der Vulkan sein, der links im Bilde im Ausbruch ist“ (Scheidig a.a.O. S. 309). Hier ist die Vorlage nachweisbar: Sebastian Brant, der Mentor des Meisters, vergleicht im „Narrenschiff“ das Sichzernagen des Neides mit der Selbstverzehrung des Ätna.

2.118. Vom freiwilligen Handanlegen an sich selbst

Schmerz: ES ist mein fester Vorsatz, den Freitod zu wählen.

Vernunft: Eine einzige Sache erst zu fürchten, dann zu wünschen - das ist eure ganze „Beständigkeit“. Erst hattest du weibische Angst vor dem Tode, nun hast du ein menschenunwürdiges Verlangen nach ihm - was, frag' ich dich, ist denn so plötzlich der Grund deines Sinneswandels?

Schmerz: Ich werde gezwungen, selber Hand an mich zu legen.

Vernunft: Wenn du „gezwungen“ wirst, ist das schon kein „freiwilliges“ Handansichlegen mehr - obwohl man es so nennt -, weil ein gezwungener Wille zwar Wille, aber ganz gewiß kein freier Wille ist, nein, eigentlich auch kein „Wille“, der er ja erst durchs „Wollen“ wird. Von wem du aber „gezwungen“ wirst, das solltest du bitte genau nehmen. Daß Hand an jemanden gelegt wird, kann auch gegen seinen Willen geschehen, du selbst aber kannst nur mit deinem Willen Hand an dich legen.

Schmerz: ES gibt starke Gründe, die mich zum Sterbenwollen zwingen.

Vernunft: „Stark“ sind sie schon - das gebe ich zu -, wenn sie doch „zwingen“, aber sie wären nicht „zwingend“, wenn du ein Mann wärst. Jetzt ist gegenüber eurer Willensschwäche nichts ohne Einfluß; aber gib acht, ob ich nicht richtig ahne, was diese Gründe sind: Zorn, Empörung, Ungeduld - eine Art von Raserei, die sich gegen sich selber kehrt, kurz: ein Vergessen deiner selbst! Denn gedächtest du daran, daß du ein Mensch bist, so würdest du erkennen, daß man alles Menschliche mit Gleichmut ertragen soll, und würdest nicht aus Abscheu vor einem kleinen Übel, womöglich gar keinem echten Übel, ins größte Unglück stürzen wollen.

Schmerz: Hand an mich zu legen, sehe ich mich durch äußerste Übel gezwungen.

Vernunft: „Äußerste“ Übel, die dich bedrücken, gibt es gar nicht. Jenes schlimmste und äußerste Übel, das dich bedrängt, ist die Verzweiflung; gibt es doch gegen alle sonstigen Übel ein Heilmittel, gegen dieses einzige aber keins. Was sind das denn aber für „äußerste Übel“, wie du sie nennst? Allenfalls Mühsal, Armut und dergleichen, worauf der Dichter zu sprechen kommt in den Versen:

„sie gaben den Tod sich Schuldlos mit eigener Hand; das Licht des Tages verwünschend warfen sie weg ihr Leben.“

Aber drunten, so fügt er hinzu, bereuten sie es zu spät:

„und würden jetzt lieber droben im Lichtglanz Armut und harte Arbeit ertragen.“

Sind dies aber so schlimme Übel? - das erstgenannte: Mühe und Arbeit haben alle Guten mit tapferem und gleichmütigem Herzen ertragen (wir haben darüber an gegebener Stelle gesprochen (11,56)), manche haben es sogar aus freien Stücken erwählt und sind dadurch ruhmgekrönt und für alle Ewigkeit reich geworden. „Das Jahrhundert paßt zu seinen Männern“, sagt Sallust; und daß hierzu der Mensch geboren werde, lesen wir bei jenem heiligen und schmerzgebeugten Alten. Ihr dagegen, ihr zappliges Getier, haltet alles, was eurer Habgier und Lüsternheit nicht glatt genug geht, für einen berechtigten Grund zum Selbstmord. So verwöhnt, so kopflos ist eure Genußsucht, daß ihr aus unbedeutenden Gründen nicht nur dem Schicksal, sondern euch selber zürnt und, im Aufbegehren gegen Gott selber, mit ruchlosen Worten ausfallend werdet, als ob alles und jedes, worin der Herr euch nicht gefügig scheint, ein schweres Unrecht wäre.

Schmerz: Ein Gefangener gewaltiger Übel, wähle ich den Tod.

Vernunft: AUS Lebensüberdruß, glaub' ich, dem wohlbekannten Laster aller Toren. Den Weisen nämlich ist jedes Leben angenehm: das frohe nehmen sie gern, das traurige geduldig hin, und Freude macht ihnen, wenn sie an den Dingen als solchen keine Freude haben können, eben schon das Ertragen. Nichts in den Dingen erfreut und beglückt mehr als die Tugend. Sie ist es, die das Beschwerliche lindert, das Schiefe zurechtbiegt, das Harte erweicht und mildert, alles Schwierige und Rauhe glättet. Vorbei alle Klagen, vorbei alles Jähe! - kurz: nichts ist heiterer, nichts ruhiger als das Leben des Weisen. Diese Tränen und Herzensängste aber, diese Wolken und Stürme, die das zerbrechliche Lebensschifflein zerschellen lassen, entstammen einzig und allein der Torheit.

Schmerz: Ich kann die Krankheit nicht ertragen, darum wähle ich den Tod.

Vernunft: Eine törichte und überhebliche Wahl! Laß den Herrn über deinen Leib, den Er selbst geschaffen hat, nach Seinem Ermessen bestimmen! Wie? du willst zwar freie Verfügung für dich über dein Haus, wovon du doch das Holz und die Steine nicht gemacht hast, worin schließlich außer der Baumeisterei nichts dein Werk ist, und willst doch keine freie Verfügung für den Herrn aller Dinge in Seinem Haus, für Ihn, der darin nicht nur Fleisch und Knochen, Blut und Lebenshauch, sondern Himmel und Erde und Meer und alles, was darin ist, aus dem Nichts erschaffen hat? Du darfst nicht, als ob es nur dich anginge, sagen: „Mein Leib ist von starkem Schmerz gequält“; du hast ja den Leib nicht als herrschaftliches Eigentum erhalten, sondern zum Gebrauch und nur für kurze Zeit. Du wärst der Herr deiner Lehmhütte, glaubst du? - ihr Insasse bist du! Der alles gemacht hat, Er ist der Herr von allem.

Schmerz: Durch den Schmerz bin ich gezwungen, mir den Tod zu wünschen.

Vernunft: Vielleicht wird der Schmerz dir zur Erfahrung gegeben: ist er beschwerlich, wird er doch nützlich sein können. Wenn er unerträglich ist, wird er wenigstens nicht lange dauern. Warte auf die Weisung des Herrn, der dich zurückruft, und ist der Ruf ergangen, dann gib Antwort, aber nicht früher! Dein Termin ist festgelegt; ihn vorwegzunehmen ist Frevel, ihn hinauszuschieben unmöglich. Dennoch sind ihm viele zuvorgekommen und haben sich durch die Flucht vor geringer und kurzer Not in ewige und unwiderrufliche Nöte versenkt, ja, es sind große Schriftsteller dieser Meinung gewesen, insbesondere Annaeus Seneca. Er rollt so beständig und so oft dahin zurück, daß ich darin eher eine persönliche Eigenheit von ihm sehe und manchmal genötigt bin, mich zu fragen, woher eine so traurige Ansicht in das Herz eines so großen Mannes eingedrungen sein mag. Um von anderem zu schweigen, was zu weit führen würde, - er schreibt in einem Brief an Lucilius: „Wenn der Dienst des Körpers nichts mehr nützt, warum sollte man die leidende Seele nicht hinausführen?“ und ein paar Zeilen später: „Ich werde herausspringen aus dem verfaulten und einstürzenden Gebäude.“ O Seneca, wie falsch! und wieviele gute Aussprüche befleckst du mit dem einen falschen! Nein, es heißt nicht wandern - es heißt warten! Laß die Trümmer deines Hauses, statt zu fliehen, lieber über dir zusammenstürzen!

Schmerz: Ich kann das, was mir droht, nicht ertragen, ich will lieber sterben.

Vernunft: Ein möglicher Tod von Feindeshand kann, wenn tapfer hingenommen, ohne Schändlichkeit sein, wohingegen dieser freiwillige Tod auf jeden Fall eine Schande ist, weil er der Befehlsgewalt des übergeordneten Herrn zuwiderläuft, gegen die nichts auf gute Weise geschehen kann.

Schmerz: Ich möchte lieber sterben als das, was bevorsteht, erleben.

Vernunft: ES ist nicht Mannesart, dem Glück nicht graden Blicks in sein Doppelgesicht schauen zu können, sondern Weiberart ist es, angstzitternd die Augen abzuwenden. Was verstört dich denn dermaßen, daß du nur noch die Hilfe des Todes erflehst? Ist es vielleicht dein, ist es der Deinen, ist es des leidenden Vaterlandes langsam nahendes Unglück? Die ersten beiden sind schwach, denn Fortuna vermag nichts, wogegen die Tugend sich nicht stemmen könnte. Im dritten Falle zeigst du zwar Pietät, aber eine schlaffe und träge. Wenn wirklich Knechtschaft und des Tyrannen Angesicht dem Vaterlande drohen, dann finde man den Tod lieber im Zurückschlagen als im Ausbiegen, so wie es Männer, nicht wie es Frauen machen! Und doch hebt in dieser Sache Seneca aufgrund seiner obenerwähnten Sondermeinung den Tod Catos mit seltsamen Lobsprüchen in den Himmel. Nicht so Cicero! - er begnügt sich mit einer Entschuldigung, enthält sich aber des Lobes. Er sagt nämlich: „Cato, unglaublich ernst von Natur und ein Mann von immerwährender Beständigkeit, hat lieber sterben als ein Tyrannenantlitz anblicken wollen“. Brutus jedoch hat es angeblickt und es lieber durch den Tod des Tyrannen aus der Welt schaffen als durch den eigenen Tod vor dem Anblick fliehen wollen. Wie gut oder schlecht er daran getan hat, das lasse ich auf sich beruhen - er hat es jedoch getan. Cicero aber vergißt mit dieser Entschuldigung Catos seine eigene bessere Ansicht, die er sehr viele Jahre vorher im sechsten Buch seines Werkes „Vom Staat“ niedergelegt hatte. Sie geht dahin, daß er in dem Traumgespräch, welches der jüngere Scipio im Himmel mit Vater und Adoptivgroßvater führt (wobei den Träumenden beim Hören von der Unsterblichkeit der Seele und der Seligkeit des jenseitigen Lebens ein Verlangen nach dem Tode überkommt) sogleich den Vater eine so unnütze Sehnsucht rügen und ihn die Worte sprechen läßt: „Nein, ehe nicht der Gott, dessen Tempel dies alles ist, was du hier erblickst, dich von jener Wacht über deinen Körper befreit hat, kann der Zugang hierher dir nicht offenstehen; sind doch die Menschen unter dem Gesetz erzeugt, daß sie jene Kugel, die du in der Mitte dieses Tempels siehst und die den Namen „Erde“ trägt, in ihre Obhut nehmen. Darum hast du, Publius, und haben alle Frommen die Seele festzuhalten bei der Wacht über den Körper, und ihr dürft nicht ohne Geheiß dessen, der ihn euch gegeben hat, aus dem Menschenleben wandern, damit ihr nicht als solche dasteht, die aus dem von Gott euch zugewiesenen Amt desertiert sind“. Genügen diese Worte Ciceros nicht als Schuldbeweis gegen den von ihm entschuldigten Cato? Eins ist klar: würdest du schon dann, wenn ein irdischer Herrscher dich zur Bewachung irgendeines Platzes abgeordnet hat, nicht wagen, dich ohne seinen Befehl zu entfernen, und würde er über dein etwaiges Zuwiderhandeln schwer erzürnt sein, was erst meinst du vom himmlischen Vater, dem man um soviel mehr Gehorsam schuldet, wie Gott größer ist als ein Mensch! Es lebte bis vor kurzem Stefano di Colonna, ein Mann von altrömischer Tugend, hochberühmt nicht nur in unserer, sondern für alle künftige Zeit. Er wurde von einem gewaltigen Feind, dem er an Macht nicht gewachsen war, belagert und hatte einen Turm, den er als Gefahrenstelle erster Ordnung ansah, einem seiner Leute, auf dessen Treue er sich verließ, anvertraut mit dem Befehl, die Stellung zu halten. Dieser Turm, schon von verborgenen Minen untergraben, geriet ins Wanken und drohte einzustürzen. Die flüchtenden Kameraden forderten ihn auf herunterzukommen, um sein Leben zu retten, da sein Verbleiben nichts mehr nütze, für ihn aber gefährlich und verhängnisvoll sei. „Nein“, sagte er, „ich komme nicht herunter, ehe nicht der, von dem ich hierhergestellt wurde, mich abruft!“ Als dies dem Stefano gemeldet wurde und er nun, um ihn besorgt, persönlich herbeieilte, um ihn abzurufen, stürzte der Turm, dessen Fundamente schon klafften, mit großem Getöse ein. So geriet der treue Wächter unter die Trümmer, aus denen sein Herr ihn nur mit Mühe ausgraben konnte, um ihn tiefbetrübt und unter Tränen zu bestatten. Solange er lebte, sehnte er sich voller Ehrfrucht nach ihm und begleitete oft in Gesprächen mit Freunden sein Andenken mit dem verdienten Lob. Was ich mit diesen Worten sagen will, verstehst du: solch ein Wächter über den dir anvertrauten Leib sollst du sein gegenüber Gott, wie dieser Mann einer war über den vertrauensvoll ihm anheimgegebenen Turm gegenüber seinem Herrn. Es bleibt mir freilich nicht verborgen, daß der Tod Catos zu seiner Zeit von vielen gepriesen wurde und in der Meinung der Menschen ruhmvoll war. Bekannt ist der Ausspruch Julius Caesars, der als Sieger nach Utica, wo Cato sich das Leben genommen hatte, geeilt war und dort von seinem Tod erfuhr: „Cato hat mir meinen Ruhm geneidet, und ich neide ihm seinen.“ Als großartig galt so etwas sicherlich, wenn der größte und ruhmreichste Mann darauf neidisch war.

Schmerz: Was also steht im Wege oder hindert mich, dem Sterben eines weisen Mannes, das ein Mensch von höchstem Rang für beneidenswert hielt und das von Weisen entschuldigt und gelobt wurde, mich anzuschließen und den unzähligen Schwierigkeiten des Lebens durch einen Selbsthilfetod zu entweichen? Ich will sterben.

Vernunft: Sieh zu, daß dich keine leere Erwartung täuscht! Es gibt ja auch andere - wahrlich ebenso Beredte, aber das tut nichts zur Sache -, die diesen Tod Catos weder loben noch entschuldigen, sondern aufs schwerste tadeln, unter ihnen Augustinus', der schärfste Erforscher der Wahrheit. Er bestreitet, daß der Grund des Selbstmords der war, daß Cato nicht mit seinem Sohn unter die Herrschaft Caesars kommen wollte, da er doch ganz aus sich heraus auf der Flucht zu Caesar war und von seiner Gnade alles erhoffte, worin er sich auch nicht täuschte. Wenn er das für schändlich gehalten hätte, warum habe er dann seinen Sohn nicht zusammen mit sich selbst vergiftet oder erstochen oder durch eine andere Todesart von derartiger Schande befreit? Manlius Torquatus habe ja Lob dafür geerntet, daß er persönlich seinen Sohn, der gegen den Befehl des Vaters eine Schlacht geliefert und in ihr gesiegt hatte, getötet hat. Man kann es doch nicht eine größere Schande nennen, über einen vorwitzigen Feind Sieger zu sein als einem stolzen Sieger zu gehorchen! Warum also hat Cato den Caesar für würdig gehalten, seinem Sohn das Leben zu schenken, nicht aber für würdig, es ihm selbst zu schenken, ja, warum hat er ihm das sogar „geneidet“? Kurzum: als einzigen Beweggrund des catonischen Freitods deckt Augustinus den Neid auf, was ja auch Caesar selber, wie wir gerade sagten, unumwunden ausgesprochen hat. Was sonst konnte er denn fürchten? oder wie hätte er als Fürsten den nicht ertragen sollen, der, vor Jahren als Konsul, ihn aus der Kurie hinaus- und in den Kerker hineingeworfen hatte, ohne daß er sich wegen eines so großen und handgreiflichen Unrechts umbrachte? Wie gegenstandslos wäre jetzt die Furcht, wie falsch die Annahme von Siegerübermut und -grausamkeit gewesen, um sich deswegen umzubringen! Was war denn so Grauenerregendes an Caesars Gesichtsausdruck, daß man sogar den Tod benutzen mußte zur Flucht vor dem Mann, der nicht nur unter allen Tyrannen, sondern auch unter allen Fürsten der gnädigste und mildeste war; hatte er doch zu seiner Zeit zwar keinen Mächtigeren, aber jedenfalls viele Brutalere gesehen, bestimmt jedoch keinen Milderen. Mit Recht also sagt ein anderer hervorragender und durch seine Glaubwürdigkeit wie durch seine Beredsamkeit berühmter Schriftsteller: „Mir scheint Cato einen Grund zum Sterben gesucht zu haben, nicht so sehr um vor Caesar zu fliehen, wie um den Grundsätzen der Stoiker, deren Anhänger er war, zu gehorchen und seinen Namen durch eine großartige Tat berühmt zu machen.“ Was ihm, wenn er leben geblieben wäre, hätte geschehen können, ist mir unerfindlich, denn Gajus Caesar in seiner Milde wollte sogar in der Hitze des Bürgerkrieges nichts Anderes erreichen als dies: dazustehen als ein Mann, der sich um den Staat dadurch wohlverdient gemacht habe, daß er ihm die beiden besten Bürger Roms, Cicero und Cato, erhalten hatte. Siehst du, da hast du außer dem Neid noch ein anderes Selbstmordmotiv: die törichte Eitelkeit. Beides ist eines Cato unwürdig; und schon gar nicht ist die Eitelkeit ein hinreichender Grund, den Tod vorwegzunehmen.

Schmerz: Ich möchte lieber sterben als so leben.

Vernunft: Was weißt du, ob nicht dein Leben, das du so traurig findest, vielen wünschens-, ja, beneidenswert vorkommt? Aber die Ungeduld treibt alle Dinge auf die Spitze.

Schmerz: Ich wünsche mir den Tod.

Vernunft: ES ist ebenso schwierig, den Furchtsamen die Angst vor dem Tode wie den Verzweifelten den Haß auf das Leben zu entwinden. Und doch: das Leben mit Gleichmut durchzustehen, dem Tode tapfer ins Auge zu sehen - darin gipfelt unsere Heilungsvorschrift.

Petrarcameister - Vom freiwilligen Handanlegen an sich selbst

Der linke Teil des Bildes ist aus der antiken Überlieferung genommen: der Philosoph Empedokles ist dargestellt, wie er sogleich von den Flammen des Ätna, in den er gesprungen ist, verzehrt werden wird, ein im Altertum bewunderter Freitod, den aber Sebastian Brant im „Narrenschiff“ als Gipfel der „Narrheit“ brandmarkt. Die beiden anderen Darstellungen entstammen dem Text Petrarcas: rechts hinten der treue Wächter, der auf Geheiß des Stefano di Colonna ausharrt, bis er vom Turm in die Tiefe fällt; vorn Cato, der sich in Utica in sein Schwert stürzt, um Cäsars Alleinherrschaft nicht mitansehen zu müssen, ein Selbstmordmotiv, das Petrarca im Text nach ausführlicher Erwägung schärfstens mißbilligt.


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